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Polgars frühere Werkausgabe, die von Marcel Reich-Ranicki und Ulrich Weinzierl herausgegeben wurde, ist zwar sehr gelungen, doch leider vergriffen. Deshalb ist es gut, dass Harry Rowohlt das Übersetzen ein wenig hintan gestellt hat und sich um eine neue Auswahl kümmerte. So entstand Alfred Polgar. Das große Lesebuch. Immerhin ist Polgar für ihn ein Vorbild, eines, das er sogar noch persönlich kannte, wie er im Vorwort schreibt.
Polgar war ein Meister der kleinen Form, dem das Leben zu kurz schien für lange Literatur. Er schrieb deshalb Feuilletons, Skizzen, eine Fülle von Rezensionen und Kritiken, Aphorismen und wieder Feuilletons. Und diese kurzen Texte darf man nicht unterschätzen. Immer wieder verblüfft, wie viel er darin verpacken konnte. So lässt sich gut demonstrieren, wie Texte, die eigentlich für den Tag geschrieben wurden, noch nach Jahrzehnten witzig, unterhaltend und sehr nahe sein können. Wohltuend ist dabei auch, dass seiner Sprache das heute übliche Knallige und Spektakuläre gänzlich abgeht.
Unter den Nationalsozialisten musste Polgar emigrieren. Nach dem Krieg kehrte er zurück, und man verpasste ihm schnell das Etikett eines Klassikers -- oder wie er es ausdrückte: "In Österreich ist ein empfindlicher Mangel an Klassikern ausgebrochen, und da musste ich eben aushelfen." Herumgereicht wurde er gerne, doch war sein intellektueller Witz und sein unbestechlicher Blick unbequem geworden. Genaue Beobachter stören immer, besonders wenn am Wiederaufbau gearbeitet wird und die früheren Jahre möglichst schnell vergessen werden sollten.
Diese Auswahl in diesem großen Lesebuch macht Lust auf mehr Polgar. Deshalb ist die Ankündigung erfreulich, dass ein weiterer Band folgen soll, diesmal mit seinen Theaterkritiken. --Tobias Hierl -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Wundervolle Pointen in tiefengehenden Geschichten lassen ihn in einem Atemzug mit Kurt Tucholsky, Robert Musil oder Alfred Kerr nennen. Seine satirische Scharfsinnigkeit ist fast schon legendär, sein schier unerschöpfliches Themenrepertoire als scharfzüngigen Satiriker, Zeitkritiker und Berufs-Skeptiker reicht von Heurigen-Beobachtungen über zwischenmenschliches bis hin zu wunderbaren Landschaftsbeschreibungen. Das Wichtigste jedoch waren dem Erfinder des Cafehaus Central immer die Menschen bzw. das Menschliche.
Die journalistische Kraftmeierei der damaligen Zeit war ihm fremd, vielmehr verstand er sich in seiner melancholischen Kleinprosa aufs Weglassen. Seine Geschichten vermitteln den Eindruck spielerischer Leichtigkeit, scheinen vielmehr unscheinbar oder nebensächlich zu sein - um so mehr treffen sie genau den Kern der Sache!
Es gibt leider nicht mehr viele Journalisten und Autoren dieses Kalibers, die durch die Schwerelosigkeit ihrer Formulierungen bestechen und einen genialen Blick für die Kostbarkeiten des Lebens besitzen. Alfred Polgar verstand es diese Dinge zu sehen und brillant zu Papier zu bringen. Als gesellschaftskritischer Moralist und Pazifist stellt er oft in ironischer Distanz die bürgerliche Moral in Frage.
Auch 50 Jahre nach seinem Tod hat der Meister der kleinen Form nichts von seiner literarischen Anziehungskraft verloren, so facettenreich präsentiert Harry Rowohlt das Werk, ganz im Gegenteil: die literarische Kreativität und Virtuosität sowie seine ironisch präzise Sprache lassen Alfred Polgar als Meister der treffsicheren Pointe zeitlos werden!
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