Aus der Amazon.at-Redaktion
Wenn ein altgedienter Schnüffler wie Simon Brenner in seine Heimatstadt zurückkehrt, kann das wohl nur bedeuten, erst mal in eigener Sache ermitteln zu müssen. Seine notorisch bedächtige Art hilft ihm allerdings vorerst wenig, als ihn in Graz die eigene Vergangenheit einholt -- so rasant, dass er gleich einmal in der Landesnervenklink Sigmund Freud aus dem Koma erwacht, nachdem ihm eine Kugel aus dem Kopf operiert werden musste. Ein Selbstmordversuch, heißt es, denn niemand glaubt Brenners Version, dass ihn der Grazer Kripochef höchstpersönlich umzubringen versucht.
Eine delikate Jugendsünde aus Polizeischulzeiten scheint ihre späten Konsequenzen nach sich zu ziehen, und wie fatal diese sind, müssen bald alle Beteiligten erfahren. Spielt der Hausmeister im Arnold-Schwarzenegger-Stadion eine Schlüsselrolle? Was haben die Hobbypolizisten der "Wehr-Initiative Grazer Sicherheit" damit zu tun? Wieso geht Brenner der Werbeslogan für eine lokale Biermarke nicht aus dem lädierten Kopf? Natürlich fließt noch reichlich Blut und viel Wasser die Mur hinunter, bis Brenner die richtigen Antworten parat hat.
Gnadenlos lässt Wolf Haas seinen Kult-Detektiv durch die ebenso skurrile wie spannende Story irren und spart dabei nicht mit satirischen Seitenhieben, treffenden Milieuschilderungen und erstaunlichen Lebensweisheiten. Die kunstfertig gestrickte Handlung ist so reich an Überraschungen und Cliffhangern, dass es schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen. Ein anderer Grund dafür ist natürlich der -- wenn man sich auf ihn einlässt -- äußerst einnehmende Erzählstil, der als intimer Plauderton daherkommt und dabei einen betont burschikosen Sprachwitz entwickelt.
Regelrecht poetische Qualität wird dabei in ihren besten Momenten durch die ausgefeilte Nonchalance erreicht. Den mit dem Leser auf Du und Du stehenden Ich-Erzähler lässt Haas in einem selbstironischen Coup am Ende sogar selbst noch in Erscheinung treten und findet so einen würdigen Abschluss der kultigen Krimireihe. Mit dem Verstummen des fiktiven Erzählers endet der sechste und letzte Brenner-Roman, doch es bleibt zu hoffen und wohl auch zu erwarten, dass Wolf Haas bald wieder seine erzählerische Ingeniosität unter Beweis stellen wird. --Mathis Zojer
Neue Zürcher Zeitung
Absturz in die Heimat Ein neuer Krimi von Wolf Haas Der letzte Band der Serie von sechs Brenner-Krimis zeigt noch einmal das ganze Können von Wolf Haas, verrät aber auch den wunden Punkt, den Standort des Erzählers. In «Das ewige Leben» plaudert der Autor das Rätsel seiner Strategie aus: Der volksmundige Schwadroneur, der auch in den vorhergehenden Romanen erzählt hat, der den österreichischen Detektiv schon kannte, «wie der Brenner ein Kind war», ist jener Mann, von dem in früheren Brenner-Geschichten nur ganz am Rand die Rede war, der Mieter des Mansardenzimmers im Häuschen der Grosseltern. Plausibel ist, dass er das Schicksal des Detektivs jahrelang mit Kunde und Sorge verfolgte. Aber erzähltechnisch kann es natürlich nicht mit recht realistischen Dingen zugehen, zumal dieser schwatzende «Hausgeist» im grossen Showdown stirbt. Genau bis zu diesem Punkt erzählt er und endet mit seinem Lieblingswort: «ding und riesenrotes Loch und ganz gewaltig ding und ich ding und ich ding ich ding ding . . .» Und so weiter, mehr als eine volle Seite lang, wie in einem überdimensionalen visuellen Gedicht.
Aus dem Jenseits und vom ewigen Erzählerleben ist dann nichts mehr zu erfahren. Simon Brenner ist nach seiner sozialen Talfahrt als Detektiv und ehemaliger Polizist in seine steirische Heimat geflüchtet und hofft auf einen Neubeginn bei alten Erinnerungen, «quasi Jugendtage, Freunde, Liebe, Moped und und und». Er hat sich wohl aus Verzweiflung selbst in den Kopf geschossen, ist zunächst aber überzeugt, dass sein ehemaliger Kollege, der nunmehrige Grazer Kripo-Chef, ihn umbringen wollte. Nach wochenlangem Koma führt er seine Aufklärungsarbeit weiter, in einem typischen Winkel des allerneuesten Österreich, wo die «Osterweiterung» schon ihre unterweltlichen Blüten treibt, wo rechtsradikale Bürger sich wehrhaft gebärden. In solchen Kreisen soll Brenner halbamtlich für die Polizei arbeiten. Für die Frühpension ist es noch zu früh, für eine Dienstwohnung zu spät. Überhaupt ist es spät in seinem Leben.
Alt ist er noch nicht, aber längst nicht mehr jung genug für jene Frau, mit der er anbandeln will, was ihm auch in den anderen Romanen nie recht gelingen wollte. Nach diesem endgültigen Schluss hat Simon Brenner keine Zukunft mehr, als Romanfigur wird es ihn (laut Autor) nicht mehr geben. Umso interessanter aber ist die Frage nach den zukünftigen Plänen von Wolf Haas.
Franz Haas
Kurzbeschreibung
Große Aufregung in der Sigmund-Freud-Nervenklinik in Graz: Einer der Hoffnungslosen, ein Selbstmörder, ist aus dem Koma noch einmal zum Leben erwacht.Doch warum weigert sich dieser Simon Brenner, ein Privatdetektiv, so stur, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen? Warum behauptet er steif und fest, die Kripo wollte ihn ermorden? Und das, obwohl die Tage vor dem Kopfschuss restlos aus seinem Gedächtnis gestrichen sind? Für den Psychiater liegt der Fall ganz klar: akute Depressionen, ausgelöst durch die Rückkehr in die Heimatstadt Graz. Als sich Brenner am Faschingsdienstag aus dem Hospital stiehlt, um seinen eigenen Fall aufzuklären, hält man ihn für vollends verrückt. Doch Brenner hat eine wichtige Spur aus seinem Gedächtnis gefischt. Diese führt ihn nicht nur zu einer Jugendsünde aus seiner Vergangenheit: einem kleinen Banküberfall mit Polizeischulfreunden, sondern auch direkt zum Arnold-Schwarzenegger-Stadion. Vielleicht kann ihm der Stadionwart, ein ehemaliger Polizeischulfreund, helfen, den Mordanschlag aufzuklären. Und er könnte das tatsächlich - läge er nicht mit einem sauberen Kopfschuss tot auf dem Boden. Wird Brenner nun der Nächste sein?
Über den Autor
Wolf Haas wurde 1960 in Maria Alm am Steinernen Meer geboren. Nach seinem Linguistik-Studium war er zwei Jahre Unilektor in Wales, anschließend arbeitete er als Werbetexter in Wien. Für seine Romane wurde er mit dem Deutschen Krimipreis und dem Burgdorfer Krimipreis ausgezeichnet. Die Verfilmung seines Krimis "Komm, süßer Tod" war eine der erfolgreichsten österreichischen Kinoproduktionen; demnächst wird sein Roman "Silentium!" verfilmt. Wolf Haas lebt als freier Autor in Wien.