Wer singt denn heute noch mit seinen Kindern? Reichen nicht die vielen neueren Kinderlieder-CDs, die man sich immer wieder anhören kann und rhythmisch-musikalisch ach so modern erscheinen? Muss man überhaupt noch gemeinsam musizieren oder gar singen?
Man muss dies nicht und auch die neueren Möglichkeiten, andere vermeintliche Kinderlieder abspielen zu lassen, sind nicht in jedem Fall verwerflich. Aber man muss sich auch darüber im Klaren sein, dass mit jedem Lied, das nicht weitergegeben und -gesungen wird, ein Stück Tradition und Ritual verloren geht. Jedes "aussterbende Lied" ist ein Verlust eines lange Zeit tradierten Kulturgutes. Über die musikalische Qualität der einzelnen Lieder mag man auch unterschiedlicher Meinung sein; dennoch stiften sie Gemeinsamkeit, die in einer rasch alternden Gesellschaft unbedingt erforderlich ist.
Somit ist das "KinderLiederBuch" des Annette Betz- bzw. Ueberreuter-Verlages ein äußerst wertvoller Band, um gesellschaftliche Bande zu stärken.
Die Auswahl der 51 Lieder ist thematisch orientiert erfolgt und beginnt mit einem Abendlied, was vielleicht etwas seltsam anmuten dürfte. Diese Platzierung ist wohl der Tradition entlehnt, dass häufig zum Einschlafen alte Lieder gesungen werden. Die weiteren Kapitel heißen "Alle Vögel sind schon da", "Ich bin ein Musikante", "Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann und "Lirum, larum, Löffelstiel".
Es werden wohl viele Lieder dabei sein, die der heutigen Elterngeneration, die in Deutschland aufgewachsen ist, bekannt oder sogar vertraut sein dürften. Die Anzahl der jeweils abgedruckten Strophen ist unterschiedlich und so gehalten, dass jeweils höchstens eine DIN A 4- Buchseite hierfür in Anspruch genommen werden muss.
Die mit Akkorden und Noten gut abgedruckten Lieder werden von vortrefflichen Zeichnungen und Bildern ergänzt. Diese sind von einem liebevollen, detailverliebten Humor gezeichnet und stellen einen Neugier machenden Bezug zum Lied her, wie zum Beispiel bei der "Vogelhochzeit", wo ein Löwe auf seinem Kopf einen Zylinder tragenden Vogel beäugt bzw. aus einer Klebstoff-Tube der Marke UHU die Masse in einer Herzform herausquillt.
So ist nicht nur ein Kinder-Lieder-Buch entstanden, sondern auch ein bemerkenswertes Bilderbuch.
Bei der Begleit-CD sind jeweils nur die erste Strophe aufgenommen worden, was aber ausreicht, um ein noch nicht bekanntes Lied zu lernen bzw. bekannte melodisch wieder korrekter zu singen. Die instrumenten-Begleitung durch den Klavierflügel hätte zur Abwechslung auch mal durch Gitarre erfolgen können. Ebenso wäre es schön gewesen, nicht immer abwechselnd nacheinander die Lieder mit Solostimme oder im Duett zu singen. Dafür aber ist die Ablagehülle für die CD sehr kompakt und kinderfreundlich ausgestattet, so dass man davon ausgehen kann, dass die CD tatsächlich im Buch ihren Aufbewahrungsort behält.
Ein Verbesserungsvorschlag wäre für eine nächste Auflage, etwas mehr Hinweise zum Entstehungszeitpunkt der Lieder zu geben und ein Quellenregister anzuführen.
Alles in allem eine doch vortreffliche Produktion für die Beibehaltung von Tradition und Ritualen, ohne dabei allzu konservativ zu wirken.