Gisela Heidenreich schreibt über ihr Verhältnis zu ihrer Mutter, über ihre Kindheit und über die Verstrickungen ihrer Mutter in das Naziregime, über die Lebenslügen ihrer Mutter. Lebenslange Lebenslügen. Mich haben die seelischen Verletzungen, die dem kleinen Kind Gisela von Erwachsenen zugefügt wurden, sehr erschüttert. Da ist ein sadistischer Onkel, der das Kind erbarmungslos quält, da sind kaltherzige Lehrerinnen, die das Kind verachten, nur weil es keinen Vater aufweisen kann. Während der gesamten Kindheit wird Gisela von ihrer Mutter, Großmutter und Tante belogen. Belogen darüber, dass ihr Vater angeblich tot ist. Aber er ist nicht tot, er ist höchst lebendig - lebt mit Frau und vier Kindern einige hundert Kilometer entfernt. Und dann lernt Gisela ihren richtigen Vater endlich kennen - und es stellt sich heraus, dass dieser ehemalige SS-Offizier ein sehr sympathischer, liebenswürdiger Mensch ist. Der Verstand sagt Gisela, das kann doch nicht sein, ich muss diesen Mann doch ablehnen - wegen seiner Vergangenheit, in der er im Managment der Lebensbornheime mitwirkte, genau wie Giselas Mutter. Aber der (Ex?) Nazi gibt Gisela endlich alle Zuneigung und herzliche Liebe, die sie bei ihrer Mutter lebenslang vermisste. Ein ganz tragischer Konflikt zwischen Herz und Verstand. Genauso die Mutter - die während Giselas Kindheit immer wieder ihre eigene Tochter verleugnet hat - und das "nur", weil dieses Mädchen unehelich geboren wurde - Tochter eines verheirateten Mannes. Ein Wechselbad der Gefühle für das Mädchen. Dazu noch die Geschichte der Nazi Rassenideologie - Deutsche Mütter gebären für das Reich rassenreine Elitekinder. Die Nazis wollten eine neue Gesellschaftsordnung - das ist mir selten so klar geworden wie in diesem Buch. Deshalb danke ich Gisela Heidenreich, dass sie mit dem Thema "Lebensbornheime" und der unrühmlichen Vergangenheit ihrer Eltern an die Öffentlichkeit gegangen ist. Ich habe auch viel gelernt über "Familientransmissionen" - wie sich die Fehler einer Generation in Familien manchmal in der nächsten Generation wiederholen, ohne dass es bemerkt wird.
Ich habe mich oft gefragt, was waren das nur für Menschen, diese SS Offiziere. Und wie können sie mit ihrer Schuld heute leben. Viele können mit ihrer Schuld offenbar bestens leben, weil sie diese Schuld nie hinterfragt haben, sich keiner Verantwortung bewusst sind, die eigene Verstrickung in das Unrechtregime bis heute leugnen. Gisela Heidenreich baut ihrer Mutter eine Brücke und deutet an, dass es da vielleicht so etwas wie Angst vor der Rache der übrigen Ex-Nazis gab, ein gemeinsames Schweigegelübte, keiner redet, alle halten den Mund. Mir hat der alte Mann sehr Leid getan, der seine tatsächlichen Eltern suchte und dem offenbar nicht geholfen wurde, weil das Verbrechen eines Kindesraubes vertuscht wurde. Im Fernsehfilm wurde eine Lösung angedeutet, im Buch scheint sein Fall hoffnungslos.
Ich kann dieses Buch wirklich empfehlen, es ist keine leichte Lektüre, aber es lohnt sich.