Aus der Amazon.de-Redaktion
Charakteristisch ist dabei der Blick des Kulturanalytikers, Ästheten, Übersetzers und Poeten. Ohne dass die poetische Qualität leiden würde, betrachtet er die Welt mit den Augen eines Zoologen, seziert seine Wahrnehmung gleichsam mit einem großen, mit einem unbedingten Tierblick. Zusätzlich durch den Katalysator Neugier angetrieben, reflektiert er über seinen Alltag, die Gegenwart und Vergangenheit, immer auf der Suche nach möglichst exakten Worten als Korrelate für alles Erlebte, Empfundene und schwer Erträgliche. Ob in seinem Wohnort Berlin oder auf Reisen nach Wien oder Krakau, ob im alten Pompeji (dem "Urerlebnis") oder in der Neuen Welt: Seine Beschreibungen sind brillant, akribisch in der Wortwahl, poetisch in Metaphern und Assoziationen. Der Gebrauch des riesigen Fundus an Zitaten ist in seiner scheinbar instinktiven Sicherheit beeindruckend. Dabei ist sein Denkanspruch von einer unausweichlichen Strenge geprägt: Ob es um das Auseinanderklaffen von naturwissenschaftlicher Wahrnehmung und künstlerischem Ausdruck geht, um den Niedergang der Geisteswissenschaften, um Poetologisches oder die zusehends in Vergessenheit geratenden alten Dramen.
Aber Das erste Jahr ist mehr als Grünbeins poetologische und intellektuelle Standortbestimmung. Es schildert auch sein erstes Jahr als Vater. Passagen von ungeahnter Intimität überraschen, aber stehen wie selbstverständlich neben Abstrakt-Reflexivem. In diesem Kontext spielt die eigene Familie und seine Kindheit in Dresden eine wichtige Rolle, eine Kindheit weitab vom fettleibigen und verwöhnten Westen mit seinem Marken- und Konsumwahn. Vielleicht gibt es ihn also doch noch, den ostdeutschen, den ernsten Ton in der deutschen Gegenwartsliteratur, dessen Verschwinden er selbst beklagt? Ein spezifischer Ton, der sich ebenso auf die radikale Bedingungslosigkeit seiner Fragen an die Gegenwart auswirkt wie auf seine gelegentlich antiquiert wirkende Lexik und Syntax der oft schwer zu widerlegenden Sätze oder auf die Beschäftigung mit den Toten Seneca, Augustinus, Darwin, Baudelaire, Mandelstam oder Cézanne. Ob aber in Ost oder West: Trauriger Fakt ist, dass Grünbein selbst bereits zu einer seltenen, vom Aussterben bedrohten Spezies gehört: der von tiefer Intellektualität durchdrungene, melancholische Poet. Und was kann sich schließlich aus dieser Tatsache anderes ergeben als ein rückwärtsgewandter Blick, der einhergeht mit einer wie auch immer gearteten Abneigung gegen die Gegenwart? --Kristina Nenninger
Pressestimmen
»Ich finde das Buch fabelhaft [...] ich finde das Buch ganz ganz wichtig [...] ich freue mich sehr, das Buch gelesen zu haben [...] es gehört zum wichtigsten, was in deutscher Sprache in diesem Jahr überhaupt erschienen ist [...] wo haben wir Autoren mit einer solchen Bildung [...] hochintelligent und sehr interessant [...] ein hochinteressantes Buch.« (Marcel Reich-Ranicki Literarisches Quartett, ZDF )
»Ein schönes Buch [...] ein sehr kunstfertiges Buch [...] Ich war glücklich, dieses Buch lesen zu können und ich werde es sicherlich noch sehr oft künftighin lesen.« (Jürgen Busche Literarisches Quartett, ZDF )
»Wenn er den Nobelpreis bekommt, den er sicher verdient hat.« (Hellmuth Karasek Literarisches Quartett, ZDF )
»Wer sich anstrengt und durch des Dichters Augen sieht, sieht tatsächlich mehr - und das ist immer ein Geschenk.« (Die Welt )
»Das ist ein Buch, mit dem man lange Zeit leben kann. Es ist ernst und fordert einem einiges ab. Man arbeitet, wenn man es liest. Aber es enthält auch eine Fülle von berührenden Szenen und Porträts. Und es kann zwischendurch von einer mächtigen Komik sein [...].« (Peter von Matt Frankfurter Allgemeine Zeitung )
»Seinem Titel entsprechend handelt Das erste Jahr vom vergangenem Jahrhundert nicht weniger als von einer ungewissen Zukunft, eine kleine Atempause zwischen Jahrtausenden, eine gelungene Mischung aus Beobachtungen, persönlichen Anmerkungen und distanzierten Überlegungen.« (Olga Martynova Rheinischer Merkur )
»Summa summarum hat die Möglichkeit, an der gedanklichen Ausformung von Grünbeins Gedankenkosmos teilzuhaben, einen bestechenden, nicht zuletzt biografischen Reiz. Es ist ein Leben, das seine Kraft gewinnt aus seiner zeitenthobenen Betrachtung der Gegenwart. Und die tut der Gegenwart bitter Not « (Dierk Wolters Frankfurter Neue Presse )
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs führten ihn Reisen durch Europa, nach Südostasien und in die Vereinigten Staaten. Er war Gast des German Department der New York University und der Villa Aurora in Los Angeles. Für sein Werk erhielt er mehrere Preise, darunter den Peter-Huchel-Preis, den Georg-Büchner-Preis, den Literaturpreis der Osterfestspiele Salzburg 2000, den Friedrich Nietzsche-Preis des Landes Sachsen-Anhalt 2004 und den Berliner Literaturpreis 2006 der Preussischen Seehandlung verbunden mit der Heiner-Müller-Professur 2006.
Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt.