Abriss
Alain Ehrenberg (AE) stellt zu Beginn 2 Hypothesen auf:
1) "... denn sie (die Depression) ist eine Krankheit einer Gesellschaft, deren Verhaltensnorm nicht mehr auf Schuld und Disziplin gründet, sondern auf Verantwortung und Initiative. (...) Die Depression ist ein Laboratorium für die Ambivalenz einer Gesellschaft, in der der Massenmensch sein eigener Souverän sein soll." [20]
2) "Der Erfolg der Depression beruht auf dem verlorenen Bezug auf den Konflikt, auf dem der Begriff des Subjekts basiert ..." [22]
Als das Individuum noch in einer von Moral und Gesetz bestimmten Welt lebte, spielten bei den psych. Erkrankungen die Begriffe Konflikt und Schuld die Hauptrolle - doch mehr und mehr kam eine Krankheit auf, die von Leere, Hemmung, Verlangsamung und Kraftlosigkeit gekennzeichnet war. Auf Spurensuche der Depression, nimmt uns diese Studie des französischen Soziologen mit auf eine Reise durch die Irrenhäuser früherer Zeiten, vorbei an den Elektroschocks Cerlettis, den Theorien von Lacan, Freud, Bleuler, Kuhn, usw. Wir durchmessen den Raum von den guten alten Trizyklika bis zum Prozac, vom Urschrei bis zu New Age, von verstaubten Periodika der 1960er (Elle, Marie-Claire aber auch Fachblätter, wie L'Encéphale, La Revue du praticien) bis zu dem "topmodernen" "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders - DSM III und IV". Mit populärwissenschaftlichen Berichten zur Depression und zur Psyche allgemein leisten die Zeitschriften dieser Jahre einen wichtigen Beitrag: erstmals entdecken die Menschen eine Grammatik des Innern, sie erhalten die Begriffe, um über die Befindlichkeiten ihrer Psyche sprechen zu können und damit die Tabuisierung aufzubrechen. Das Individuum emanzipiert sich von einem Schicksal, das bisher durch Religion, soziale Gegebenheiten und Autoritäten determiniert war. Dies alles klingt fast zu schön, um war zu sein - doch die neue Freiheit ist für die Menschen ungewohnt und fordert ihren Tribut. Nach der inneren Befreiung, die fast schon einer Enthemmung gleich kommt, stürzt das Selbst erneut in eine Verzweiflung.
"Ein neuer Blick auf die Depression macht sich im analytischen Millieu breit. Ihn prägt ein Stil der Verzweiflung, den die frühen Generationen nicht kannten." [163]
Sucht kann auch als Selbstmedikation des Depressiven betrachtet werden, sie ist oft nur zusammen mit der Depression zu verstehen:
"Der ... Depressive erträgt keine Frustration. Alkoholismus und Abhängigkeit von Rauschmitteln oder Medikamenten dienen dazu, einen Ausgleich zu schaffen ... Die Erfüllung durch die Sucht ist die Kehrseite der Leere der Depression." [173]
Auch die ständigen Veränderungen in Beruf und Alltag der Menschen bleiben ein Nährboden für die Problematik:
"Die Triade Asthenie, Schlaflosigkeit, Angst ist eine verhaltensmässige und affektive Antwort auf die unaufhörlichen Veränderungen im Alltag der demokratischen Gesellschaften." [184]
Immer stärker schiebt sich der Verzicht auf Psychopathologie, Ätiologe, verstehende Psychiatrie und eine medikamentöse Überlagerung der Depression in den Vordergrund. Die Psychiatrie versucht in immer neuen Anläufen die Depression zu fassen oder auch nur kohärent zu beschreiben. Als sich dies als kaum möglich erweist, werden alte Ansätze über Bord geworfen:
"... verzichtet auf den Begriff der Persönlichkeit und die Kompetenz des Psychiaters (...) Da sich die Psychiater nicht über die Ursachen und daher nicht über die den Syndromen zugrunde liegende Krankheiten einigen können, muss man die Semiologie von ätiologischen Problem befreien (...) Das technische Mittel dazu besteht darin, standardisierte Diagnosekriterien zu entwickeln ..." [139]
Doch auch diese Entwicklung ruft Kritik auf den Plan:
"Oft genug muss der Depressive nicht selbst die Hilfe der Drogen suchen; seine Ärzte machen in zu einem passiven Süchtigen ..." [213, Zitat von Bergeret]
"Die neuen Methoden, uns vor der Depression zu befreien oder sie zu erleichtern, führten zu der Befürchtung, dass wir aus unserer Psyche, wie es Pierre Legendre schrieb, "einen regulierbaren Apparat" machen." [214]
Wenn der Depressive wirklich eine Vorstufe des Nietzscheanischen Übermenschen darstellen sollte, dann wird es keine Heilung geben - denn das Rad der Zeit kann nicht zurückgedreht werden. Vielmehr dürfte dann die Depression ein Wachstumsschmerz sein, der vielleicht zu einer besseren Welt führt - vielleicht.
"Die Antworten auf die Krise der Heilung suggerieren, dass es heute nicht mehr so sehr darum geht, geheilt zu werden, als vielmehr darum, mehr oder weniger ständig betreut und verändert zu werden, und zwar sowohl durch Pharmazie als auch durch die Therapie und die Gesellschaftspolitik." [221]
Doch auch die neueren Medikamente der 1990er Jahre sind nicht über jeden Zweifel erhaben, und die Erkenntnisse der Neurowisschenschaften bringen die Psychiatrie vorerst nicht weiter.
"Die bedeutendsten Biochemiker, Neurologen und Psychopharmakologen sind sich einig: Sie wissen nicht, ob die Schwankungen des Serotoninspiegels für die antidepressive Wirkung verantwortlich sind, ..." [236]
Etwas Kritik
- Die Identifikation des Depressiven mit jenem, der "versprechen darf", wie ihn Nietzsche in "Zur Genealogie der Moral" in Aussicht gestellt hat, finde ich voreilig. Entweder hat sich Nietzsche "das souveräne Individuum, das nur sich selbst gleiche" zu monolithisch, zu ungebrochen vorgestellt, oder Ehrenberg konnte nicht lange genug warten. Ich selber setze auf Nietzsche.
- Wiederholung. Ich schätze mal, dass eine verbesserte und vom Autor durchgesehene Auflage locker an die 20 bis 30 Seiten kürzer ausfallen könnte, ohne an dieser gelungenen Studie inhaltlich etwas zu streichen. Etwa das Konflikthafte, das in der Diagnose zunehmend an Bedeutung verliert oder das Wegfallen von Normen, Verboten, Dogmen oder die bedeutunsschwangere Heraufkunft des "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" sind Gravitationszentren, derer sich der Autor in immer wieder neuen Formulierungen zu versichern scheint. Man nimmt es in Kauf.
- sehr knapp fallen Recherchen und Schilderungen des modernen Berufslebens aus. Doch der Autor ist problembewusst: "Das Unternehmen ist das Vorzimmer der nervösen Depression geworden." [245] und verweist damit auf "Le culte de la performance" - ein anderer Titel seiner Trilogie über das moderne Individuum. Leider liegt davon keine Deutsche Übersetzung vor.
Perspektive
"Soziologen oder Historiker haben den Menschen nicht vorzuschreiben, wie sie leben oder denken sollen." [279]
Daran hält sich AE weitgehend, darüberhinaus ist Verstehen ohne Perspektive wahrscheinlich unmöglich. AE will die widersprüchlichen Argumente herausarbeiten, die das Bild der Depression prägen. Wenn man dabei immer tiefer dringt, stösst man früher oder später auf philosophische Fragen. "Die Absicht ist also Aufklärung in einem politischen Sinn. Sie zielt weniger auf eine wissenschaftliche Wahrheit, ... Sie (die Psychiatrie) ist eine erstrangige Quelle, wenn man beobachten will, wie sich die Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft verändern."
AE ergreift in all den geschilderten Debatten nur ungern Position, deutet oft nur an oder lässt den Leser darüber rätseln, ob er nun einen weiter oben ziterten Autoren paraphrasiert, oder ob es eigene Statements sind. Mehr oder weniger klar wird immerhin, dass AE die alte französische Phalanx der Metaphysik dem Anachronismus zurechnet, den pragmatisch-utilitaristischen Stil von Peter Kramer und seinen Beipackzettel zu Prozac (Listening to Prozac) mag und dann aber doch froh ist, dass die Wirkungsmacht moderner Antidepressiva noch nicht jenes Mass erreicht hat, das ein gewisser Solomon Snyder schon 1987 vollmundig verkündet hat:
"[dass] neue psychotrope Wirkstoffe mit ausserordentlicher Kraft und Selektivität aufkommen werden ... Mit diesen Medikamenten wird man selektiv die emotionalen Nuancen modellieren können, die heute so fein sind, dass sie sich im Vokabular der Dichter wiederfinden und nicht in dem der Psychiater." [239]
Werden wir diesen Snyder'schen Tag noch erleben? Was wird dann sein? Heute gehen wir vielleicht einmal pro Jahr zur Dentalhygiene, in Zukunft können wir vielleicht gleich noch einen Termin zur Rekalibrierung der Psyche anhängen. Wird das das Ende der Geschichte sein, wird das Subjekt dann endgültig verschwunden sein? Worauf kann sich Gesellschaftskritik dann noch berufen, wenn die Störungen, Leiden und Schmerzen einfach "wegmodelliert" werden?
Fazit
Entstanden ist eine umfangreiche, interessante Auslegeordnung über die Wandlungen des Subjekts, die Problemgeschichte der Psychiatrie, die das Subjektive zu objektivieren sucht, die verschiedenen Akteure, die um die Definitionsmacht dieser verbreiteten Krankheit (Depression) kämpfen und auch einwenig die philosophischen Untiefen, die sich dahinter verbergen. Dass Manches etwas frankozentrisch ausgefallen ist, stört kaum, das meiste davon lässt sich leicht auf andere Mentalitäten übertragen. Für konzentrierte Lesearbeit wird man reich belohnt, man findet in diesem Buch soetwas wie die erste Landkarte eines gerade erst entdeckten Kontinents und wird zum eigenen Denken angeregt.
Man könnte wegen der Wiederholungen 1 Stern abziehen - doch das was nach Abzug der Redundanz noch bleibt, ist immer noch 5 Sterne wert. Also 5 Sterne.