Ein erstes Aufmerken für das Buch widerfuhr mir per Zufall auf der Frankfurter Buchmesse. Denis Scheck grub es aus seinem Reservatenkoffer empfehlenswerter Neuerscheinungen hervor. Eine Art Kriminalroman, der in einem finsteren Tal alpiner Bergwelt spielt, so hieß es. Eine Detektivgeschichte in heimatlicher Umrahmung? Ein Heimatroman? Mitnichten. Eine Beschreibung wäre eher: Ein in die Bergwelt versetzter Kampf zwischen eindringender Kultur und manifestierter Kulturlosigkeit.
Der Autor Thomas Willmann muss wohl in einer grausig grauen und eintönigen Provinz aufgewachsen sein; in einer Kultur stiller Gesetze und stillschweigend gesetzter Verbindlichkeiten. Anders ist diese Idee zu diesem fulminanten Debüt-Roman nicht zu erklären. In der Kulisse seines engumgrenzten, beklemmenden Hochtals wird man mit der abgründigen und abgeschotteten Kultur eines inzestuösen und machtbesessenen Familienclans konfrontiert. Ein Maler durchdringt den schmalen Eingang zum Tal; der Leser erhält dessen Augen: er beobachtet, er beschreibt, er dringt durch die scheinbar stimmigen Fassaden seiner Bewohner und hebt ein böses Seelenleben an die Oberfläche. So ausladend die Beschreibungen, -- so karg sind die Dialoge. Willmann scheint die Frage zu interessieren, was passiert, wenn Kultur undurchlässig verharrt; wenn sie über Jahre der Gewohnheit in einer Art Gärungs- und Fäulnisprozess ausgesetzt wird. Eine Wendung erhält der Roman in Struktur und Stil, ebenso in seiner rhythmischen Gleichartigkeit, als das eigentliche Motiv des Malers, etwa in der Mitte des Romanes, klar wird. Seine Vergangenheitsbewältigung passiert in beschreibenden, scheinbar unstrukturierten und verschachtelten, filmischen Sequenzen von Flash-Backs, die der Brutalität der Traumata in einzigartiger Weise gerecht werden und für mich eine neuartige Beschreibungskunst darstellen. Zur Last wird dem Leser andererseits die willfährige, gesinnungsgleiche und von Feigheit geprägte Opferhaltung der wortkargen Mitläufer. Ein Befreiungsakt für den Leser kulminiert darin, dass der Maler sein Werkzeug, -- statt Pinsel nun Gewehr, wechselt und seine aufgestaute Wut, und seine bisherige Handlungsohnmacht, sich in süßer Rache Bahn brechen. Nach diesem Show-Down muss der Rächende wohl oder übel ziehen, denn er konfrontiert die vormals Unterdrückten mit ihrem eigenen Unterlassen und ihrer Verzagtheit; allein durch seine Anwesenheit. Fazit: Mitreißende Spannung pur; hochwertige, feinsinnige Schreibkultur und ein außergewöhnlicher Debütroman.