Vom Wesen der Katze
Die Katze ist ganz anders, sie dient niemandem wissentlich oder willentlich. Ihre einzige Fertigkeit – das Fangen von Mäusen, Ratten und anderen unerwünschten Hausbewohnern – hat sie von sich aus gelernt. Es gibt keinen Menschen, der behaupten könnte, er hätte eine Katze dazu abgerichtet, eine Aufgabe zum menschlichen Vorteil zu erfüllen. Im eigenen Interesse erlernen manche Katzen gewisse kleine Fertigkeiten, aber sie wollen und werden niemals Schafe hüten, Meldungen überbringen oder zum Sanitäter laufen, um Hilfe für einen verwundeten Soldaten zu holen. Es gibt keine Polizeikatzen, keine Wachkatzen, keine Schlittenkatzen.
Die Katze kommt nicht einmal herbei, wenn sie gerufen wird, es sei denn, es paßt ihr selber gerade in den Kram.
Ihre halsstarrige Unabhängigkeit in anderen Dingen bringt den Menschen oft aus dem Häuschen, und es waren sicher solche Augenblicke, in denen er den Charakter der Katze zu verleumden begann, um sich zu trösten. Er schalt sie hinterlistig, treulos, grausam. Man konnte ja niemals erkennen, was sie dachte, aber sie sah deutlich so aus, als ob sie ihrerseits wüßte, was die Leute dachten. Von da an war es sicherlich nur ein kleiner Schritt, den Katzen zuzutrauen, daß sie Begleiter der Hexen wären und darauf ausgingen, kleine Kinder umzubringen.
Wenn eine Katze einen Menschen nicht mag, ist es genausowenig möglich, mit ihr zusammenzuleben wie mit einem Tiger. Andererseits kommt es vor, daß sie einem Menschen eine warme, unverbrüchliche Freundschaft zuwendet, ohne daß es bei der weiten Skala der unberechenbaren Wesensart der Katze festzustellen wäre, welchem Umstand das zu verdanken ist. Diese Freundschaft kann man ebenfalls nicht als eine Verbindung zwischen Gleichstehenden bezeichnen – wer die Oberhand hat, wird stets zweifelhaft bleiben! –, aber sie setzt auf beiden Seiten freie Wahl voraus: jeder muß des anderen Entfaltung und Unabhängigkeit in seinem Lebensbereich dulden und Respekt vor des Partners Persönlichkeit beweisen. Wenn der Mensch diese Grundsätze akzeptiert, wird ihm die Katze mehr als den halben Weg entgegenkommen. Sobald sie erst einmal in dieser Weise Verbindung mit dir aufgenommen hat, ist sie alles andere als unnahbar: würdevoll und mit einem ausgeprägten Sinn für Privatleben – ja; aber unzugänglich, verächtlich, herablassend – nein! Sie wird sehr hartnäckig versuchen, dich die Katzensprache zu lehren, was nur schön und richtig ist, da die Katze die menschliche Sprache recht gut versteht, obwohl sie nicht oft dazu zu bringen ist, sie zu beachten.
Genau wie bei den Menschen ist bei den Katzen die Neigung zur Redseligkeit verschieden groß. Der Umfang deiner Konversation mit ihr ist somit nicht unbedingt ein Maßstab für den Grad eurer Freundschaft. Manche Katzen erwidern die Bemerkungen des Menschen einfach mit ausdrucksvollen Gebärden – einem Zucken des Schwanzes, einem Augenzwinkern oder einer plötzlichen Aufmerksamkeit für einen Schmutzfleck auf ihrem Fell, der unbedingt sofort gewaschen werden muß. Was die Katze damit ausdrücken will, wird nicht immer ganz klar.
Katzen haben meist Sinn für Spaß, obwohl sie zu würdevoll sind, um im eigentlichen Sinn Humor zu besitzen. Da sie ausgesprochen praktisch veranlagt sind, bestehen ihre Spiele aus lauter Abwandlungen und Übungen ihrer jagdlichen Fertigkeiten und Künste. Sie können eine zum Knäuel verschlungene Schnur beschleichen, sich plötzlich daraufstürzen und wütend damit kämpfen; sie können um einen rollenden Ball herumtanzen und mit den Vorderpfoten danach haschen, als sei es eine Maus; sie können auch hinter einem Zaun lauern, bereit, blitzschnell eine Pfote zu heben und jedes Ding zu packen, das sich auf der anderen Seite vorbeibewegt.
Bei diesen Spielen gebärden sich die Katzen wie Spaßmacher, aber nie wie Dummköpfe. Sie freuen sich, wenn man mit ihnen lacht, können es jedoch nicht ertragen, ausgelacht zu werden, ja, sie gehen steifbeinig und beleidigt davon, sobald sie fühlen, daß man sie lächerlich machen will.
Katzen sind sehr konservative Geschöpfe. Sie lieben es, die Dinge in ihrer eigenen Weise zu tun, ohne sich dreinreden zu lassen. Veränderungen verwirren sie, und kein Versuch, sie wieder zu beruhigen, vermag sie im geringsten zu veranlassen, das ihnen Unliebsame leichter zu ertragen.
Oft hassen sie es, in Wagen oder Zügen zu reisen, und beklagen sich bitterlich, wenn die Fahrt beendet ist. Sie sind mißtrauisch gegen jede Neuerung in ihrem Küchenzettel, mögen es nicht, wenn ein Familienmitglied ihre Nahrung anders zubereitet oder wenn man sie ihnen in einer ungewohnten Schüssel oder in fremder Umgebung vorsetzt.
Das ist häufig als Widerspruchsgeist gedeutet worden, und tatsächlich scheinen manche Handlungen einer Katze purer Eigensinn zu sein. Bei jeder Gelegenheit läßt sie sich auf verbotenen Stühlen nieder, verläßt jedoch ungesäumt jeden anderen Stuhl, auf den man sie setzt. Hartnäckig bleibt sie hocken und blinzelt nur, wenn man sie auffordert, ins Haus zu kommen oder hinauszugehen. Fünf Minuten später, nachdem du es unwillig aufgegeben hast, deinen Willen durchzusetzen, kratzt sie gebieterisch an der Tür, um hinaus- oder hereingelassen zu werden.
Was wir so mit ihr durchmachen, ist einfach der steifnackige, absolute Widerstand gegen alles, was nicht ihre eigene Idee ist. Gelegentlich wird sie scheinbar gehorchen, aber es ist mehr ein glückliches Zusammentreffen unserer Wünsche mit den Absichten, die sie ohnehin hegte. Sei nicht entmutigt! Im wesentlichen folgt die Katze nur ihrem eigenen Willen.
Für den Menschen ist das eine gleichermaßen bewunderungswürdige wie erbitternde Eigenschaft, die einer steten Herausforderung gleichkommt. Es verlangt Mut und starken Charakter, sich damit zu messen. Wenn deine Erbitterung stärker ist als deine Bewunderung, darfst du dir keine Katze als Haustier halten.
Elke Heidenreich
Die Katze der verlassenen Frau
Sie ist so traurig. Ich weiß gar nicht mehr, was ich noch machen soll. Ich lege mich vor sie hin und zeige ihr mein Bäuchlein – sie bückt sich und weint. Ich springe beim Fernsehen auf ihren Schoß – sie weint. Ich kuschel mich nachts im Bett fest an sie – sie weint. Wenn sie ißt, springe ich auf den Tisch und nähere mich ihrem Teller, als wollte ich mitessen. Früher hat sie dann immer ein großes Theater gemacht und geschrieen: »Katzen bei Tisch – stumm wie der Fisch!« und hat mich mit ksch, ksch! heruntergescheucht. Jetzt? Jetzt sagt sie müde: »Ach, Josef!« und streichelt mich, ißt noch ein bißchen und schiebt mir den Rest hin: »Nimm du, ich mag nicht mehr.«
Was tut man bloß, wenn der Mensch so verzagt ist? Wenn es mir schlechtgeht, rolle ich mich in meinem Körbchen zusammen, stecke die Nase unter den Schwanz, mache die Augen fest zu und denke: »Dann eben nicht!« Und dann sinke ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf, und wenn ich wach werde, scheint vielleicht die Sonne und auf der Terrasse steht schon der Liegestuhl, in dem ich mich putzen und rekeln kann, oder es gibt frisches Hackfleisch. Sie sitzt da, die Hände im Schoß, und starrt auf das Telefon.
Er ruft aber nicht an.
Er hat alles mitgenommen, was ihm gehörte, das war zwei Tage Unordnung und Krach, Kisten standen herum, ich wurde von einer Ecke in die andere geschickt und war immer nur im Weg. Er hat mich gar nicht mehr richtig bemerkt. Hat er ja nie. Nicht wirklich, nur am Anfang, als er sich über mich bei ihr einschmeicheln wollte. So was durchschaue ich aber sofort, damit macht man bei mir keine Punkte. Ich war immer ihr Kater, und als er endgültig weg war und den Schlüssel auf den Tisch geschmissen hatte, sagte sie zu mir: »Josef, jetzt sind wir zwei wieder allein!« und weinte.
Was soll ich sagen – ich bin froh, daß wir wieder allein sind. Ich mochte ihn nicht besonders. Er war zu laut, er rauchte zuviel, ich durfte nachts auch nicht im Bett schlafen. Ich kam immer erst, wenn er eingeschlafen war und...