Von Fritz Stern, dem gebürtigen Breslauer, der in den 30er Jahren mit seiner Familie aus Deutschland flüchtete, diesem Land zeitlebens verbunden blieb und in den USA als Professor an der New Yorker Columbia University Geschichte lehrte, konnte man Ende 2009 hören. Seine Gespräche mit dem deutschen Altbundeskanzler Helmut Schmidt, waren als Buch mit dem Titel 'Unser Jahrhundert' erschienen. Forscht man - neugierig geworden - weiter über Fritz Stern, so stößt man nicht nur auf seine zum Standardwerk avancierte Doppelbiographie von Bismarck und dessen jüdischem Bankier Gerson Bleichröder, sondern auch auf das vorliegende 173 seitige Buch.
Darin enthalten sind fünf von Stern in den 90er Jahren in Basel, Berlin, München, im englischen Cambridge und an der berühmten neuenglischen Yale University gehaltene für die Druckfassung überarbeitete Vorträge. Wie es sich für einen ordentlichen Historiker gehört, werden diese von einem Vorwort, mehrseitigen Anmerkungen und Quellenangaben eingerahmt. Allen Essays gemein ist die Thematik des ,feinen Schweigens', also des Schweigens der Gesellschaft, der Machthaber und Politiker über Unrecht, aber auch der Verzerrung der Wahrheit bis hin zur erzwungenen Verlogenheit. Sterns historische Analysen beziehen sich auf die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts und hier vor allem die deutsche Geschichte.
Der erste Vortrag dreht sich um den Schweizer Historiker Jacob Burckhardt und seine historisch begründete Zeitkritik, in der auch das Weg- oder Falschsehen eine Rolle spielt. Im anschließenden Essay geht es um den berühmten deutschen Physiker Max Planck, der sich, obschon er sein Leben dem Ziel der Wahrheit widmete, am Ende unter dem Druck der nationalsozialistischen Realität zum Schweigen über die Wahrheit genötigt sah ("Wenn heute dreißig protestieren, kämen morgen hundertfünfzig, die auf ihre Stellen wollten."). Der am King's College in England gehaltene Vortrag ,Tod in Weimar' erinnert an den Kampf um Aufklärung gegen Schweigen und Verschweigen und an die Zufälle, die in der Geschichte so wichtig sind, wie den zu frühen Tod von Max Weber, Ernst Troeltsch, Friedrich Ebert und Gustav Stresemann, deren Fortleben der Stabilität der Weimarer Republik gut getan hätte. Der längere Beitrag ,Die erzwungene Verlogenheit' beleuchtet die Taktik der Wahrheitsunterdrückung und - verzerrung in Deutschland und Europa in der Zeit von 1914 bis 1989. Dabei ist auch von einigen Hoffnung weckenden Ereignissen die Rede. Im letzten Essay ,Das feine Schweigen und seine Folgen' sinniert Stern darüber, wie es kam, dass so viele ehrliche Einsichten, wie jene im Oktober 1918 des patriotischen Gelehrten Friedrich Meinecke, der sich angesichts des Kriegsendes über die deutschen Gewaltpolitiker empört, "die uns durch ihre Überhebung und ihre Dummheit in diesen Abgrund gerissen haben", so selten an die Öffentlichkeit gedrungen sind. Dies hätte der Dolchstoßlegende und damit der Argumentation vieler Gegnern der Weimarer Republik den Boden entzogen. Manchmal eskaliert feines Schweigen eben auch zum feigen Schweigen der Menschen.
Fazit: Vorzügliches Plädoyer eines deutsch-amerikanischen Historikers für das Aussprechen der Wahrheit, auch wenn es weh tut. Gleichzeitig wird der Leser durch Sterns souveräne historische Analyse zu vielen neuen Einsichten über die Geschichte Europas und Deutschlands im 20. Jahrhundert gelangen.