Erscheinungstermin: 6. September 1976 | Reihe: suhrkamp taschenbuch (Buch 342)
'Das grüne Haus' ist einer der großen lateinamerikanischen Romane, die seit Mitte der sechziger Jahre Aufsehen erregten und der europäischen Literatur eine ungeahnte Erwiderung und Bereicherung boten. Sein Autor wurde im Jahr des Erscheinens, 1966, gerade dreißig Jahre. "Das vielleicht erstaunlichste und eindrucksvollste Zeugnis der jungen Generation unseres Kontinents", nannte den Roman der Nobelpreisträger von 1967, Miguel Angel Asturias. Es ist Vargas Llosas komplexestes Werk, dasjenige, worin die lateinamerikanische Lebenserfahrung am reichsten Gestalten und Geschichten hervorgetrieben hat.
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Über den Autor
Mario Vargas Llosa, geboren 1936 in Arequipa/Peru, studierte Geistes- und Rechtswissenschaften in Lima und Madrid. Bereits während seines Studiums schrieb er für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen und veröffentlichte erste Erzählungen, ehe 1963 sein erster Roman Die Stadt und die Hunde erschien. Der peruanische Romanautor und Essayist ist stets als politischer Autor aufgetreten und ist damit auch weit über die Grenzen Perus hinaus sehr erfolgreich. Zu seinen wichtigsten Werken zählen Das grüne Haus, Das Fest des Ziegenbocks, Tante Julia und der Schreibkünstler und Das böse Mädchen. Vargas Llosa ist Ehrendoktor verschiedener amerikanischer und europäischer Universitäten und hielt Gastprofessuren unter anderem in Harvard, Princeton und Oxford. 1990 bewarb er sich als Kandidat der oppositionellen Frente Democrático (FREDEMO) bei den peruanischen Präsidentschaftswahlen und unterlag in der Stichwahl. Daraufhin zog er sich aus der aktiven Politik zurück. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhielt er 1996 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2010 den Nobelpreis für Literatur. Heute lebt Mario Vargas Llosa in Madrid und Lima.
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Begeistert noch von Vargas Llosas Roman 'Das Fest des Ziegenbocks', der interessante Einblicke in Herrschaftssystem und -methoden des dominikanischen Diktators Trujillo von 1930 bis zu seinem Tod durch Attentat im Jahre 1961 gewährte, reizte es mich, mit dem im spanischen Original bereits 1965 erschienenen Roman 'La Casa Verde' eines seiner Frühwerke kennen zu lernen. Das 500 Seiten starke Buch, das zu den besten Romanen der lateinamerikanischen Literatur gezählt wird, hat meine hohen Erwartungen nur teilweise erfüllt.
Der Roman spielt im Norden Perus an mehreren weit voneinander entfernten Schauplätzen. In der kleinen Wüstenstadt Piura westlich der Anden steht das 'grüne Haus', ein Bordell mit Küchenbewirtung, Musik und Tanz. Es wurde von Don Anselmo, dem geheimnisvollen Fremden, in der Farbe seiner Heimat, des grünen Urwaldes jenseits der Anden errichtet. Die von ihm ausgehenden Verlockungen erregen Fantasie und Gemüt der Kleinstädter so sehr, daß sie es angestachelt durch Padre García, den Ortspfarrer, niederbrennen. Viele Jahre später wird es von Don Anselmos Tochter, der 'Chunga', ein zweites Mal aufgemacht. Vier Freunde, die sog. 'Unbezwingbaren', verkehren hier als Stammkunden. Lituma, ihren Anführer, verbindet eine eigene Geschichte mit einer der Frauen des Hauses, die allgemein 'Selvática' genannt wird. Zweiter Schauplatz ist die Missionsstation Santa María de Nieva im schwer zugänglichen Urwald östlich der Anden. Hier prallt die heile Welt der Urwaldindios, der sog. Nacktärsche, brutal zusammen mit der berechnenden Welt der Weißen. Indianer werden von Militärs gegen ihren Willen zu Soldaten gepreßt.
... Geschäftemacher und Kautschukhändler haben nur die Ausbeutung der Indios im Sinn. Hochherzige Nonnen entführen junge Indiomädchen ihren Familien, um sie zu guten Christenmenschen zu erziehen, nichtsahnend, in welchem Ausmaß sie dadurch in deren Leben eingreifen. Bonifacia ist eines dieser Mädchen. Ihr bitterer Weg führt sie bis ins grüne Haus. Ein dritter Schauplatz ist der Oberlauf eines Urwaldflusses, wo der japanische Abenteurer Fushía eine selbstherrliche Feudalherrschaft errichtet hat. Während er als Todkranker von seinem Freund Aquilino auf dem Amazonas zur Leprastation gebracht wird, lebt diese fast mythische Zeit der Gesetzlosigkeit in ihm noch einmal auf.
Für dieses komplexe Werk muß der Leser viel Geduld mitbringen. Schnell findet er sich in einer chaotischen Welt wieder, die ihn von den ersten Informationen an verwirrt, gleichzeitig aber auch anzieht, ihn immer nur Bruchstücke von vermuteten Zusammenhängen verstehen läßt. Man vermißt einen Erzähler, der einem das Wirrwarr der zahlreichen Personen und Schicksale an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten ordnet. Waren es beim Trujillo-Roman im wesentlichen nur zwei Handlungsstränge, so müssen jetzt fünf gleichlaufende Erzählfäden verfolgt werden. Das läßt den Lesefluß zwangsläufig leiden. Die Fülle an Handlungsdetails erfordern ein gutes Gedächtnis, will der Leser nicht den Überblick verlieren. Eigentlich sollte man das Buch mit dem Wissen der 500 Seiten gleich noch einmal lesen. Gewöhnungsbedürftig ist auch die vom Autor gewählte experimentelle Form seines Satzbaues. Direkte Rede vermengt sich abrupt mit indirekter, ein in der dritten Person begonnener Satz endet nicht zwangsläufig auch in dieser. Verwirren können zudem die zahlreichen fremden aus dem südamerikanischen Kontext stammenden Begriffe. Das sicherlich verdienstvolle Glossar am Buchende ist zu kurz. Es hätte gerne umfangreicher sein können. Auch wären kurze Erläuterungen zu den Indianerstämmen mit ihren exotisch klingenden Namen wie Aguarunas oder Huambisas hilfreich gewesen.
Fazit : Die kritischen Bemerkungen sollen nicht darüber hinwegtäuschen, daß Mario Vargas Llosa mit La Casa Verde ein sehr dichter Peru-Roman mit reichen Gestalten und Geschichten gelungen ist. Freude macht neben vielen überaus treffenden Formulierungen und wunderschönen Situationsbeschreibungen die pralle Handlung, die mir manchmal das Gefühl gab, sie verkleinere die Wissenslücke, die der Schulunterricht zwischen dem spanischen Entdeckungs- und Eroberungszeitalter und der Realität des 20. Jahrhunderts in Südamerika hinterlassen hat. So gesehen kann nicht nur dem reinen aficionado des 1936 im peruanischen Arequipa geborenen Autoren oder dem Südamerika-Fan empfohlen werden, das vorliegende Buch zu lesen.
Sehr anschaulich und in dunklen Farben schildert Vargas Llosa das Leben im Städtedreieck Piura, Santa Maria de Nieva und Iquitos im Norden Perus. Aufhänger bildet das "grüne Haus", ein vom beinahe legendär erscheinenden Charakter Don Anselmo gegründetes Bordell. Thematisiert werden die herablassende Behandlung von Frauen und die Ausbeutung der indigenen Urbevölkerung im zeitgenössischen Lateinamerika. Die Erzählung springt scheinbar willkürlich in Raum und Zeit, manchmal ist es nicht ganz einfach, die unterschiedlichen Handlungsstränge zu überblicken. Andererseits garantiert sie eine Vielzahl an Überraschungsmomenten und Spannungshöhepunkten.
"Das grüne Haus" ist gewiss kein einfach zu lesendes Buch, hat man aber die ersten Schwierigkeiten überwunden, wird man belohnt mit einem faszinierenden Bild südamerikanischen Alltagslebens mit all seinen profunden Problemen. Ich persönlich war ab der ersten Seite gefesselt und kann nur jedem empfehlen, sich mit diesem Buch auseinanderzusetzen, denn es ist eines der eindrucksvollsten, die ich je gelesen habe!
Zunächst muss ich mich den Rezensenten vor mir anschliessen: Dieses Buch ist nicht nur aufgrund des Anspruchs und der Langatmigkeit schwer zu lesen, auch sprachlich muss man sich einfach nur anstrengen. Dennoch kommt mehr lateinamerikanische Atmosphäre als vielleicht im Fest des Ziegenbockes auf. Es ist mehr Alltagsschilderung als Erzählung, was der Autor schreibt, und oft wirkt es sehr wie direkt gesprochen durch die langen Ketten loser Satzteile, die aneinandergereiht werden. Die Gegensätze zwischen Christen und Ureinwohnern, zwischen Soldaten und Zivilisten, zwischen angesehenen Würdenträgern und Prostituierten, und eben auch zwischen Dschungel und Wüste tragen den Leser hin und her, alles ist nüchtern und sachlich dargestellt wie es eben ist, keiner ist wirklich der Gute oder der Böse sondern jeder übernimmt nur seine Rolle. Ich habe lange gebraucht, um zur letzten Seite zu kommen, habe auch einmal das gesamte Buch begonnen wieder von vorne zu lesen, aber am Ende war ich doch sprachlos und irgendwie auch überwältigt. Es ist schon in gewisser Weise das grosse Werk als das man es sieht, der hohe Anspruch hat eben aber auch seine Nachteile.
Natürlich handelt es sich hier nicht um einen Leicht-Lese-Schinken. Wer linearen Fortgang der Handlung und Einfaches erwartet, wird mit der hier verwendeten literarischen Collagetechnik seine Probleme haben. Für den Leseaufwand als Entschädigung: ein Klassiker der Moderne, der fasziniert von der ersten zur letzten Seite. Es ist einfach alles drin, menschliches, unmenschliches, grausliches und wunderbares. Natürlich vor dem Hintergrund Peru in den 50-er bzw. 60-er Jahren. Nebenbei ein Negativ-Lehrbuch in Sachen Militärdiktatur südamerikanischen Zuschnitts. Die Figuren werden lebendig vor dem inneren Auge des Lesers, und von hundert Jahre Langeweile keine Spur.
Originelle Kunst, bestimmt, aber auch Erzählkunst? Figuren, Geschichte, Gedanken oder Atmosphäre vermochten mich nicht ansatzweise zu fesseln. Die gewollte Desorientierung wirkte auf mich genau so: gewollt. Die Kolonialismuskritik ist nach Seite 10 klar und kaum mehr erweiterbar. Die gefühlten 100 Figuren bleiben auch nach Seite 250 ohne eingehendes Studium kaum unterscheidbar, die Orts- und Zeitsprünge, die Sprünge in der Namensgebung gleicher Figuren mögen Literaturwissenschaftler beglücken, mich ärgerten sie, weil sie auf mich nur wie eines wirkten: wie das ehrgeizige Bewerbungsschreiben für den Literaturnobelpreis. Empathie und Spannung wollten nicht aufkommen. Vielleicht liegt es auch an der Übersetzung (die die Desorientierung phänomenal unterstützt). Ich - großer Liebhaber des Ulysses oder der Ilias - kapituliere.