Marco Ferreris Film "La Grande Bouffe" von 1973 gewann zwar die "Goldene Leinwand" und den Preis der Internationalen Filmpresse in Cannes. Der erfolgreichste französische Film aller Zeiten wurde aber auch als "dekadent", "abscheulich", "zynisch" und "häufig obszön" bezeichnet. Wer darin nicht zwangsläufig einen Widerspruch sieht und mit Flatulenz, Diarrhoe und einer explodierenden, bis dahin gut gefüllten Toilette im Film zurechtkommt, besitzt schon mal die Grundvoraussetzungen, das große Fressen zu goutieren.
Der Film reiht sich in die Liga von Übersättigungs-Installationen ein, dort, wo es "Crash" mit der krankhaften Erotisierung der Bewegungsvernichtungsmaschinen hat, wo "Ma Mère" die Grenzen des erotischen Reizes auslotet, beschäftigt sich dieser Film genau mit dem, was er verspricht. In allen Fällen geht es um Entmenschlichung durch Entartung.
Mancher mag solche Provokation als Skandal empfinden, während die wabbelnden Jungwale vor Currywurstbuden wohl als kulturelle Bereicherung unserer Städte eingestuft werden - sozusagen die Antwort des Abendlandes auf die Denkblockade des Orients. Man sollte nicht vergessen: Menschen sterben nun mal nicht eigentlich an Herzkreislauferkrankungen und Krebs, sondern an deren Ursachen - eben dem, was wir unserem Körper (zuviel) zumuten.
Der Tod im Film kommt - mal ohne schwarze Krawatte - in Form einer wohlgerundeten und stets gut gelaunten Muse, die für jeden und alles Verständnis hat und genussvoll die finalen Portiönchen füttert: Die Lehrerin Andréa (Ferréol, 26) stieß scheinbar zufällig zum Quartett der Todgeweihten, aber sie wird es sein, die die Herren über den Styx leitet.
Wer wäre auch besser geeignet als eine Frau, die mit Kindern umzugehen versteht? Sind doch die Protagonisten zwar schon etwas mehr als im besten Mannesalter, haben aber die Reife von Halbwüchsigen keineswegs hinter sich gelassen. Auch mit dem, was so aus den verschiedenen Öffnungen hinausspeit, gehen Mütter bekanntlich ohne großes Aufhebens um. Nun, in meinem Umfeld funktioniert dieser naheliegende Schluss keineswegs - viele Damen verabscheuen diesen Film: Was beim Baby süß ist, wird bei älteren Herren nur noch als widerlich empfunden. Dabei sind Geburt und Tod auf der verdeckten Seite des Lebenskreises doch lediglich durch die Unendlichkeit getrennt...
Was die meisten von uns erstreben - oh nein, keineswegs nur im Kapitalismus - ist "Genuss", wenn dieser schmeichelhafte "pars pro toto" für den Reichtum gestattet ist. Genießen wollen wir das Leben, doch merkwürdigerweise scheinen wir genau das als Genuss zu schätzen, was uns zerstört. Süßigkeiten und fette Speisen, Gewürze und Zucker, Koffein und Nikotin, Drogen und Alkohol, Reizüberflutung und Verkehr kann man anscheinend nicht genug bekommen, während man gerne auf alles verzichten, was Hirn und Körper in Schuss halten könnte: Das erste, was sich ein Emporkömmling leistet, sind Bewegungsvernichtungsmaschinen. Das erste, was nicht mehr funktioniert, ist die körperliche Liebe. Wozu auch? Man hat sie doch freiwillig "ersetzt".
Der Bewegungsvernichtung hat der Pilot Marcello (Mastroianni, 49) sein Leben gewidmet - wenn er nicht fliegt, liebt er Oldtimer; daher ist sein Körper schon so erledigt, dass selbst skurrilstes Kopfkino sein Verlangen nicht mehr in fleischliche Aktivitäten überführen kann. Natürlich tragen die Damen an seiner Schlaffheit Schuld: fertig ist die Karikatur des ewig pubertären und impotenten Macho, der Mütter anzieht wie Motten das Licht.
Dem Bewegungsersatz Marcellos steht der Denkersatz des Fernsehschaffenden Michel (Piccoli, 48) gegenüber. Er, der Unkultur produziert, hat sich der Kultur verschrieben - beziehungsweise den Insignien einer Kultur, wie er sie versteht. Seinen Kokon brachte er mit in die schattige Villa. Körperliches empfindet er als Sakrileg, gleichwohl zelebriert er narzisstisch den eigenen. Lieber stirbt er, als die Kontrolle über seine Därme zu verlieren - zum Leidwesen vieler Zuschauer wird ihm das nicht gelingen.
Doch im Vergleich zu Philippe (Noiret, 43) sind die beiden genannten geradezu große Jungs - der Richter hängt noch an den Zitzen und den fertigen Fingern seiner monströsen Zofe und hat sich - in seinem Beruf sicher nicht diskriminierend - die Weltsicht eines Zehnjährigen bewahrt. Steht der Richter Philippe für die Missachtung der Ethik oder für die Bewahrung der Unreife? Wer wollte nicht mal sein Kindermädchen heiraten? Und welcher Junge teilt nicht gerne mit seinen Freunden?
Bleibt der Vierte der Musketiere, Ugo (Tognazzi, 51), als Koch die zentrale Figur, sozusagen derjenige, der von klein auf "den Strom für den Stuhl" zaubert. Sein Leben war stets dem Leiblichen zugewandt, mit 14 bekam er seinen Messersatz (aus Deutschland, hört, hört!), als Restaurantchef verlebte er die Mitte und als Bekocher der Freunde stößt er sich, vom kleinen Philippe gefüttert, auf der Tarte Andréa in den Himmel unserer französischen Nachbarn, die mindestens ebenso gerne wie wir Gloutonnerie als Gourmandise falschmünzen.
Doch das große Fressen bleibt nicht einseitig und linear in seiner Morbidität: Den Todgeweihten wird mit kurz entschlossen "eingeflogenen", ebenso ansehnlichen wie anpackenden Soziatricen ein Bild des prallen Lebens ohne Völlerei gegenübergestellt. "Hedonismus" (das Leben der Lust weihen) besitzt selbstverständlich eine andere Bedeutung als Selbstzerstörung. Gerade das, was kurzfristigen Lustgewinn verschafft, aber langfristig zu Beschwerden führt - wie unmäßiges Essen(!) - führt Epikur als Beispiel für unvernünftige Begierden an. Was manche Kritiker also missverstehen, steht für die drei Callgirls nicht in Frage; der Fress-Sucht können die Damen nichts abgewinnen. So ist es an einer von ihnen, den zentralen Satz des Films zu sprechen: "Warum esst Ihr, wenn Ihr nicht hungrig seid?"
Solche Sätze hört man ansonsten eher von Religionsstiftern.
Bleibt die Frage, ob der Film nicht nur sehenswert ist, sondern Vergnügen bereitet. Falls Sie zu denen zählen, die darin nicht unbedingt einen Widerspruch sehen, möchte ich Sie ermutigen. Auch nach all diesen Jahren finde ich den Streifen aufs Neue faszinierend, bin mir auch nicht sicher, ob ich einst manches nicht wahrgenommen hatte oder früher eine beschnittene Version gesehen hatte.
Das Auge isst mit - viele Szenen sind geradezu liebevoll arrangiert und fotografiert und verbreiten die Anmutung barocker Gemälde. Das Nerven mit einem einzigen Musikthema findet man auch in anderen großen Filmen - mich hat es nicht gestört. Nicht nur auf den Buffets türmt sich die "crème de la crème" - auch die Darsteller sind "erste Sahne". Der Ton - wenn auch mono - schafft eine gute Verständlichkeit, auch dort, wo man vielleicht lieber Vogelzwitschern vernommen hätte. Bei allem jedoch sollte man vielleicht auch die entzückenden komödiantischen Schmankerl des Festmahls nicht übersehen.
film-jury 5* A0332 5.11.2010eg Genre: Komödie | Drama