Christian Strassers Buch ist eines von unzähligen, die ich -wie so oft- parallel lese.
Was mir besonders gefällt ist seine immer wiederkehrende Selbstreflektion in den
verschiedenen Stufen seines eigenen sich wandelnden Ego-Ichs.
Dieser Wandel ist sicher am Ende einmal -rückschauend- als eine Auflösung des gesamten alten Egos zu begreifen.
(Die Abkürzung dieses Weges nennt man Erleuchtung)
So wie sich die Raupe erst auflösen muss -und zwischenzeitlich zu "grüner Suppe" wird- damit sich aus dieser wiederum der Schmetterling (in)formiert, so muss auch der Mensch (im Zen-Buddhistischen Sinne)
aus dieser Welt heraussterben, um neu geboren zu werden - also tatsächlich so neu wie der Schmetterling werden,
der mit der Raupe so gut wie nichts mehr gemein hat.
Was ich (etwas) bemängele, ist die nicht so gut gelungene Beschreibung von Mann und Frau bzw. die ihnen innewohnende Energie. Ich fokussiere dies, weil es ein dualistisches Kernthema ist.
Er setzt seine Hoffung in die Frau genauer in die starke Frau.
Er meint jedoch -und das wäre besser formuliert- weibliche Energie. Zitat: "Sie (die Frauen) haben die Fähigkeit zu fühlen, mitzufühlen und zu spüren wie nur sehr wenige Männer"
Und das ist eben so nicht richtig. (Außer natürlich aus einem Manager-Blickwinkel)
Es ist wichtig, das wir Mann und Frau als menschliche Geschlechtergruppen hier einmal etwas außen vor lassen und betrachten, dass es in der Frau auch den Mann gibt und im Manne auch die Frau, also in beiden Geschlechtern beides vorhanden ist.
Auch in Büchern wie z.B. "Das Erwachen der neuen Weiblichkeit" ist dieses Thema -wie gerade hier- nicht wirklich so gut getroffen.
Es erwacht nämlich die neue Weiblichkeit im Manne (es betrifft also nicht die Frau). Gleichzeitig erwacht eine neue Männlichkeit in der Frau. Genauso wie am Südpol ein neuer Nordpol erwacht und umgekehrt. Wir sind das ja alles also muss es auch alles miteinander gekoppelt sein.
Ich muss diesbezüglich hier mal einen größeren Bogen schlagen.
Gehen wir einmal ein Stück zurück in die Achtziger. Allerspätestens Anfang der Neunziger begannen Frauen sich in Männerberufe einzubringen. Sie wurden mehr und mehr Polizistinnen oder Busfahrerinnen oder gingen in die Bundeswehr, begannen auch sonst sich mehr und für den Karriere-Lifestyle zu interessieren. Der Weg, dies mittlerweile auch zu dürfen, wurde durch ihre erstarkte männliche Zielgerichtetheit bereits in den Siebzigern geebnet. Der Preis, den manche dafür bereit waren zu zahlen war unter anderem das Verlassen ihrer Familien.
(Natürlich kam es vor, dass in diesem enormen Spannungsverhältnis der Geschlechter sich eine junge Polizistin auch mal die Pistole an die Schläfe hielt und abdrückte).
Im Gegenzug wurden mehr und mehr Männer "weicher", widmeten sich mehr ihren Familien und ganz besonders ihren Kindern und nahmen finanzielle Einbußen in Kauf um beispielsweise ihre(n) Arbeitsweg oder Arbeitszeit zu verkürzen.
15-20 Jahre später waren Gerichte teilweise völlig überfordert mit der neuen Situation, dass Männer das Erziehungsrecht für ihre Kinder wollten oder -in den Fällen wo die Mütter ihre Kinder immer noch als persönliches Eigentum betrachteten- wenigsten regelmäßig sehen wollten. Für betroffene Männer war dies oft mit einem sehr hohen Maß an Leid verbunden, Leid, das sie zur Avantgarde der Durchsetzung neuer Rechte für die Männer machte. Mittlerweile sehe ich Männer, die auch den Kinderwagen schieben ohne dass eine/ihre Frau mit dabei ist. Selbst zwei Männer jeweils mit Kinderwagen sah ich bereits zusammen unterwegs. Es sind wirkliche Veränderungen, die vorab im Inneren geschahen und geschehen.
Dies ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt und nicht mal ansatzweise ein ZOOM-Out sonst würde es ein Buch füllen. Was ich jedoch damit sagen will ist, dass sich das Kräfteverhältnis bzw. die jeweilige Vorherrschaft männliche/ weibliche Energie in den zwei Geschlechtergruppen (als Grundfeste der Dualität) seit langem verändert.
Wenn wir uns auf ein Stück Papier einen Nullpunkt malen, können wir in die eine Richtung einen Pfeil ziehen und ihn mit "+" beschriften (männlich/ gebend) und in die entgegengesetzte Richtung einen Pfeil mit der Beschriftung "-" (weiblich/empfangend). Dann legen wir gedanklich jeweils noch einen Punkt auf die Achsen und bewegen die Punkte auf einander zu -also jeden Punkt in Richtung Null- (Null = ausgeglichener Zustand).
Ich glaube -und das ist das Schöne an der Sache-, dass Männer und Frauen durch diese innere Bewegung oder auch innere Harmonisierung einander wieder wirklich näher kommen können. Der Mann wird befähigt, sich mit seiner inneren Frau zu versöhnen und die Frau mit ihrem inneren Mann. Und was innen geschieht, wird zwangsläufig auch im Außen sichtbar werden. Die Vorstellung der entgegengesetzten Pfeile können wir natürlich -noch plastischer- durch eine liegende Acht ersetzen, die als Schwingung das >voneinander wegtriften< und anschließende wieder >zueinander finden< veranschaulicht.
Christian Strasser projiziert seine Hoffnung hier doch zu schlicht einfach auf "die Frau" oder "die starke Frau". Es gibt mehr als genug mitfühlende Männer und ich kann sie sehen,
weil ich Augen habe um zu sehen und Ohren um zu hören. (und weil ich einer der Männer bin, dessen Kind sich -aus den genannten veränderten Energie-Verhältnissen für den Verbleib beim Vater entschieden hat).
Bekannterweise werden Männer oft als empfindlich oder als Mimosen von Seiten der Frau
betrachtet, was ja blickwinkelbezogen durchaus nachvollziehbar ist.
(Ich persönlich finde es schön, tatsächlich eine höhere Sensitivität zu besitzen, nur das uns Männern das ausgetrieben wurde, dass es so wäre, das Hervorbrechen von tiefsitzender Weisheit beweist oft genug das Gegenteil.)
Aber empfindlich bedeutet eben in tieferer und nicht vorwurfsvoller oder hämischer Hinsicht EMPFINDSAM. Und diese tatsächliche Fähigkeit zu Empathie ist hier besonders groß, wenn auch zugeschüttet u.a. mit Betäubungen wie 'Ein Mann sollte nicht weinen'.
Und wer nicht weinen sollte, traut sich eben auch nicht um sich selbst zu weinen, und muss sich damit zwangsläufig der Fähigkeit berauben sich selbst zu lieben. (Christian Strasser hat den weitaus umfassenderen (kollektiven) Teil eines solchen Vorgangs wunderbar mit dem: "Aufsteigen einer unsagbaren Traurigkeit" bezeichnet.
Aber Christian Strasser bewegte sich ja gerade in den Kreisen, wo das Aggressive zum Manne gehört, wo es unumgänglich war (und noch ist).
Damit ist/war seine persönliche Sichtweise in dieser Sache folgerichtig sehr eingeschränkt.
Ich persönlich glaube, wenn sich jemand an Macht, Kontrolle -oder wie er schreibt: "...die Fäden unbedingt in der Hand behaltend"- ausrichtet (oder dies durch sein Umfeld gefördert wird),
werden sich die Energien aufschwingen (und überwiegen), die wir als männlich bezeichnen.
(nicht gleichzusetzen mit DER MANN oder DIE MÄNNER, denn das Männliche ist das gebende Element)
Wenn eine Person sich aber weniger und weniger an diesen Dingen ausrichtet bzw. an den
gegenteiligen wie liebevoller, fürsorglicher Umgang mit seiner Umgebung, so werden jene Energien benutzt, die wir als weiblich bezeichnen.
(nicht gleichzusetzen mit DIE FRAU oder DIE FRAUEN --> das Empfangende Element). Aber! wir brauchen natürlich beides.
Hier möchte ich auf Bücher verweisen, die sich mit dem friedvollen Krieger/Peaceful warrior beschäftigen.
Zusätzlich möchte hier noch auf Jean Gebsers Mammutwerk 'Ursprung und Gegenwart' hinweisen, da es doch für mich sehr oft als Messlatte herhalten muss, weil es von unglaublicher Tiefe ist.
Gebser kommt hier auf einen Punkt zu sprechen, der nur wenig bekannt ist oder ungern genannt wird.
Vor dem Patriarchat (Pater/Geist/väterliches Prinzip) -also der Unterdrückung der Frau durch den Mann- gab es das Matriarchat. (Mater/Materielles/Erde/Mutter)
Hier hatte also die Frau die Macht und damit der IHR innewohnende Mann.
Gebser schreibt dazu 'Dieses Zeitalter bescherte uns einige der blutigsten Erfahrungen überhaupt'
Wer der Gebende ist, hat doch eine gewisse Macht. Die Frage ist nur ob die Macht FÜR ETWAS (Prozess) oder über jemanden verstanden wird.
Im nachfolgenden Patriarchat musste dann der Mann seine innere Frau zum Schweigen bringen und niederhalten, um dies auch an der im Außen vorhanden Frau tun zu können.
All das ist im kollektiven Bewusstseinsspeicher vorhanden, was -durch Freud heraus gearbeitet und durch Rudolf Steiner erfahren- heute als das Unbewusste oder Unterbewusste bekannt ist.
Reinkarnations- "Fachleute" würden es wohl als
alle -in der momentanen menschlichen Daseinsform ausgeblendeten- jemals gemachten Erfahrungen ALLER Menschen bezeichnen.
Gott sei Dank sind sie ausgeblendet, sonst würden wir kein Auge zu bekommen.
Männer und Frauen haben sich also eine Menge zu (ver)geben. Hoffen wir, dass auch dies im Laufe des gesamten Transformationsprozesses gelingt.
Sorry für die Länge, aber Christian Strasser war mir hier -in diesem einen Punkt- nicht nah genug dran.
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