Dieses Buch thematisiert die Frage nach dem Wesentlichen im Leben. Thomas von Orla, ein desillusionierter Überlebender des Ersten Weltkrieges, will einen Sinn für sein Leben finden. Nachdem er in einem Psalm die Worte "Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz" gelesen hat, beginnt er ein neues Leben als Fischer in Masuren, dem zur Entstehungszeit des Romans (1930/31) wohl einsamsten Winkel Deutschlands. Das "neue Leben" ist anfangs sogar wörtlich zu verstehen, denn zunächst erfährt Orlas neue Umgebung nichts von seiner wahren Identität.
Die Geschichte über Orlas einfaches Leben innerhalb einer hermetischen kleinen Gemeinschaft, in der jeder genau seinen Platz hat, wirkt allerdings allzu verklärt. Die wenigen anderen Figuren sind zwar liebevoll charakterisiert, wirken jedoch alle ein wenig statisch, streng eingefügt in eine Hierarchie, die höchstens unbefriedigte Außenseiter bezweifeln dürfen.
Die idyllische Insel, auf der Orla nun lebt und die deutlich auch auf die "Insellage" dieses Romans und seiner Protagonisten hinweist, kann vielleicht als Eingeständnis des Autors gewertet werden, dass der in "Das einfache Leben" propagierte Eskapismus nicht die einzig mögliche befriedigende Lebensform sein kann. Man kann allerdings auch umgekehrt folgern, dass Wiechert hier prinzipiell größere, unüberschaubare und "ungeordnete" Gesellschaften, wie dies moderne Staaten nun einmal sind, ablehnt.
Für heutige Leser schwer nachzuvollziehen dürfte Wiecherts national orientierte Weltanschauung sein, die sich im Roman klar erkennen lässt und die in ihrer Verklärung der Natur und der Ablehnung hauptstädtischer "Dekadenz" dem Nationalsozialismus nahezustehen scheint. Tatsächlich aber hatte Wiechert sich scharf von den Nationalsozialisten distanziert und kam 1939 zeitweilig ins KZ. (Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass seine rigorose Ablehnung der "Dolchstoßlegende" zu Anfang des Romans bei den Nazis Wohlgefallen erregte,.)
Im Gegensatz zu den ein wenig allzu edlen Protagonisten sind Wiecherts Naturschilderungen sehr eindrucksvoll; viele dieser Passagen lesen sich wie Beschreibungen von Landschaften expressionistischer Maler und dürften heutige Leser genauso beeindrucken wie die Zeitgenossen.
Veraltet ist der Roman jedenfalls nicht, trotz all seiner Schwächen. Vielleicht ein wenig altmodisch, das schon. Aber nicht veraltet.