Inge Jens erinnert sich in ihren kürzlich erschienenen Erinnerungen sehr deutlich an ihre erste Begegnung mit Katia Mann.
Am eindrücklichsten ist ihr geblieben, dass Katia Mann auf Fragen nach den Jahren des Exils empört ausrief: "Rausgeschmissen haben sie uns...".
Inge Jens hatte bis dahin geglaubt, dass die emigrierten Künstler den Weggang aus Nazi-Deutschland eher als Auszeichnung empfunden hätten.
Nach der Machtergreifung Hitlers und der Veröffentlichung erster Ausbürgerungslisten kehrten die allermeisten Autoren von Rang Deutschland den Rücken, hinzu kamen alle, die aufgrund ihrer politischen Gesinnung oder jüdischen Herkunft keine Existenzmöglichkeit mehr hatten.
Ein großer Teil der Literaten wählte als eine Etappe ihres Exils den kleinen Küstenort Sanary-sur-Mer an der Cote d'Azur.
Manfred Flügge hat mit "Das flüchtige Paradies" eine wunderbare Chronik des literarischen Exils in Sanary-sur-Mer vorgelegt.
Dieses Buch ist eine Neubearbeitung und aktualisierte und ergänzte Ausgabe seines bereits 1996 erschienenen Buch "Wider Willen im Paradies".
Er berichtet zunächst über die Odyssee des Heinrich-Heine-Denkmals, das seinerzeit von der österreichischen Kaiserin Elisabeth in Auftrag gegeben wurde und heute in Toulon an den Deutschen erinnert, der einst die Prophezeiung aussprach: "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen".
Sanary-sur-Mer war vor 1933 bereits Zufluchtsort englischer Schriftsteller, die hier besondere Bedingungen für ihre Arbeit fanden.
Ab den frühen Dreißiger Jahren waren es dann vor allem die deutschen Literaten, die hier eine neue Heimat auf Zeit fanden.
Einige waren nur auf der Durchreise, andere blieben für einige Jahre, spätestens jedoch nach Kriegsausbruch konnten auch sesshaft gewordene Künstler - wie die Feuchtwangers - nicht länger dort verweilen.
Manfred Flügge legt die Geschichte dieses Ortes und die jeweiligen Emigrationsspuren so berühmter Schriftsteller und ihrer Familien wie z.B. Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, der Manns, Rene Schickele, Walter Bondy und Franz Hessel frei.
Er erzählt von den Kontakten der Schriftsteller untereinander, von denen Katia Mann nach einer Feier einst sagte, "Besser hätte die Gesellschaft daheim auch nicht sein können".
Er erzählt von der Solidarität untereinander, aber auch von den Schwierigkeiten und Konkurrenzen der Schriftsteller.
Er legt inzwischen beinahe vergessene Lebensläufe frei und berichtet anschaulich von den sehr unterschiedlich empfundenen Lasten und Freuden einer ungewissen Zeit.
Während einige Künstler nicht nur kaum mehr ihre Existenz behaupten konnten, gab es auch jene, die sich einrichteten, denen es noch immer sehr gut ging. Den Verlust der Heimat jedoch steckte niemand so leicht weg, zumal an eine Wiederkehr nicht zu denken war...
Manfred Flügge hat in seiner sorgfältigen Chronik sehr anschaulich und sogar spannend die Fluchtlinien verfolgt und seine Kapitel über die einzelnen Schriftsteller(familien) mit ganzen Lebensläufen versehen.
Das macht sein Buch zu einem ungeheuer wertvollen und interessanten Schatz für alle Literaturinteressierten.
Sehr entdeckungswürdig!