Juan Salvatierra - kurz: Salvatierra - war seit einem Reitunfall in seinem 9. Lebensjahr stumm. Wenig Notiz von ihm genommen, wurde er von seinen Cousinen beaufsichtigt, im Lesen und Schreiben unterrichtet und schließlich im Postamt mit einer ansehnlichen Arbeit betraut. Sein wahres Tun und Schaffen bestand allerdings in einem Bild, das er mit 20 begonnen hatte und Zeit seines Lebens fortsetzte - bis kurz vor seinem Tod.
Lange Zeit bleibt die vier Kilometer lange Leinwand unberührt, in mehreren Bahnen zusammen gerollt, bis sich die beiden Söhne Miguel (der Ich-Erzähler) und sein Bruder daran machen, das Lebenswerk ihres Vaters an ein Museum zu verkaufen. Das erneute Aufrollen dieses Tagesbuchs in vielen kleinen, detailverliebten Bildern erweckt nicht allein Erinnerungen an den Vater und die Kindheit, sondern zeigt Miguel auch eine ganz andere Seite Salvatierras, dessen Spracherohr Farbe und Pinsel waren. Doch ein Jahr im Leben des Malers fehlt - das Jahr 1961. Von seiner Neugier verleitet begibt sich Miguel auf die Suche nach einer Vergangenheit, von der er nichts wusste.
Sehr feinfühlig zeichnet Pedro Mairal ein verwahrlostes, überaltertes Dorf Nahe des argentinischen Ufers des Rio de la Plata; charakterisiert durch die Verschlossenheit und das Misstrauen der Landbevölkerung. Wie im Kreis dreht die Geschichte ausgehend von der Ausstellung im Röell-Museum in Amsterdam um das Leben Salvatierras in Rückblenden und eine Vater-Sohn-Beziehung. Die historischen und politischen Hintergründe finden in klitzekleinen Details und wenigen pointierten Pinselstrichen Erwähnung.
Stilistisch und vor allem erzählerisch absolut einnehmend. Die Charaktere sind in wenigen Zügen hervorragend ins Licht gerückt, der Spannungsbogen rund um das fehlende Jahr erhebt sich langsam, um gegen Enden den gesamten Raum für sich einzunehmen - sehr gute Inszenierung! - um abschließend in einer anderen Vater-Sohn-Beziehung zu münden.
Ich wünsche diesem Roman sehr, sehr viele Leser!