Der Ich-Erzähler Sam kommt nach dem Unfalltod seiner Eltern in eine Pflegefamilie und verliert zudem auch den Kontakt zu seinen Geschwistern. Erst als junger Mann trifft Sam wieder auf seine Geschwister Lisa und Raph. Doch während Lisa immer wieder von den Eltern und ihrer gemeinsamen Kindheit erzählt, hat Sam sämtliche Erinnerungen an diese Zeit verdrängt.
„Das große Verlangen" schildert Sams Suche nach seiner Vergangenheit. Sein Ziel beschränkt sich nicht darauf, zu wissen was gewesen war, stattdessen will er sich selber erinnern können. Während sich seine Zwillingsschwester an ihre Erinnerungen klammert und ständig davon erzählt, kann Sam dem nichts Eigenes entgegensetzen. Seine Suche ist daher auch eine persönliche Form der Selbstfindung.
Langsam kann Sam sein Leben rekonstruieren, unter Zuhilfenahme von eigenen Erinnerungen aber auch von Lisas Geschichten. Der Prozess des Erinnerns wird durch Möring detailliert wiedergegeben, wie bei einem Puzzle setzt sich langsam das Gesamtbild zusammen. Der Leser erlebt die Suche aus der Sicht des Sam. Er hat dadurch keinen Wissensvorsprung sondern ist genauso wie Sam auf der Suche nach den Erinnerungen.
Möring bleibt in seiner Geschichte glaubhaft und verzichtet auf überraschende Wendungen in der Handlung. Sam ist nicht außergewöhnlich, sein Schicksal zwar individuell aber nicht exotisch. Das Rätsel der verlorenen Erinnerung ist allgegenwärtig und das Ende von Sams Suche ist gleichermaßen realistisch und überzeugend. „Das große Verlangen" ist fesselnde Lektüre, die einen auch nach Weglegen des Buches noch beschäftigt.