Diese Besprechung bezieht sich auf die Hörbuch-Version.
"Roth konnte Stimmungen und Erfahrungen, die gewöhnlich nur in Musiken auszudrücken sind, in Sprache übersetzen. Etwas Ähnliches wie ein Schubert der Prosa ist er auf diese Art geworden.", schrieb André Heller in der FAZ. So wie der Komponist wohl einzigartig seine Gefühle in Musik einfließen ließ, so drückte sie der 1894 in Brody, einer mittelgroßen Stadt im damals österreichischen Galizien, geborene Roth in seinen Texten aus.
Joseph Roth - der "Spezialist für verlorene Menschen" - schrieb 1937 im Pariser Exil diesen ergreifenden Kurzroman. Er spielt in der Gegend seiner Herkunft. Hier in diese vom Zentrum am weitesten entfernte Region des ehemaligen k. u. k. Reichs, an der russischen Grenze, vollendet sich das Leben des Eichmeisters Eibenschütz. Seiner Frau Regina zuliebe hat er seinen Dienst bei der Armee quittiert. Aus dieser geregelten, von Befehlen und Ordern bemessenen Welt gerät er in eine Gesellschaft, in der Betrug, Gaunerei und Lüge Notwendigkeit und Folge einer zerbröckelnden Zeit darstellen.
Der Not der kleinen Leute - Händler, arme Schlucker, Tagediebe, Deserteure und Halunken, die allesamt nicht wissen, wie und womit sie die kommenden Tage überleben - steht er gesetzesgemäß gnadenlos und hart gegenüber. Doch das Grenzgebiet ist eine düstere, eine "giftige Gegend", in der die Gesetze des Staates keine Gültigkeit mehr zu haben scheinen. Als er erfährt, dass seine Frau ihn betrügt und ein Kind von seinem Schreiber erwartet, ist auch die Ehe des Eichmeisters Eibenschütz zerstört. In Leibusch Jadlowkers Grenzschenke sieht Eibenschütz die schöne Zigeunerin Euphemia Nikitsch, deren Zauber ihn zur völligen Unterwerfung und willenlosen Hingabe an sie führt. Er verfällt ihr und zunehmend dem Alkohol.
Das Aufeinanderprallen von Recht, Gesetz und Redlichkeit auf der einen Seite und dem von Not und Armut, aber auch von moralischer Indifferenz und Gewinnsucht geprägten Wesen der Zlotogroder Menschen auf der anderen Seite, lässt den Eichmeister Eibenschütz das "rechte" Maß, die "richtige Gewichtung" nicht finden. Es wird ihm unmöglich, sein Denken und Handeln nach Maßen einzurichten, und letztendlich wird er selbst zu einer zwielichtigen Gestalt, wie die Menschen, die ihn umgeben.
Sein Untergang ist nicht aufzuhalten und klingt wie bei einer Schubertschen Sonate wehmütig-elegisch aus.
Einfach und klar ist Roths Stil, sehr anschaulich und detailliert seine Menschen- und Landschaftsbeschreibungen. Der Schriftsteller schafft es, einer leblosen Sache solchen Ausdruck zu verleihen, dass der Leser/Hörer Dinge mit diesem Gegenstand assoziiert: beobachtendes Denken könnte man es nennen.
Die schwach dialektgefärbte, aber ungeheuer eindringliche Stimme des österreichischen Schauspielers Joseph Lorenz passt wunderbar zu Roths bildhafter Sprache. Sein warmer, ruhig fließender Erzählton, der geradezu prädestiniert für diesen tiefgründigen Roman ist, zieht den Hörer in seinen Bann und versetzt ihn in die Zeit der k. u. k. Monarchie. Auch er trägt entscheidend dazu bei, dass man bei Roth Farben, Stimmen und Stimmungen psychisch, ja beinahe physisch erfahren kann.
Fazit:
Ein abgelegenes Grenzdorf Galiziens als Schauplatz einer Tragödie, die den Verfall der Donau-Monarchie in erschütternder Deutlichkeit anhand des tragischen Schicksals des Eichmeisters Eibenschütz zeigt, hervorragend intoniert von Joseph Lorenz.
"Jede Seite, jede Zeile ist wie die Strophe eines Gedichts gehämmert mit dem genauesten Bewusstsein für Rhythmus und Melodik." (Stefan Zweig)