Aus der Amazon.de-Redaktion
Wollte man es provokant ausdrücken, so müsste man sagen, dass der deutsche Film im Gegensatz zum amerikanischen Kollegen keine Künstler außer Regisseure und Schauspieler kennt. Oft genung hat es den Anschein, als ob alle anderen Beteiligten neben den Genannten reine Handwerker sind. Einer, der diese Annahme ganz sicher auf beiden Seiten des Atlantiks nachhaltig widerlegen konnte, ist Kamera-Profi Michael Ballhaus. Kaum ein anderer hat wie er eines bewiesen: dass Vertreter seiner Zunft viel eher Directors of Photography als Kameraleute sind.
Nicht weniger als 80 Filmen in 40 Jahren Berufserfahrung hatDie Ehe der Maria Braun), Wolfgang Petersen (Air Force One), Francis Ford Coppola (Bramstoker's Dracula) oder eben mit Martin Scorsese (Die letzte Versuchung Christi, Goodfellas oder Gangs of New York), die Liste ist lang und beeindruckend. Hohe Zeit also, sich mit diesem Künstler der Kamera auseinanderzusetzen. Genau das hat Regisseur Tom Tykwer mit Das fliegende Auge. Michael Ballhaus. Director of Photography nun getan. Nicht, dass das Prinzip des Buchs besonders innovativ wäre. Immerhin gibt es bereits mehrere ebenfalls exzellente Werke von Filmemachern über Filmemacher -- man denke in diesem Zusammenhang besonders an Truffauts Hitchcock oder Peter Bogdanovichs Wer hat denn den gedreht? Interviews --, die sich allesamt der Interviewform bedienen.
Tykwers Werk ist aber definitiv das erste deutschsprachige Werk, das sich ausnahmsweise einmal nicht mit anderen Regisseuren auseinandersetzt. In mehr als 50 Stunden Gespräch entwickelt Michael Ballhaus in auch für Laien sehr verständlichem Sprachstil ein Bild seiner Arbeit oder gibt Auskunft über den Unterschied seiner Arbeit in Deutschland und Amerika. Dabei kann der Leser beinahe die angenehme Atmosphäre spüren, die zwischen den beiden Partnern existiert haben muss. Hier stimmte die Chemie! Und da der sehr hübsch gestaltete Band dann auch noch adäquat bebildert ist, lässt sich eigentlich nur ein Fazit ziehen: Projekt gelungen, bitte mehr davon! --Constanze Quanz
Neue Zürcher Zeitung, 18. Oktober 2002
Dies sind Memoiren, wie sie sich der Filmenthusiast erträumt. Es wird geistreich aus dem Nähkästchen eines Profis geplaudert. Denn für diese Publikation nahm man sich das Filmbuch, das sich jeder als Erstes zulegen sollte, zum Vorbild: Francois Truffauts "Le cinéma selon Hitchcock" - zu Deutsch "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?". Um diese Frage Herrn Ballhaus zu stellen, setzte man Tom Tykwer, einen der spannendsten deutschen Filmautoren, mit dem Kameramann zusammen; für fünfzig Stunden.
Von Tykwer neugierig und klug geführt, entstand ein Gespräch nicht nur über Ballhaus' Karriere, sondern auch über die Faszination des Filmens und die Leidenschaft für das Kino. (...)
Zur lustvollen Lektüre des von Thomas Binotto bearbeiteten Buchs trägt schließlich die Illustration entscheidend bei: fim stills, kuriose Aufnahmen von Dreharbeiten und vor allem Bilderfolgen, welche das Raffinement von Ballhaus' Kamerabewegungen erahnen lassen.
Der Tagesspiegel, 30. November 2002
Eine Biografie in Form eines Interviews: Regissuer Tom Tykwer, der die bewegliche Kamera genauso liebt wie sein Gesprächspartner, entlockt Ballhaus mehr als nur Anekdoten. (...) Tykwer fragt wissbegierig und kenntnisreich, beinahe wie ein beflissener Musterschüler, der alle Ballhaus-Filme gesehen hat. Und Ballhaus antwortet - gelassen. Da spricht einer, der im Jetset zwischen Berlin, New York und Los Angeles niemals abgehoben ist. Ein Familienmensch, der mit seiner Frau Helga seit 42 Jahren verheiratet ist und dessen Söhne Florian und Sebastian eng mit ihm zusammenarbeiten. Gerne wird er der Zen-Meister auf dem Set genannt. Und auf die Frage nach Scorseses Vorliebe für die Vogelperspektive, den sogenannten "Gottesblick" in "The Last Tamptation of Christ", antwortet er ganz bodenständig mit dem Hinweis, der Regisseur sei nun mal nicht groß. Vielleicht hat Scorsese ja ein bisschen mehr von oben gucken wollen.
Kurzbeschreibung
Der 1935 geborene Michael Ballhaus ist einer der berühmtesten Vertreter seines Fachs. In Deutschland werden Künstler wie er immer noch leicht despektierlich "Kameramänner" genannt, obwohl sie eigentlich "Bildregisseure" heißen müssten - und wenn einer dazu beiträgt, dass sich letztere Berufsbezeichnung einmal durchsetzen wird, dann ist es Michael Ballhaus. In seiner nun vierzig Jahre und über achtzig Kinofilme umspannenden Karriere hat Ballhaus nicht nur den Mythos Fassbinder wesentlich mitgeprägt, er hat es als einer der wenigen deutschen Filmkünstler auch in den USA zu höchster Anerkennung gebracht. Mit Tom Tykwer, der wie kein anderer zeitgenössischer deutscher Regisseur in Bildern denkt, und Michael Ballhaus sind sich zwei geistesverwandte Künstler verschiedener Generationen begegnet und nahe gekommen. Über fünfzig Stunden lang haben sie über die Karriere von Michael Ballhaus und seine Filme diskutiert. Herausgekommen ist ein detailreiches Gespräch, das gleichzeitig den großen Bogen schlägt von 1954 und dem prägenden Besuch der Dreharbeiten zu Max Ophüls' Meisterwerk Lola Montez bis hin zu dem demnächst anlaufenden Film Gangs of New York, Martin Scorseses jüngstem Geniestreich. Die vorliegenden Memoiren porträtieren nicht nur eine unvergleichliche Karriere, sie gewähren auch überraschende und erhellende Einblicke in das vielschichtige Schaffen eines Filmemachers. Da wird das Geheimnis eines funkelnden Sternenhimmels auf der Leinwand gelüftet, wird enthüllt, wie man eine atemberaubende Verfolgungsjagd im Studio dreht, und verraten, weshalb der Visagist Meryl Streeps für Bildregisseure eine Plage ist. Ein Blick hinter die Kulissen des Filmemachens, durch den die Magie des Kinos spürbar wird. Und nicht zuletzt kann man in diesem Buch endlich eine Antwort auf die Frage finden, was denn eigentlich den Ballhaus-Touch ausmacht.
Über den Autor
Tom Tykwer wurde 1965 in Wuppertal geboren. Bereits als Jugendlicher drehte er eigene Super-8-Filme, leitete mit 23 ein Programmkino, war mit 29 Jahren Mitbegründer der Produktionsfirma "X-Filme", und 1998 gelang ihm mit Lola rennt der erfolgreichste deutsche Film der neunziger Jahre. Er hat große internationale Produktionen wie Das Parfüm gedreht und intime Studien wie Drei.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
.