Kurzbeschreibung
Bis Marie und Daniel so locker über ihre Gefühle reden können, vergeht Zeit. Liebe und Sex sind für die beiden Neuland, etwas, an das sie sich herantasten, um es in aller Intensität zu erleben ...
Die 15jährige Marie und der 17jährige Daniel sind verliebt wie nie zuvor in ihrem Leben. Aber mit der Liebe kommen auch Ängste und Zweifel – ganz besonders, wenn es darum geht, das erste Mal miteinander Sex zu haben: Kann man denn so unumwunden zugeben, dass man Lust darauf verspürt? Wie wird der andere darüber denken? Wird das nicht oberpeinlich werden? Bloß nicht unerfahren wirken! Und wie war das mit der Verhütung? Marie und Daniel erzählen abwechselnd, wie sie diese Zeit erlebt haben, die ihnen anfangs jede Menge Stress und Frust eingehandelt hat.
Über den Autor
Constantin Kilian lebt als Autor und Regisseur in München. Neben Drehbüchern fürs Fernsehen schrieb er Romane und zwei Theaterstücke. Er hat einen sechzehnjährigen Sohn.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Auszug aus Das erste Mal lieben. von Katja Reider, Constantin Kilian. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Marie, Telefon für dich! MARIE!«
Himmel, warum schreit Mama immer gleich so! Oder war ich etwa eingeschlafen? Leicht benommen schwinge ich mich vom Sofa, laufe die Treppe runter und schnappe mir den Hörer.
»Wieso hat das denn so lange gedauert?«
Robert. Natürlich. Und mal wieder mit diesem leicht quengeligen Unterton in der Stimme, der mich wahnsinnig macht.
»Ich war wohl eingeschlafen.«
»Kleine Schlafmütze, warst wohl gestern Abend noch länger unterwegs?« Er bemüht sich um einen leichten Ton, aber ich kenne ihn zu gut, weiß genau, was dahinter steckt.
»Ich war bei Sara, hatte ich dir doch erzählt.«
»Zu Hause?«
»Wir waren noch zusammen im Gipsy, aber nicht lange.«
Energisch streiche ich mir die Haarsträhne, auf der ich herumgekaut habe, hinters Ohr und wechsle das Thema. »Und wie war dein Seminar?«
»Einführung in das Studium der Physik - ich könnte mir was Interessanteres vorstellen. Außerdem habe ich dich vermisst, Kleines.«
»Ach, komm«, ich versuche, den Spieß umzudrehen, »da waren doch bestimmt jede Menge toller Mädchen in deinem Seminar.«
Er lacht. »Du weißt doch, wie wenig Frauen Physik studieren, und außerdem schaue ich keine an außer dir.«
Manchmal kann ich es einfach nicht mehr hören. Dabei haben mir diese Beteuerungen noch vor einem halben Jahr, als ich Robert kennen lernte, unheimlich gefallen. Es klang so erwachsen ... so sicher. Mit seinen beeindruckenden neunzehn Jahren schien Robert schon genau zu wissen, was er wollte - nämlich mich, Marie Färber, schlappe fünfzehn, mittelgroß, blass, blond, bisher ohne elementare Kurven, dafür mit einer Neigung zu hektischen roten Flecken am Hals ...
»Was ist denn los? Bist du schlecht drauf?«
»Ist doch kein Wunder, morgen geht die Schule wieder los.«
»Na komm, du hattest volle sechs Wochen Ferien, kannst dich doch echt nicht beschweren.«
Manchmal klingt Robert wie mein Vater.
Schweigen.
»Soll ich dich morgen früh abholen und zur Schule fahren - als kleines Trostpflaster sozusagen?«
»Aber dafür müsstest du doch extra aus Köln hierher kommen.«
»Na und? Du weißt doch, Autofahren macht mir nichts aus.«
Manchmal ist er wirklich unglaublich lieb. Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich eben so abgenervt war. Robert ist tatsächlich bereit, morgen um sechs Uhr früh aufzustehen, um die Diva drei Kilometer zur Schule
zu fahren.
»Du bist echt lieb, weißt du das?«
Er lacht. »Ja, weiß ich, also bis morgen! Ich bin gegen halb acht bei dir.«
Natürlich ist er pünktlich. Und natürlich ist er, im Gegensatz zu mir, frisch, gut gelaunt und ausgeschlafen. Er gibt mir einen Kuss auf die Nasenspitze und hält mir die Beifahrertür auf. Wohlig kuschele ich mich in den weichen Sitz. Das ist schon was anderes, als diese anstrengende Steigung zur Schule hochzuradeln. »Können wir noch Sara abholen? Ist doch auf dem Weg.«
Robert blickt auf die Uhr. »Die ist doch bestimmt schon unterwegs. Außerdem haben wir so wenigstens noch drei Minuten für uns.«
»Und außerdem kannst du Sara nicht besonders gut leiden.«
Ich beiße mir auf die Lippen. Dieses Thema wollte ich eigentlich mal zu einem günstigeren Zeitpunkt anschneiden.
Robert sieht mich überrascht an. »Quatsch, ich kenne deine Freundin doch kaum. Ich denke nur manchmal ... ach, egal.« Schwungvoll fährt er die Auffahrt zur Schule hoch. »So, da sind wir. Tschüss, meine Süße.«
Robert zieht mich in seine Arme und küsst mich. Aber ich bin verkrampft, fühle mich viel zu sehr beobachtet. Jetzt, kurz vor Schulbeginn, rennen hier vor dem Portal jede Menge Leute rum.
Plötzlich bollert eine Hand gegen die Scheibe. »Darf ich auch mal?« Natürlich, Body-Bills feixendes Gesicht. Der Muskelmann der Schule muss mal wieder abnerven!
Ich löse mich von Robert, greife mir meine Tasche und drücke die Autotür so rasch auf, dass Bill zur Seite springen muss.
»Hey hey, sechs Wochen Ferien und immer noch so leicht reizbar ...!«
Wie so oft fällt mir keine passende vernichtende Antwort ein und ich beschränke mich auf einen kurzen, und wie ich hoffe, eiskalten Blick. Diesen Blick habe ich letztens mit Sara stundenlang vor dem Spiegel geübt. Mit Erfolg. Darin schlage ich sie locker um Längen!
Ich versenke meine Hände in meiner Jackentasche und schaue mich suchend um. Aus irgendeinem Grund möchte ich den anderen in meiner Klasse heute Morgen nicht alleine begegnen. Immer dieses nervige Gerede und Geschwätz nach den Ferien. Besser zu zweit aufkreuzen. Ah, da vorn ist Sara. Ihre dunklen Locken leuchten rötlich in der Sonne. Unwillkürlich greife ich in meine langen blonden Strähnen und versuche, sie etwas aufzuplustern. Vergeblich, wie ich weiß. Himmel, was würde ich geben für Saras Haare! Ich kämpfe mich durch das Getümmel zu ihr hindurch. Sara. Seit fünf Jahren sind wir einfach unzertrennlich. Wenn sie zwei Wochen verreist ist, fühle ich mich wie auf einer einsamen Insel. Kaum auszuhalten!
Sara zieht mich hinter sich die Treppe rauf. »Wo hast du denn dein Fahrrad abgestellt?«
»Robert hat mich gefahren.«
»Wie reizend von ihm.«
Ich puffe sie in die Seite. »Wir hatten uns schließlich drei Tage nicht gesehen.«
»Wie schrecklich!« Sie grinst. »So, es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche willst du zuerst hören?«
»Angie ist mit ihren Eltern in den Ferien nach Timbuktu gezogen.«
Sara sieht mich irritiert an. »Hä?«
Ich zucke die Schultern. »Das wär doch mal 'ne wirklich gute Nachricht.«
»Blödkopf! Nein, die gute ist: Wir haben heute nur vier Stunden, weil die Schostak krank ist. Die schlechte Nachricht: Der Nervkloß Body-Bill ist bei uns in der Klasse gelandet. Er ist hängen geblieben und zwei andere Typen auch.« Sara stößt die Tür zum Klassenraum auf. »Die beiden da hinten. Schau mal unauffällig rüber.«
Über Saras Schulter hinweg mustere ich die »Neuzugänge«. Den Größeren mit den dunklen Locken kenne ich vom Sehen. Er spielt in unserer Schulband. Tom heißt er, glaube ich. Aber der andere ist mir nie aufgefallen, er hat längere, glatte Haare und ist etwas kleiner als Tom. Im Moment steht er mit dem Rücken zur Klasse und scheint völlig in das Gespräch mit seinem Freund vertieft zu sein.
»Alles klar, Jungs?« Body-Bills Stimme ist immer so laut, als spräche er bei einer Massenkundgebung. Grob pufft er die beiden anderen in die Seite.
»Na, nicht übel, unsere Neuen, was?«
Ich brauche mich gar nicht erst umzuschauen. Diese betont rauchige Stimme ist unverkennbar. »Hallo, Angie, schöne Ferien gehabt?«
»Kann man wohl sagen.« Angie, die Klassen-Sirene, verdreht vielsagend die Augen. »Ich war mit meiner Kusine und ihrem neuen Lover in Südfrankreich. Ich sag euch, das ist echt was anderes als Urlaub mit Mami und Papi ...«
Rasch holt sie einen Handspiegel aus ihrer Tasche, zieht sich sorgfältig die Lippen nach und zupft ihr knallenges, bauchfreies Top zurecht. Unauffällig schiele ich in ihren Ausschnitt. Ob sie einen Push-up-BH anhat? Bestimmt! - In meinem dunkelblauen T-Shirt und dem weiten hellen Rock fühle ich mich plötzlich wie beim Kindergeburtstag. Schnell schlüpfe ich auf meinen Platz zwischen Sara und Nils.
Sara deutet unauffällig rüber zu den drei Neuen, die noch immer am Fenster stehen und rumblödeln. »Das muss 'ne ganz schön dämliche Situation sein für die, meinst du nicht?«
Ich zucke die Achseln. Body-Bill, wie gewöhnlich in Military-Hose und ärmellosem Shirt, scheint die allgemeine Aufmerksamkeit eher zu genießen. Aber die beiden anderen ...?
Während ich noch rüberschaue, wendet sich der mit den längeren Haaren plötzlich um und begegnet direkt meinem neugierigen Blick. Rasch schaue ich an ihm vorbei und versuche, so zu tun, als gäbe es draußen was Interessantes zu sehen. Die drei brechen in ein unbändiges Gelächter aus. Body-Bills Hand knallt auf Toms Schulter.
»Mann, ist das ein öder Kindergarten hier! Kommt, wir verziehen uns in die hinteren Reihen. Da haben wir wenigstens unsere Ruhe!«
Ich schaue nicht mehr zu ihnen herüber, bis Rust, der neue Klassenlehrer, den Raum betritt.
Heute ist der erste Schultag in der neuen Klasse. O Mann, wie das wohl werden wird?
Ich hab mich auf die vorletzte Bank gesetzt, neben Tom, meinen Freund. Hinter uns sitzt nur noch Bill, er hat einfach die zwei letzten Bänke mit Beschlag belegt, ohne groß zu fragen. Die meisten Mädchen sitzen vorne, die Jungs eher hinten, nur zwei Bänke sind gemischt. Schräg vor mir sitzt ein großes Mädchen mit einem hautengen Pullover, der den Bauch frei lässt und über den Brüsten spannt. Sie wirkt älter und ist auch viel besser gebaut als die anderen Mädchen in der zehnten Klasse. Bill hat mich gleich in die Seite gerempelt, als wir hereinkamen und er die scharfe Frau entdeckte.
Body-Bill ist der Älteste von uns dreien, er ist schon achtzehn; bei ihm ist es bereits die zweite Ehrenrunde, Tom und ich müssen zum ersten Mal eine Klasse wiederholen, aber wenigstens bleiben wir so zusammen.
Der neue Klassenlehrer steht vorne am Pult und liest der Reihe nach die Namen der Schüler vor: »Angela Kossmann.«
Das Mädchen mit den scharfen Kurven erhebt sich ganz langsam und flötet: »Ich heiße Angie ... Herr Rust, das müssten Sie doch langsam wissen.«
Ihre rauchige Stimme lässt mir einen Schauer über den Rücken fahren. Ihren Namen spricht sie aus wie »Äinschi«, dann schaut sie sich kurz um und wirft mir einen Blick zu. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. Ich senke den Blick und schaue zu Boden. Mir ist ganz heiß, wahrscheinlich bin ich knallrot angelaufen. So ein Mist! Und ich habe gedacht, bei den Zwergen hier würde ich der King sein.
»Daniel Gering.«
Aua! Ein spitzer Ellbogen sticht mir in die Seite. Tom macht mir ein Zeichen, ich soll nach vorne schauen.
»Daniel Gering!!« Der Lehrer wiederholt meinen Namen.
Ich stehe auf und murmele: »Ja, hier ... anwesend.«
Die Hälfte der Klasse lacht. Auf meine Kosten.
»Sie scheinen mir eher abwesend zu sein. Wo haben Sie denn Ihre Gedanken?«
»Ja, äh ... ich war ... ich hab gerade an etwas anderes gedacht.« O Gott, jetzt fange ich auch noch zu stottern an.
»Passen Sie in Zukunft besser auf. Wenn Sie wieder das Klassenziel nicht erreichen, haben Sie nicht mal die mittlere Reife.«
Blödmann! Das weiß ich auch. Was muss der mich gleich beim ersten Mal so dumm anreden. Aber ich bin selbst schuld, warum stelle ich mich auch so bescheuert an.
»Marie Färber.«
»Ja, hier ...« Ein Mädchen links von mir steht auf. Sie hat lange blonde Haare, trägt ein T-Shirt und einen weiten Rock, von ihrer Figur kann man nicht viel sehen. Hat sie meinen Tonfall nachgeahmt oder kommt mir das nur so vor? Sie sieht viel jünger aus als diese Angie. Fünfzehn, allerhöchstens sechzehn.
Ich bin vor zwei Wochen siebzehn geworden. Damit gehöre ich zu den Ältesten in der Zehnten. Die meisten sind fünfzehn oder grad mal sechzehn. Eigentlich bin ich ganz froh, nun zu den Älteren zu gehören, nachdem ich jahrelang einer der Jüngsten und Kleineren in der Klasse war. Oft waren die Mädchen einen halben Kopf größer als ich. Mädchen wollen doch von einem kleineren Jungen nichts wissen. Das ist Tatsache. Da führt kein Weg vorbei.
Ich finde es echt fies, dass die meisten Mädchen in unserem Alter fast zwei Jahre älter wirken. Kein Wunder, dass sie sich immer Freunde aussuchen, die älter sind als sie selbst.
Endlich ist die öde Vorstellerei vorbei, die ersten zwei Schulstunden sind überstanden. Mit Tom und Bill stehe ich im Pausenhof. Bill hat schon wieder 'ne Kippe im Mund, er raucht Kette. Er rempelt mich an und grinst in Richtung der Mädchengruppe, die sich um Angie gebildet hat. Die vier, fünf Mädels stehen etwa zehn Meter von uns entfernt und äugen des Öfteren zu uns Neuen herüber.
»Schaut euch dieses Chassis an, das ist der Wahnsinn!«
»Hey, geht's vielleicht noch lauter«, sage ich. »Muss doch nicht jeder hören, oder?«
»Was haste denn?«, sagt Bill. »Vielleicht steht die Braut auf direkte Anmache.«
Und tatsächlich dreht sich Angie genau in diesem Moment zu uns herum, als ob sie Bills Bemerkung gehört hat. Ganz langsam holt sie eine Packung Zigaretten aus ihrer Tasche, führt die Packung an ihren Mund, fischt mit den Lippen eine Zigarette heraus und blickt dann herausfordernd in unsere Richtung. Doch als ich genauer hinsehe, bemerke ich, dass sie nicht mich anschaut, sondern Bill. Sein Brustkorb scheint daraufhin noch ein Stückchen anzuschwellen, er stellt sich in Positur und lässt seine Muskeln spielen. In seinem schwarzen Muskel-Shirt macht er echt was her. Body-Bill trägt seinen Namen nicht zu Unrecht, seit etwa zwei Jahren geht er ins Fitnessstudio, macht Bodybuilding und schluckt irgend so ein komisches Pulver für den Muskelaufbau.
Er wirft uns einen stolzen Blick zu, greift in seine Hosentasche, holt sein Feuerzeug heraus und macht sich auf den Weg. Betont langsam geht er auf Angie zu und hält ihr sein Feuerzeug unter die Nase. Erst beim vierten oder fünften Mal funktioniert das Ding. Peinlich, peinlich.
Ich mag Bill gern, er ist ein netter Kerl, aber wenn's um die drei großen M's geht, Mädchen, Muskeln und Motoren, kann er echt nervig werden. Auch Tom verdreht schon die Augen. Ich ziehe ihn zur Seite.
»Komm, Tom, lass uns 'n ruhiges Plätzchen suchen. Ich komm mir vor, als ob uns alle begaffen.«
»Hast Recht«, sagt Tom, »setzen wir uns auf die Mauer.«
Die Mauer ist ein beliebtes Plätzchen im Pausenhof. In der Mitte des steinernen Areals befindet sich eine riesige Eiche mit ein wenig erhöhter Grünfläche rundherum, die von einer kleinen Steinmauer umgrenzt wird. Wir finden noch einen freien Platz, setzen uns und lassen die Beine baumeln. Die Morgensonne wärmt uns das Gesicht.
Nach einer Minute blicke ich zu Tom, der die Augen geschlossen hat. »Wie findest du denn die neue Klasse?«
»Ach, geht schon«, murmelt er, »sind ein paar nette Mädels drin, glaub ich.«
»Hm.«
»Und du?«
»Glaub auch«, sage ich.
»Aber sind sie auch hübsch genug ...«, sagt er mit einem leise lachenden Unterton.
»Hm.«
Nun haben wir beide die Augen geschlossen. Ich spüre, wie Tom leicht zu grinsen beginnt.
Tom und ich verstehen uns mit wenigen Worten. Seit drei Jahren sind wir die besten Freunde, über die wichtigen Dinge brauchen wir nicht mehr viele Worte zu verlieren.
Als ich die Augen wieder aufmache, fällt mein Blick auf das Mädchen mit den langen blonden Haaren. Sie geht gerade an uns vorbei. Unsere Blicke treffen sich. Hat sie mich etwa beobachtet? Bestimmt hat sie Bills Bemerkung über den Kindergarten gehört und fand mein lautes Lachen darüber blöd.
Neben ihr geht ein hübsches Mädchen mit dunklen Locken. Die beiden stecken immer zusammen, scheinen wohl Freundinnen zu sein. Jetzt fällt mir wieder ein, wie sie heißt: Marie ... schöner Name, passt zu ihr.
2
Nur vier Stunden Schule und ich bin schon wieder völlig schlapp. Ich muss mich richtig anstrengen, um mit Sara Schritt zu halten.
Locker schiebt sie ihr Rennrad neben mir her. »Okay, du lahme Ente, ich gehe ja schon langsamer!«
Sara wohnt nur ein paar Häuser weiter, deswegen können wir den Nachhauseweg immer nutzen, um alle wichtigen und unwichtigen Schulereignisse direkt durchzuhecheln.
»Dass uns dieser Rust immer noch aufstehen lässt bei der Vorstellungsrunde, finde ich zu albern!« Ich streiche meine verschwitzten Haare nach hinten. »Da fühlt man sich wie unterm Scheinwerfer.«
Sara zuckt die Achseln. »Vielleicht hat er das heute für die drei Neuen gemacht. Damit die wissen, wer wer ist, verstehst du?«
»Ach komm, so weit denkt der Rust doch gar nicht! Der träumt heimlich von den Zeiten, als die Schüler noch respektvoll strammstanden, wenn er sie aufgerufen hat.«
Sara beginnt zu kichern. »Aber Angies Auftritt war ja mal wieder super ...«
Aufs Stichwort stelle ich mich in Positur, reiße mein T-Shirt hoch und präsentiere Sara herausfordernd meinen weißen Bauch. »Ich heiße Äiiiingiee ...«, hauche ich, »Herr Rust, das müssen Sie doch jetzt langsam wissen!«
Schmollend schiebe ich meine Lippen vor und drohe Sara neckisch mit dem Finger. Die kringelt sich über ihrem Fahrrad. »Hör auf, ich platze gleich!«
Immer noch kichernd, gehen wir weiter.
»Hast du gesehen, wie der Neue, dieser Daniel, auf Angie reagiert hat?«, fragt Sara.
»War ja nicht zu übersehen, ein Blick von ihr und er war hin. Dabei sieht er gar nicht so aus ...«
Fragend schaut mich Sara an. »Wie meinst du das?«
»Na ja«, ich überlege, »als ob er auf primitive Anmache steht.«
Sara schüttelt energisch den Kopf. »Ach Quatsch: Viel nackte Haut, Busen und den Jungs das Gefühl geben, dass sie tolle Hechte sind ... da stehen doch alle drauf, ob sie's jetzt zugeben, so wie Body-Bill, oder nicht.«
»Ich vertraue darauf, dass es da noch ein paar seltene Ausnahmen gibt«, sage ich. »Hast du übrigens mitgekriegt, dass Bill uns als »Kindergarten« tituliert hat?«
Sara zuckt die Achseln. »Den nehme ich gar nicht mehr ernst, aber dass sich die beiden anderen so an ihn dranhängen, finde ich blöd! Dieser Tom hat das doch echt nicht nötig, der ist wirklich süß mit seinen dunklen Locken, und Daniel ...«
»... dem war Bills Spruch doch schweinepeinlich«, sage ich. »Ich hab das genau gefühlt, obwohl er mitgelacht hat.«
»Du immer mit deinen Gefühlen«, lacht Sara und schwingt sich auf ihr Rad. »So, ich muss los, holst du mich morgen früh ab oder kommt dein Chauffeur wieder?«
Ich strecke ihr die Zunge raus. »Nein, du Neidhammel, und guten Appetit bei ... äh«, ich überlege, »was ist denn heute? Zweiter Montag, also: Fischstäbchen.«
Wir machen uns immer darüber lustig, dass es bei Saras Mutter Essen nach Plan gibt: vierzehn Essen im Zweiwochenrhythmus. Grausig! Muss denn alles im Leben so festgelegt sein? Langsam gehe ich auf unser Grundstück. Aber zugegeben, viel besser ist es bei uns auch nicht: einkaufen, essen, aufräumen, fernsehen ... alles läuft nach dem ewig gleichen Plan ab. Wenn wir wenigstens mal einen richtig tollen Urlaub machen würden. So wie Angie - nach Cannes fahren... Stattdessen verbringen wir jedes Jahr drei Wochen in Holland oder Österreich. Ich würde lieber mal kürzere, spannendere Reisen machen, nach Rom oder Paris oder so. Aber da ist mit meinen Eltern nicht zu reden.