Man soll mit Superlativen vorsichtig sein, aber ich habe in letzter Zeit kein Buch gelesen, dass mich von der ersten Zeile an derart in seinen Bann gezogen hat. Dabei ist es ein kurzes Buch, das jeder innerhalb einiger Stunden zu Ende lesen kann. Aber es ist ein Buch, bei dem jeder Satz wie in Stein gemeißelt daherkommt. Das immer wieder geforderte Entschlacken des literarischen Textes von allem Nebensächlichem, seine Befreiung von allem Ballast, die pure Konzentration auf den Kern - in dem vorliegenden Buch ist sie gelungen.
Kompromisslos und kantig wie die Sätze, in denen die Geschichte erzählt wird, ist auch der Inhalt. Zwei Jungen, es handelt sich um ein Zwillingspaar, geraten in der Endphase des Zweiten Weltkrieges in das Elend des Hinterlandes an einer nicht näher bezeichneten Grenze (wahrscheinlich ist es die ungarische). Sie werden von ihrer Mutter bei einer monströsen Großmutter abgegeben und müssen bei der herzlosen, stinkenden alten Frau für jeden Bissen hart arbeiten. Doch die Zwillinge, die ebenso wie alle anderen Handlungsträger völlig namenlos bleiben, leiden nur kurz, bald finden sie sich zurecht und entwickeln eine geradezu gespenstische Überlebensfähigkeit. Für alle, die mit ihnen in Berührung kommen, die Magd, den Vater, den Offizier und andere werden sie zum Schicksal. Sie sind weder gut noch böse, sie folgen einfach einem inneren Kompass der sie manchmal zu Wohltätern und manchmal zu Richtern am Ende sogar über den Vater macht Das Buch enthält Schilderungen, wie ich sie noch niemals vorher gelesen habe und die ich nicht so schnell vergessen werde. Mehr wird nicht verraten. Einfach kaufen und lesen!