Die Entdeckung der Spiegelneurone hat der Neurowissenschaft das Tor zum Gegenüber geöffnet und es ermöglicht, ein völlig neues Gebiet, nämlich die biologischen Grundlagen der sozialen Welt zu erforschen. Dass dies bei den Pächtern dieser Region, den Soziologen, Psychologen und Kommunikationswissenschaftern für Empörung sorgt, ist nicht verwunderlich. Waren doch soziale und kommunikative Belange bisher den Geisteswissenschaften vorbehalten.
Nadia Zaboura versucht mit ihrem Buch eine interdisziplinäre Brücke zu bauen. Sie beschreibt die Thematik vorallem aus der Perspektive der Soziologie und stellt sie im ersten Teil vor den spannenden Hintergrund der Geschichte des Leib-Seele-Problems und der philosophischen Grabenkämpfe, welche die Wissenschaft des Geistes seit Descartes in die Krise geführt haben. Der Bogen führt dabei über Descartes, Leibnitz, Husserl, Merleau-Ponty zu Darwin, Gehlen und Mead.
Die darauf folgenden biologischen Ausführungen erscheinen mir dagegen oberflächlich, unklar und teilweise fehlerhaft. Es ist nicht zu übersehen, dass die Autorin hier für sie unsicheres Terrain betritt.
Im weiterem Verlauf befasst sie sich u.a. mit phylogenetischen und ontogenetischen Aspekten von Resonanzphänomenen, einer Diskussion im Kontext der Alltagspsychologie mit der Betonung auf Imitation und Simulation und den Konsequenzen, die sich für Anwendungen aus den verschiedensten Bereichen ergeben.
Obwohl das Buch in den letzten Abschnitten versöhnlich wird und zu einem holistischen Ansatz aufruft ' vorallem der Exkurs in östliche Traditionen und die Besinnung auf Maturana hat mir gefallen - haben mir einige polemische Stellen viel vom Lesevergnügen genommen. Schon am Anfang wird ein mutmasslicher Feind ins Visier genommen. Zitat: "Eine sich geschickt in Szene setzende Gruppierung von Neurowissenschaftlern propagiert einen physikalischen Reduktionismus und versucht sich damit gleichzeitig an einem erneuten Angriff auf das eigenständig sinnhaft und intentional handelnde Subjekt und das Primat der Ratio." Dem stellt sie den Trend des "somatic turn" in der Soziologie gegenüber und will auch ihre Arbeit in dieser Tradition verstanden wissen. Dass sich Nadia Zaboura selbst vorteilhaft in Szene zu setzen weiss, kann man im Web gerne nachprüfen. Darüber musste ich schmunzeln und das Recht auf Selbstdarstellung sei jedermann unbenommen. Ich kann aber auch der Argumentation selbst nicht folgen, da sich die angesprochenen Forscher eben auf der biologischen Ebene mit intentional handelnden Subjekten befassen und diese auf der abstrahierten Ebene der Geisteswissenschaft keinesfalls anzweifeln, auch wenn das manchmal so interpretiert wird. Auch die "Ratio" ist ein Sinnkonstrukt des menschlichen Geistes, und somit auf das selbe biologische Substrat angewiesen. Ein persönlicher Dialog mit Singer, Bauer, Roth, Hüther, Spitzer et. al. würde den Konflikt wahrscheinlich schnell als Missverständnis entlarven. Dass diese Polarisierung mehr von der sensationsgeilen medialen Rezeption evoziert wird, als von den Autoren selbst, sollte gerade einer Medienfachfrau klar sein.
Zusammenfassend will die Autorin zeigen, dass mit der Entdeckung der Spiegelneurone zwar grundlegende, unbewusst basale Funktionen der Kommunikation erklärt werden können, nicht aber die kognitiven, höheren Funktionen, die erst Entscheidungsfreiheit und Sinnerfassung ermöglichen.
Das steht auch keinesfalls im Widerspruch zur Neurophysiologie. Dass die Autorin dabei kaum auf die Verbindungen der Spiegelneurone zu zahlreichen anderen neocortikalen und limbischen Arealen eingeht, vorallem solchen, die an Funktionen des bewussten Entscheidens oder reflexiven Denkens beteiligt sind, mag zu diesem Schluss geführt haben. Gerade die Verbindung mit parietalen Arealen lassen auf eine Kopplung mit assoziativen Funktionen schließen, und die Verbindungen mit den für kognitive Operationen zuständigen Bereichen des Frontallappens sind weit mehr als eine einfache Sperre, wie im Buch dargestellt. Der Integration des Spiegelsystems in das gesamte Nervensystem ist zwar ein kurzer Absatz gewidmet, trotzdem erscheint dieser fundamentale Aspekt fahrlässig unterbelichtet. Insgesamt wird das Spiegelsystem zu isoliert und abgeschlossen betrachtet.
Kein Neurowissenschaftler wird behaupten, dass sich die höheren kommunikativen Fähigkeiten ausschließlich auf das System der Spiegelneuronen begründen. Dass wir bei der Erforschung dieser Vorgänge erst am Anfang stehen, ist gerade den Forschern mehr als bewusst. (siehe auch das Qualia Problem...)
Als Einstieg in die Thematik der Spiegelneurone ohne Vorwissen ist das Buch keinesfalls zu empfehlen. Wer eine popularwissenschaftliche Einführung sucht, dem sei Bauer empfohlen. Wer es ganz genau wissen will (neurologisches Vorwissen vorausgesetzt), sollte direkt zu Rizzolatti/Sinigaglia greifen. Das jüngst erschienene Buch ist mit Abstand das Beste zum Thema (in Deutsch).
Wer sich für die Aufregung interessiert, die die Entdeckung der Spiegelneurone im Feld der Philosophie und Soziologie verursacht hat, und wen der sperrige, aber leider übliche Soziologensprech nicht stört, wird mit diesem Buch fündig.