Schreiben - ja ist das nicht ein herrlich Ding? Man benötigt dazu keinen Schul- der Universitätsabschluss, keinen Eintrag in die Handwerksrolle, keine Ernennungsurkunde, anders als fürs Kinderzeugen nicht einmal Potenz...ial. JEDER kann schreiben, aber lässt das Können auf Könnerschaft schließen? Nein, natürlich nicht, aber weil die rechtlichen Barrieren fehlen, lassen Unzählige ihre Ergüsse auf die Menschheit los. Oder erst einmal auf Lektoren in den guten alten Zeiten vor books on demand. Der vorliegende Band ist zwar aus dem Jahre 2011, versammelt aber Preziosen aus vielen Jahren, vor allem aus zurückliegenden, als der Weg über ein Lektorat eben noch unumgänglich war. Und was Lektoren alles so lesen mussten und müssen, habe zweie von ihnen aufgeschrieben. Genauer, das Witzigste, Skurrilste, Dilettantischste, Anmaßendste haben sie für uns herausgesucht und neckisch kommentiert, wobei sie die skurrile Schreibweise ihrer potenziellen Kunden amüsant, aber nie verletzend nachahmen. Das ist auch nötig, denn die Sache hätte leicht in eine larmoyante Selbstbeweihräucherung kippen können, nach dem Motto, "Schaut her, was wir armen Lektoren zu erdulden haben und was wir Euch Lesern Gutes tun mit unserem Filter". Aber das vorliegende Buch ist ein Lesevergnügen. Wenn auch eher nur selten ein ausgemachter Schenkelklopfer, denn es erzählt viel über die verstiegene Hybris verblendeter Möchtegernautoren, die glauben, in einem Handstreich Millionen von Lesern glücklich zu machen und gleich noch die Welt zu erklären oder zu retten. Letzteres ist allerdings auch Anlass zu einer (sehr leisen) Kritik, denn meines Erachtens fokussiert das Buch zu sehr den Bereich des im weitesten Sinne Esoterischen / Religiösen. Bei den Preziosen aus diesem Bereich handelt es sich um Fundstücke von "Autoren", deren Gehirnwindungen weit jenseits von gut und böse und allgemeinüblichen Denkstrukturen sind. Man kann sie leicht als Spinner abhaken, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob sie eigentlich auch etwas mit allgemeinmenschlichen Eitelkeiten, mit den Auswürfen tatsächlich publizierter mittelmäßiger Autoren, ja vielleicht mit uns selbst zu tun haben. Schätzenswerter sind die Zeilen von Einsendern, die noch nicht ganz der realen Welt enthoben sind - und irritierender, denn man fragt sich, wie das anscheinend "normalen" Zeitgenossen passieren kann, mit denen man sich durchaus vorstellen könnte, mal ein Bierchen zu trinken. Herausgegriffen sei der Vorschlag, eine Sexszene gegenüber der ersten unbeantworteten Manuskripteinreichung noch etwas deftiger zu gestalten (S. 104): "Kaum riß sie ihm gierig den Reißverschluß auf, da schnellte sein mächtiger Kolben wie von einer Stahlfeder getrieben empor ... Schon ließ sie ihre geschickte Zunge darauf Polka tanzen...". Das ist natürlich gequälte übertriebene Metaphorik, darin irgendwie auch wieder sehr spaßig, andererseits nicht wahnsinnig weit entfernt von so manchem anderen metaphorischen Blödsinn, den sich Buch und Film bei der schönsten Nebensache der Welt einfallen lassen. Oder bei anderen Dingen, die durchaus als publikationswürdig angesehen werden. Das Sportreporterdeutsch ist voll von vermeintlich originellen Metaphern, oder Musikkritiken sind es. "Eine Stimme wie ein Tunnelbohrer, zielstrebig, kraftvoll, vehement fordernd", so Tino Lange im "Hamburger Abendblatt" über Caro Emerald. Was ist eigentlich ein vehement fordernder Tunnelbohrer, ist das so viel besser als der "mächtige Kolben"?
Wie dem auch sei, die Leseproben im vorliegenden Band gelten schon zu Recht als nicht publikationswürdig, es sei denn zu unserer Mischung zwischen Amüsement und Fassungslosigkeit. Fassungslos macht auch der Umgang gewisser Schreiberlinge mit der deutschen Sprache. "Alle Briefe sind in der Originalfassung wiedergegeben. Und selbstverständlich blieben die Fehler erhalten." Daher am Schluss ein Tipp: Versuchen Sie keinesfalls, alles zu verstehen, was in diesem Büchlein steht. Dies erwiese den unfreiwilligen Mitautoren zu viel der Ehre und machte die Lektüre zu einem recht zähen Unterfangen. Und gleich noch ein Tipp, falls Sie ebenfalls gern einmal etwas veröffentlichen möchten: Das Buch entmutigt keinesfalls; Sie werden feststellen, dass Sie viel besser sind als die hier versammelten Einreichungen. Und wenn nicht, dann werden Sie sich vermutlich für so genial halten, dass Sie dieses Buch und diese Rezension nicht lesen und sich auch nicht von mir auf den Schlips getreten fühlen müssen.
* Online-Ausgabe, 9.11.2011, 22.56 Uhr, da war das Konzert gerade einmal ca. 15 Minuten zu Ende. Das journalistische Bemühen um Schnelligkeit hat seinen Preis...