Wer sich literarische Meriten verdient hat, dem ist es auch vergönnt, sich der Gattung des Tagebuchs zu bedienen. Durs Grünbeins Berliner Aufzeichnungen sind insofern ein weiterer Beleg dafür, daß der Büchnerpreisträger von 1995 in einem Alter, in dem andere in Deutschland immer noch als Nachwuchs gehandelt werden, endgültig in die Klasse des literarischen Schwergewichts aufgestiegen ist. Entsprechend souverän präsentiert sich der Autor in seinem Diarium bei der Chronik der laufenden Ereignisse im Milleniumjahr. Persönliches steht neben dem Allgemeinen, breiten Raum nehmen Reflexionen über Sprache und Dichtung, Anekdoten von Kollegen und Geschichten aus der Kindheit ein. Seinem emphatischen Bekenntnis zur Lyrik als dem Lorbeerkranz der Literatur zum Trotz, erweist sich Grünbein dabei als solider Erzähler. In der Imagination eines Unfalls, der Erinnerung einer Sportstunde, der Beschreibung der Geburt seiner Tochter zeigt sich nicht nur der präzise Blick des durch zahlreiche Schädelbasislektionen geschulten Dichters, sondern auch dessen Fähigkeit zum Spannungsaufbau und zur gezielten Pointe, ohne in das „wuchernde Prosa-Unkraut, die redundante Vegetation der sogenannten Gegenwartsliteratur“ zu verfallen. Grünbein läßt kein gutes Haar an den Fähigkeiten seiner Kollegen vom Prosafach, die „den weiblichen Körper wie Metzger oder Frauenmörder“ beschreiben, um zweihundert Seiten später selbst am Objekt der Begierde den Unterricht in der richtigen Anschauung zu liefern: „Sie hat Veilchenbrüste, ganz wie Sappho sie liebte, die Hüften der aphrodisischen Frau und den Oberkörper des artemischen Knaben.“
Grünbein beklagt den Verlust antiker Mythen im Talkshowzeitalter und das fehlende „Gespür für die alten Dramen, die antike Figurenkonstellation unter dem aktuellen Tagesgeschehen“. Im Geburtsschmerz der Geliebten vermag er hingegen noch eine „Aufführung der Orestie“ mit allen dazugehörigen Ingredienzen zu sehen, im Halloween die „römischen Saturnalien“ wiederzuerkennen, und der Trip durch New York gleicht ihm einer „Hadesfahrt“.
In der Weltliteratur fühlt sich Grünbein zu Hause und entsprechend gibt er seinen Affen Zucker. Die heißen Poe, Baudelaire, Nietzsche, Benn, Mandelstam und Heiner Müller. Anläßlich seines hundertsten Todestages ist Nietzsche ein kleiner Essay gewidmet, in dem Grünbein noch einmal die gängigen Nietzschebilder und ihre Rezeptionen sichtet, ohne ihnen jedoch substanziell Neues hinzuzufügen („Keiner kam fortan an Nietzsche vorbei.“).
Über Nietzsche und Benn, dem „Herrn, für gewisse lyrische Stunden“, speist sich Grünbeins Interesse am Körper und seiner Physiologie. Mit ihm teilt Grünbein auch die Liebe zum Fremd- und Fachwort: „Phänotyp“, „Thalamus“, „protozoisch“. Ganz in der Tradition des frühen Benn befragt Grünbein die Evolution von der wackeligen Krone der Schöpfung aus: „Was ist der Mensch? Eine Sickergrube auf zwei Beinen, der wandelnde Abtritt, ein transzendenter Abort, die Kloake von Verwesung und Bedeutung?“ In der Zeit pränataler Diagnostik und Genomforschung hebt der nachmetaphysische Katzenjammer noch einmal an. Nach dem Verlust der geschichtlichen Utopien kommen nun die aus dem Geiste E. T. A. Hoffmanns und Shelleys zuschanden. Grünbeins „Gedanken zur laufenden genetischen Revolution“ lesen sich dabei wie die Paraphrase von Argumenten aus der dazugehörigen Feuilletondebatte.
Spannender, weil „auf der Wanderschaft durch die Auen der Anschauung“ gewonnen, sind die Beobachtungen über den Geruch von Turnhallen, die Bewegungen eines Säuglings oder die Lamellen von Fliegenpilzen. Der „poeta empiricus“ (Grünbein über Grünbein) gewährt Einblick in seine „Giftküche“. Dort haben gescheite Bemerkungen über Reim und Metrum ebenso Platz wie kleine Poetiken oder ein paar Gelegenheitsgedichte.
Der „Schwerstarbeiter im Namen der Transzendenz“ liefert in seinem Journal nebenbei auch Klatsch und Tratsch, wie die Beschreibung von Ingo Schulze, der sich in Vorbereitung seiner Taxischeinprüfung verzweifelt in Stadtplänen von Berlin versenkt. Aber wie hat man es sich bloß vorzustellen, wenn Wolfgang Hilbig „ein wenig gedankenverloren“ aussieht? Die pflichtbewußten Reflexionen über Sinn und Wert eines öffentlichen Tagebuchs immunisieren nicht gegen stellenweise Geschwätzigkeit und Banalitäten vom Schlage „Berlin war und ist die Stadt im permanenten Ausnahmezustand.“ Im Gegensatz zu diesen Allgemeinplätzen stehen die intimen Erinnerungen und genauen Beobachtungen. Nicht das Gedicht über Hitlers letzte Tage im Führerbunker („Der Vegetarier, der Anti-Alkoholiker, der doch niemals nüchtern war“), sondern der private Ton der fünfzehn Gedichte über die Tochter („Du bist die Mitte, um dich gehts: die zweieinhalbtausend Gramm“) berühren und bleiben haften. Wie es sich für einen Großdichter – den Titel „poeta doctus“ verschmäht er indes – gehört, gibt es Kollegenschelte (Hermlin, aber auch der „gute Onkel Brecht“ bekommt sein Fett weg), kernige Sentenzen und sogar ein Statement zur alten Frage, welcher Kunst nun die Führung gebührt, der Malerei oder der Dichtkunst. Nebenbei wird noch das „Heilige Sozialistische Reich Deutscher Nation“ intellektuell abgewickelt und die BSE-Krise kommentiert. Und unterm 11. September – 2000 wohlgemerkt – findet sich, wie es der Zufall will, im Rahmen eines deutsch-arabischen Autorentreffens im Jemen eine Bemerkung über des Dichters „Furcht vor dem Islam“. Es bleibt zu hoffen, daß dies nicht der Ausgangspunkt für das zweite Jahr wird. Lieber mal ein Band Kurzprosa, möchte man einwerfen, oder die bewährte Lyrik.