Nächsten Sommer in Ljubljana - Sloweniens Dichter träumen vom Leben in der Ferne Von Uwe Stolzmann Slowenien, der kleine Staat in der Südostecke Europas, besitzt eine ungewöhnlich reichhaltige Literaturszene. Ob sie halb habsburgisch oder halb jugoslawisch war, stets empfanden die Schriftsteller die Heimat als Enge, der zu entkommen war. Eine Spurensuche über vergangene und gegenwärtige Fluchtbewegungen. Die schöne Vida hatte Mann und Kind, doch war sie nicht glücklich, und so folgte sie einem Fremden über das Meer. In der Ferne, so geht die Geschichte, ist die junge Slowenin die Amme eines Prinzen geworden. Aber glücklich? Stetig wuchs Vidas Sehnsucht: nach dem Söhnchen, auch nach dem Mann, dem viel zu alten, und nach der verlorenen Heimat. Slowenische Dichter haben die Legende der «Lepa Vida» oft und gern erzählt. Und viele sind der schönen Frau hinterhergereist: durch den Karst über brüchigen Grund zur Adria hinunter. Oder von Laibach quer durch Krain und dann über die Karawanken. Slowenien: halb habsburgisch noch und halb jugoslawisch, Land der Barockkirchen und Betonplattenbauten, ein kleines Land, ein enges Land, Land der Selbstmörder und Poeten; wer die Enge überleben wollte, musste gehen. Der Folioband slowenischer Dichtkunst ist zu guten Stücken Wegbeschreibung, Streckenjournal, auch Leidensbericht. Und Handbuch des Heimwehs. Folgen wir also den Spuren. Der Pfad ist gut markiert: fast jeder Hügel lyrisch vermessen, jede Höhle vermerkt auf der Karte der Weltliteratur. Reiselektüre? Was eben bereitliegt eine Handvoll der jüngsten Titel in deutscher Übersetzung. VON DER FLUCHT Mit achtundzwanzig publiziert Ivan Cankar ein Manifest der Auswanderung. «Frau Judit» heisst es banal und entpuppt sich als Streitschrift wider den Kleingeist der Heimat. Im selben Jahr wie «Frau Judit» kommt Srecko Kosovel zur Welt, in einem Karstdorf, als Sohn eines Lehrers. Cankar (18761918) und Kosovel (190426): Unter anderen Umständen wären die beiden wohl Weggefährten geworden zwei Avantgardisten, aufbrausend und unangepasst. Beide besingen sie den süssen Schmerz der «Schönen Vida», die dem Lockruf eines «schwarzen Negers» gefolgt sein soll, beide leiden sie an der slowenischen Krankheit: fast zu ersticken unter all den bigotten Katholiken und allzu stolzen Südslawen. Zwanzigjährig flieht Ivan Cankar in die Weltstadt Wien. Auch Srecko Kosovel träumt von Flucht, doch beim Traum wird es bleiben: «Bist du Künstler nach deiner Seele? / Ja dann gehe hinweg von hier!» Nordwärts immer, «zu den Karawanken. / Tunnel: im Dunkel ihr Auge schimmert». 1904 (da ist Kosovel eben geboren) schickt Cankar seine Frau Judit auf den Weg: ihm nach, nach Wien. Romanheldin Judit jung, verheiratet, gut situiert klagte in der Provinz über Luftnot und Herzdrücken. Nur das Zentrum des Reichs kann sie erlösen. «Die Räder erdröhnen, der Wagen ruckelt hei, auf geht's!» Eine Landsmännin sitzt mit im Waggon, Frau Zaplotnica, ein «plumpes, biederes Huhn». Es gackert, gierig auf die Sündenstadt, und Judit sinniert: «Ich war aufgebrochen, um das wahre Leben zu schmecken, aber ich kam von der lieben Heimat nicht los: Ein grosses Stück von ihr sass mir gegenüber und schmatzte zufrieden mit fettigen Lippen.» O Heimat, du Frau Zaplotnica! Judit befreit sich, wie es Cankar getan, Kosovel aber kommt nicht los. Er gründet (als Gymnasiast) eine Zeitung mit sprechendem Namen, «Lepa Vida»; er wirft noch ein paar Handvoll wilder Gedichte aufs Papier, die Schrift fast unleserlich. Er kann noch etwas studieren, kann noch ein paar Reden halten: um Sloweniens Proleten für die Revolution zu begeistern. Die Blutarmut und der Stress des Missionars werfen ihn nieder. Im März 1926, zu den Osterferien, kehrt er aus Ljubljana heim in den Karst. An einem Maitag, zur Nacht, verlässt er das Elternhaus für eine Reise ohne Wiederkehr, da ist er zweiundzwanzig. GLÜCK UND LEID DES EXILS Wir wissen nicht, ob es ein Familientreffen gegeben hat. Gelegenheit wäre eben gewesen, monatelang, in Berlin. Der Dichter Toma alamun (geb. 1941) lebte Anfang 2004 mit einem Stipendium in der Uhlandstrasse, just in jener Stadt, die für seine Ex-Frau Marua Krese (geb. 1947) und seinen Sohn David alamun (geb. 1974) nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens so etwas wie Heimat wurde. Vater Toma, ein aufsässiger, manchmal unverständlicher Avantgarde-Poet, hat in den USA weit mehr Bewunderer als daheim. (alamun wird mit Whitman und Eliot verglichen; er selbst nennt einen Slowenen als Vorbild Dane Zajc.) Marua, geschiedene alamun, füllt Heft auf Heft mit Wehmutsgedichten von stets ähnlichem Klang. Und Sohn David lernt das Schreiben. Stellen wir uns vor, das Familientreffen wäre zustande gekommen (in einem Wohnzimmer mit hoher Decke, Biedermeier, am runden Tisch) und alamuns hätten sich über die grosse gemeinsame Erfahrung unterhalten, das Leben in der Fremde. Toma provoziert sofort, mit einer Sentenz aus seinem ersten Lyrikband, «Poker» von 1966. «Des Bildes meines Stammes / müde bin ich ausgewandert.» alamun, zu Pferd unterwegs oder unter alten Eichen schlafend, alamun, laut Selbstporträt eine schwebende Kugel, deren Umlaufbahn niemand kennt. Ein Einzelgänger, ein Wanderer aus Leidenschaft Marua ist das Gegenteil. Marua leidet. Marua zerrt eine «Yorkshire-Tasche» aus ihrem Berliner Schlafzimmerschrank. (Yorkshire-Tasche? Man schaue ins Internet: «Vorderseite mit Proviantfach, Seitenansicht mit Durchsichtfolie. In guten Hundezubehörgeschäften erhältlich.») Maruas Tasche birgt die Sedimente eines langen Reiselebens, traurige Schätze, Marua kippt sie mit Schwung auf den Tisch: Flakons, Strümpfe, gescheiterte Ehen (Toma!), Wünsche nach Blutrache, Geruch gerösteten Kaffees und Glocken der Verzweiflung, auch etliche Brocken Jugo-Nostalgie. «Die Freundinnen sagten / Glückstasche dazu / zum Lange-Romane-Schreiben / über das Glück, / Freuden, Natur, / über Gesundheit. / Nicht zum Gedichte-Schreiben.» Toma lässt Córdoba in seiner Rede aufblitzen, Mexiko und Guatemala, Lille und Lissabon, Wegmarken, Städtenamen für Lebenskünstler, langsam rollen sie von seiner Zunge. David schweigt. Marua klagt. Muss ein schrecklicher Ort sein, diese deutsche Metropole, was heisst schon Zuflucht und frei gewählt, «Sibirischer Wind bläst / im eisigen Berlin». New York!, haucht der Ex-Mann geniesserisch. New York!, wiederholt David, der Filius. Monatelang ist David in New York gewesen, aber: Wie blind sei er durch die Strassen gelaufen, gesteht der junge Mann, ja, nein, er habe kaum etwas gesehen. Nur immer diese Lenin-Statue auf dem Dach vor seinem Zimmer, Lenin in New York, im Gegenlicht, als Scherenschnitt, den Arm grüssend (oder drohend?) gegen die Twin Towers gereckt. «Wie hart die Stadt mir manchmal auch erschien, mein kleiner Lenin stand immer aufrecht da, ob an traurigen oder an fröhlichen Tagen, bei Schnee, Regen, Sturm oder schwüler Hitze.» HÖLLENTRIP DURCHS EIGENE LAND Dane Zajc (geb. 1929) und Franjo Francic (geb. 1958) sind herumgekommen, ohne sich gross zu bewegen bis an den äussersten Rand der Gesellschaft. Francic führt uns auf den Kehrichthaufen unseres Gemeinwesens, in die Heime für vergessene oder verstossene Kinder. Wo wir nicht hinschauen mögen, schaut er zweimal. Was wir rasch vergessen wollen, hält er fest, als Skizze, als Fragment. «Das Lied eines Embryos» zum Beispiel. «Jetzt lag er da, festgebunden mit Gurten . . .» Er zeichnet «Anstaltstiere», einen Knaben etwa, seit Jahren weggesperrt, weil er so sonderbare Gewohnheiten hatte. Jeden Tag schrieb er einen Brief an die Freiheit. Nun fragt dieser Knabe: «Ihr, sagt ihr mir, gibt es die Freiheit dort draussen? Ihr, sagt ihr mir, schreibt ihr je an die Freiheit?!» Er hat sich gebessert, nein, er wird ihr nicht mehr schreiben. «Wird sie dann kommen?! Wird sie?!» Freiheit kommt nur von innen; Dane Zajc hat es erfahren. Zajc, laut Ale Debeljak «der grösste lebende Poet slowenischer Sprache», ist dreifach zum Dichter geprägt worden. Geformt von der Kindheit auf einem Hof östlich Ljubljanas (seine Verse riechen nach Erde). Geformt durch das Trauma des Weltkriegs (zwei Brüder fielen bei den Partisanen, Grossvater und Vater starben, als deutsche Soldaten den Zajc-Hof niederbrannten. «An den schönen, weissen Zähnen / würde ich seinen Schädel erkennen, meinte die Mutter. // Schöne, weisse Zähne, / verbissen in Erde . . .»). Geformt, zum Dritten, durch das, was danach kam, Jugoslawien, zweiter Aufguss; Sozialismus. 1951 sitzt Dane Zajc einiger frecher Worte wegen drei Monate in Haft. Er darf nicht studieren. Er verbringt sein Leben in der hauptstädtischen Pionierbücherei. «Verbranntes Gras» nennt er seine erste Lyriksammlung, «Eine Zunge aus Erde» die zweite. Dane ist ruhelos, er will fort, aber «unterschiedslos sind die Pfade im Finstern». Einmal versucht er die Reise in die andere Welt, mit Schlafmitteln. Dann zieht er sich zurück (ins Hochgebirge und in die innere Emigration). Vergebens: «eine dunkle Gestalt folgt meiner Spur, / eine dunkle Gestalt folgt meiner Seele». Er hat Angst, doch er besingt das rote Gesicht des Mondes über einem Berg. Er besingt den schwarzen Stier, der in den Morgen brüllt. «Die Sonne schleift im Osten / ein gleissendes Fleischerbeil.» Er besingt einen weissen Raben, der von anderen Raben zerhackt wird, und 1961 den «Klumpen Asche» im Schlund des Dichters. «Lange trägst du Feuer im Mund. / Lange hältst du es verborgen. / Hinter dem knöchernen Zaun der Zähne. // Du weisst, dass niemand Rauch / aus deinem Mund wittern darf . . .» Dane Zajc gilt als Meister der subtilen politischen Anspielung. Aber er will das alles nicht so gemeint haben. Irgendwann zerfällt das Regime; Jugoslawien geht unter, Slowenien wird unabhängig. Zajc bleibt ruhelos, ein Gejagter, Gehetzter. «Ob ich aufbreche oder ankomme. / Ob ich bin oder nicht. / Falls nicht, wo. / Falls wo, wo ist wo. / Falls wohin, wo ist wohin», schreibt er nach der Jahrtausendwende. PARIAS UNTER DEN FAHRENDEN «Ich war nie damit zufrieden, nur Slowene zu sein», sagt Ale Debeljak (geb. 1961). Er musste, meint er und da klingt er wie Toma alamun , «Distanz zum eigenen Stamm schaffen». Also lebte, lehrte und publizierte er eine Weile in Übersee. Seitdem hält er gute Vorträge, er schreibt gute Essays, alles sehr amerikanisch, er hat eine amerikanische Frau, die Kinder wachsen zweisprachig auf. Debeljak mag dieses «Leben auf der Brücke», zwischen Slowenien und der Welt, in verschiedenen Kulturen, mit wechselnder Identität. Was Debeljak nicht mag: dass er, der passionierte Reisende, stets als Ostler erkannt wird. In den grossen Hotels des Westens verspürt er Unbehagen und die Furcht, der Portier könnte ihn gnadenlos vor die Tür setzen, sobald er eine falsche Bewegung mache. «Auch wenn man mir den Slawen oder Balkanesen nicht auf den ersten Blick ansieht, so verraten mich doch meine unsicheren Schritte über den Parkettboden.» Der Code fehlt ihm, der Kontext, die Navigationshilfe im Netz der Bezüge. «Mein Platz, für den ich auch noch dankbar sein sollte, ist im günstigen Fall irgendwo draussen, an den äusseren Grenzen des anständigen öffentlichen Raumes, etwa auf der Terrasse.» VERSPÄTETE HEIMKEHR Irgendwann merkten sie, wie sehr sie Slowenen sind. Irgendwann zog es sie alle zurück die schöne Vida ohne Mann und Kind und all die sprach- und heimatlosen Dichter sowieso. Srecko Kosovel sehnte sich nach seinem stillen Dorf im Karst, nur Felsen, Föhren und Schweigen. «Sie sitzen am Feuer, dem roten, / ich sässe auch gern dabei.» alamun notiert über alamun: «Nächsten Sommer wird er wahrscheinlich in Hawaii sein / oder in Ljubljana» (und wenn er fortbleibt, sucht er doch die warme Höhle des Slowenischen). Marua Krese träumt vom Markt am Laibacher Dom, von Bauersfrauen mit tausend Kräutern. «Ich bat um Tee gegen Schlangen, / gegen Vampire, / gegen verlogene Gedichte.» Ale Debeljak lebt vier Jahre in den USA, bis 1992, dann ruft die Nostalgie (und das Echo des politischen Umsturzes) ihn zurück. Ljubljana, plötzlich Hauptstadt eines Zwergstaates, empfängt ihn mit provinziellem Charme. Dann, eines Morgens, der Schock: Die anderen sind fort! Während er heimkehrte, um das Eigene zu feiern, die Landschaft der Kindheit, machten sich die lieben Slowenen auf den Weg, hinaus in die Welt, nach Europa. Was wollen sie dort? «O Lüge, Lüge, Europas Lüge!» (Kosovel). «Mitteleuropa! / Schreckliche sentimentale Gegenden, die totale Katastrophe!» (alamun). «Dieses neu befestigte Europa, das so friedliebend zu sein scheint, sieht von aussen ganz anders aus» (Debeljak). In einem Hinterhof-Café Ljubljanas spricht Dane Zajc im Vorfrühling des Jahres 2004: «Ich habe Angst. Angst vor diesem Europa, das Ausland ist. Das heisst: ein fremdes, weites Land.»