"Das entschwundene Land" ist die Autobiographie der Kindheit Astrid Lindgrens und gleichzeitig das einzige Buch, dass sie für ihre erwachsenen Leser geschrieben hat. Obwohl dieses Buch so etwas abseits der lieblichen Kinderbücher über Michel, Pippi und die Kinder von Bullerbu steht, ist es doch nicht minder ein durch und durch beseeltes Werk.
Schon das erste Kapitel des Buches berührt den Leser auf ganze eigene, reizende Weise im Herzen. Dort beschreibt Astrid Lindgren die Lebensgeschichte ihrer Eltern, zweier Menschen, die ihr Leben lang in einer aufrichtigen, einfachen Liebe verbunden waren, so wie sie es wirklich nur noch in einem "entschwundenen Land" zu geben scheint. Unvergesslich und zauberhaft, in Stil und Inhalt von einer ehrlichen, schlichten Tiefe, so kommt dieses Kapitel daher und macht das Geschilderte zu einer der rührensten Liebesgeschichten, die ich je lesen durfte.
In den übrigen Kapiteln malt Astrid Lindgren dem Leser ein farbenfrohes Bild ihrer Kindheit, aus dem doch stets ein melancholisches Licht strahlt, wie man es in kaum einen anderen biographischen Werk finden wird. Zu gerne wünscht man sich zu den rot gestrichenen, schwedischen Höfen zurück, zu den unberührten Wiesen und Gräben, zu Brombeersträuchern an Sommertagen und zu den verschneiten Winterlandschaften Smålands sowie in jene kleine Küchenstube, in der in der jungen Astrid zum ersten Mal die Träume von ihren zukünftigen Kinderbuchfiguren wuchsen. Schließlich beschreibt Astrid Lindgren, wie sie erwachsen wurde und mit ihr ihre Träume, wie sie letztlich Autorin wurde und sie so zu der großen Person wurde, als die wir sie heute kennen.
Neben den melancholisch-rührenden Bildern aus ihrer Kindheit bietet dieses Büchlein aber auch noch einen anderen Aspekt, der es für alle, die vornehmlich am Menschen hinter den Büchern Interesse haben, sehr lesenswert macht: Wenn man die Lektüre beendet hat, erkennt man wie existenziell die lebendige Jugend der Astrid Lindgren für ihre Werke war. Indem es dieses aufzeigt, gibt dieses Büchlein dem Leser auch den Anstoss dazu, darüber nachzudenken, welche Kindheit wir unseren Kindern geben sollten und ob Kreativität, Freiheit und Herzenswärme nicht auch (oder gerade) in einer behüteten, grünen Welt fernab von Konsum- und Leistungsgesellschaft entstehen.
"Das entschwundene Land" ist eine zauberhafte, melancholische Reflektion der Kindheitserinnerungen der Astrid Lindgren, dass für jeden Leser, egal ob jung oder alt, mehr als nur einen Blick wert seien sollte.