Leere, pathetische Wortsalven wie "ein Epos über Geheimnisse, Lügen, Leiden und Verlust, poetisch, sprachgewaltig und zu Herzen gehend" lösen bei mir gemeinhin verwirrte Ungläubigkeit aus. Der Klappentext bietet Nicole Krauss' neuestes Werk feil wie ein Blendprodukt, dass Pralinen verspricht, aber Hasenknödel liefert. Das Rühren der Werbetrommel ist wohl der Angst des Verlags geschuldet, dass "Das grosse Haus" niemals Einzug in die Bestsellerriege erhält. Aber das muss es auch nicht.
Denn "Das grosse Haus" war, wie zu erwarten, "ArtHaus"-Literatur; ohne komprimierte Handlung, ohne Spannungsbogen, aber dafür mit Passagen, bei denen sich der Leser der Wahrheit ein Stück näher, und in seinem eigenen Wunschdenken ertappt fühlt: "...dass man an der physischen Welt teilnehmen soll, solange sie einem gegeben ist, weil das ein Sinn des Lebens ist, den niemand bestreiten kann. Schmecken, fühlen, einatmen, essen und sich vollstopfen - der ganze Rest, alles, was Geist und Seele betrifft, lebt im Schatten des Ungewissen. Aber dir ist die Lektion nie leichtgefallen, und am Ende hast du sie nie akzeptiert" (S. 78). Eine Verbeugung an dieser Stelle auch für die Übersetzung, die mit einem Stipendium gefördert wurde.
Der Roman ist keineswegs leicht zu durchdringen, viel zu oft habe ich meine Konzentration und Geduld verloren, Passagen unbewusst überflogen. Um so mehr ist es der Erzähl- und Schreibkunst Krauss' geschuldet, dass ich an der Lektüre letztlich doch hängengeblieben bin. Eigentlich geht es gar nicht, wie ich erwartet habe, um das Judentum, Familientradition und die schmerzliche Geschichte der Judenverfolgung. Vielmehr verwendet Krauss das Bild der innerlich zertrümmerten Familie, zu stolz, um sich Fehler einzugestehen, zu sensibel, um darüber hinwegzusehen. Wir werden Zeuge von den kleinen und mittelschweren tagtäglichen Morden, welche die Familienmitglieder in diesem "Zwei-Generationen"-Roman unbewusst oder aus Trotz aneinander begehen, und fühlen uns erinnert. Letztlich ist auch die Metapher des vielgereisten Ungetüms von Schreibtisch nur ein Stichwortgeber in "Das grosse Haus". Immer wieder taucht er auf, als die schmerzliche Erinnerung, personifiziertes Leid transportierend.
Der Titel des Romans ist gleichzeitig die Metapher für den Inhalt des Romans selbst. Wie in einem großen Haus spielt sich in jedem Zimmer ein anderer Nebenschauplatz ab. Das grosse Ganze ist nur aufaddiert, die Summe seiner Teile.
Und wir stellen fest, es gibt sie noch, die grosse, unaufgeregte Literatur, jenseits der Bestsellerlisten, der es keiner Anpreisung bedarf.