Zunächst einmal: Das Buch bekommt viele gute Rezensionen. Das Lob bezieht sich vor allem darauf, dass der Autor empfiehlt, dass einem aufgeregten Kind seine Bedürfnisse von Elternseite - in abgeschwächter Form und einfühlsam - gespiegelt werden sollten. Soweit so gut. Allerdings: Er beschreibt dazu eine Methode, die er Fast Food Methode (FFR) nennt und seine Beispiele sind darüber hinaus sehr amerikanisch (in den Formulierungen). Und: diese Methode ist nicht von ihm erfunden worden. Ursprünglich kommt diese Art, miteinander umzugehen, aus der Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers und heißt "anteilnehmende Rückformulierung". (Diese Methode wird übrigens z. B. auch bei Führungslehrgängen unterrichtet.)
Als zweites empfiehlt er, mit den Kindern in der Kleinkindsprache zu sprechen. Allerdings tun das alle Eltern i. d. R. intuitiv. Schwierig kann es dann schon sein, wenn es um "Wut" auf seiten des Kindes geht. Da ist es mitunter mit der elterlichen Einfühlung dann nicht immer mehr so gut bestellt. Karp empfiehlt dann, an sich selbst zu arbeiten.
Schließlich erklärt er, dass aufgeregte, trotzige kleine Kinder wie Höhlenmenschen denken und fühlen. Auch damit habe ich keine Probleme. Bis hierher konnte ich relativ gut folgen (mit obiger Einschränkung bezüglich der sehr amerikanischen Darstellung, die ich nicht besonders glücklich fand).
Nun geht es aber los: Er empfiehlt, sein Kind zunächst einer der drei Kategorien ausgeglichen, schüchtern oder temperamentvoll zuzuordnen. Brauche ich das? Einen Stempel für mein Kind? Und kann ich das nicht flexibel sehen, wie auch Kinder nicht in jeder Situation "vorhersagbar" handeln würden?
Dann schreibt er, dass aus Kindern dann glückliche und GESUNDE Erwachsene werden, wenn sie im Kleinkindalter LIEBEVOLL und RESPEKTVOLL behandelt werden. Was ist mit kranken Kindern? Haben die schlechtere Eltern? Da wird ein unglaublicher Druck aufgebaut und Dinge auf unverantwortliche Weise verkürzt! Außerdem sind die Methoden die er statt schimpfen und drohen empfiehlt, bei näherem Hinschauen nichts anderes als Manipulation.
Man soll ja ein Kind z.B. nicht mit Liebesentzug bestrafen, er empfiehlt hingegen "liebevolles Ignorieren".
Oder eine Überschrift lautet: "Wie man ein tolles Kind erzieht" Müssen Eltern ihre Kinder erst zu etwas Tollem machen? Ich lese hier wieder sehr viel Manipulation heraus. Oder er schreibt über trotzige Kinder: Keine Angst, sie stehen dem Ganzen ja nicht machtlos gegenüber. Wie? Es geht um Macht? Allein an dieser Stelle hat er für mich seine zu Anfang so gut versteckte Geisteshaltung kundgetan.
Oder: Er empfiehlt, sich täglich regelmäßig mit dem Kind auseinanderzusetzen und mit ihm zu spielen. Gut und schön! Aber: Er nennt das: "die Parkuhr füttern", damit "das Kind bereit ist zur Kooperation". Es geht also nicht um gemeinsam verbrachte Zeit als wertvolles Gut sondern als Mittel zum Zweck.
Oder er teilt das Verhalten von Kindern in Kategorien ein: in erwünschtes, störendes und inakzeptables Verhalten. Bzw. spricht z. B. von unkooperativem Verhalten, wenn Kinder Medizin nicht nehmen wollen oder bestimmte Lebensmittel ablehnen. Und dieses Verhalten der Kinder wird dann aber auch nicht weiter hinterfragt sondern es gibt dann Tipps und Ratschläge, wie Kinder doch noch zu kooperativem Verhalten bewegt werden.
Ein Rezensent bei amazon schrieb: "Aber für mich kam doch der Eindruck auf, als würden hier Kleinkinder anhand standardisierter Programme konditioniert zu störungsarmen Wesen." Trotz dieses Satzes gab dieser dem Buch dennoch 4 von 5 möglichen Sternen. Da frage ich mich dann doppelt, in was für einer Welt wir eigentlich leben. Da ist ein Mensch, der den Autor offensichtlich durchschaut hat und bewertet dann noch so positiv?
Rogers hat übrigens drei Grundvariablen festgelegt, die bei einem guten Gespräch herrschen sollten: Empathie (was Karp eingangs zumindest auch gefordert hat - und sich dann später doch deutlich widerspricht), außerdem Echtheit (zu seinen eigenen wahren Gefühlen stehen - Karp empfiehlt: "Klatsch-knurren", wenn Eltern wütend werden) sowie Wertschätzung: In diesem Buch kann ich die jedoch nicht erkennen, dafür Manipulation allerorten.
Zusammenfassend: Für mich ist das die in Buchform gegossene Super Nanny. Und mir war dann auch schlagartig klar, warum dieses hochgelobte Buch dann auch im Goldmann Verlag erschienen ist und nicht z. B. bei Kösel oder Piper.