In diesem sehr hübsch illustrierten Buch finden sich die schönsten Balladen, gesammelt von Christian Strich mit einer Vielzahl farbiger Bilder von Tatjana Hauptmann, die die Essenz der Balladen gekonnt visualisiert. Dabei erinnern mich die Illustrationen an alte Märchenbuchillustrationen meiner Kindheit und vermitteln mir insofern leicht nostalgische Gefühle.
Als Kind erlernte ich jede Woche eine Ballade oder ein Gedicht. Meine Lehrer waren damals der Ansicht, dass dies eine gute Gedächtnisübung sei und man zudem dadurch Sinn für Poesie entwickeln würde.
Beim ersten Duchblättern dieses Buches stellte ich fest, dass ich folgende Balladen einst auswendig aufsagen konnte: "Zwei Königskinder" (Volkslied), "Heideröslein" (Goethe), "Der Zauberlehrling" (Goethe), "Erlkönig" ( Goethe), "Der Sänger" (Goethe), "Die Bürgschaft" (Schiller), "Die Kraniche des Ibykus" (Schiller), "Des Sängers Fluch" (Uhland), "Loreley" (Heine), "Der Postillion" (Lenau), "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland (Fontane), "Archibald Douglas" (Fontane) und John Maynard (Fontane). Wo sind die Texte im Kopf hin verschwunden? Nur noch Satzfetzen tauchen auf,.... doch wenn man die Balladen zweimal gelesen hat, sind die Texte plötzlich wieder da und alle Strophen kommen spielend über die Lippen. Erfreulich. Hocherfreulich.:-))
Balladeninhalte regten als Kind meine Fantasie ungemein an und sie tun es noch immer, wie ich in den letzten Stunden feststellen konnte. Die deutsche Kunstballadendichtung erreichte ihren Höhepunkt übrigens im Jahre 1797, in dem Goethe und Schiller in enger geistiger Gemeinschaft ihre berühmten Balladen ( siehe oben) schufen. Die Balladen der deutschen Romantik nehmen häufig den Volksliedton auf und haben einen geheimnisvollen, unheimlichen oder auch heroischen Charakter, wie man dies bei den Balladen von Chamisso, Uhland und Heine erkennen kann. Besonders gefallen haben mir die mir bislang unbekannten Balladen von Morgenstern, Brecht und Kästner, bei dem die Ballade satirische Elemente aufweist:
Der Handstand auf der Loreley
Die Lorely bekannt als Fee und Felsen,
Ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
Wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
Von blonden Haaren schwärmend untergingen.
Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.
Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.
Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,
Bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.
Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage
Noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht
So alt ist keine deutsche Heldensage,
Dass sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.
Erst neulich machte auf der Loreley
Hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!
Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,
Als er kopfüber auf der Wand stand.
Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.
Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.
Man frage nicht: Was hatte er für Gründe?
Er war ein Held! Das dürfte wohl genügen.
(Erich Kästner)
Ein gelungenes Buch, das man immer wieder gerne zur Hand nimmt.