"Dengler wollte etwas sagen, aber brachte nichts heraus. Er fühlte sich wie ein Pilger, der am Ende seiner Reise angelangt ist. Alle Verlorenheit wich von ihm."
Endlich am Ziel seiner Träume angelangt darf der Ex-Superbulle vom BKA Georg Dengler den Bluesklängen seiner Ikone Junior Wells in "Theresa`s Lounge", dem dunkelsten Harlem Chicagos, live lauschen. Daheim blieben erfolgversprechende Aufträge für sein neu gegründetes Privatermittlungsbüro eher aus. So musste er sich über die Wintermonate mit der Verfolgung untreuer Ehefrauen, Jagd auf Drückeberger und Sozialschmarotzer für die Stadtverwaltung und der Tätigkeit als Bodyguard auf einer Milliardärsparty über Wasser halten. Der einzig interessante Fall zu einem Erbschaftsstreit hatte ihn an einer Mauer des Schweigens aller Beteiligten abprallen lassen. Erst der neue Auftrag aus Chicago bringt Licht ins Dunkel und führt Dengler unter Einsatz seines Lebens zu einem entsetzlichen Verbrechen, geschehen in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges.
Die Idee zu seinem zweiten Kriminalroman mit dem Privatermittler Georg Dengler kam Wolfgang Schorlau, der genau wie Dengler in Stuttgart lebt, bei der Lektüre eines Zeitungsartikels mit dem Titel "Mordermittlungen nach Skelettfund-Ist ein US-Bomberpilot von Bauern gelyncht worden?" Gemeint ist ein bis heute wenig erforschtes Gebiet deutscher Zeitgeschichte in den Jahren des Kriegsende nach dem zweiten Weltkrieg, in der viele alliierte Piloten nach dem Absturz von der Zivilbevölkerung gelyncht wurden. Als sogenannte Volksjustiz wurden diese Verbrechen von den Nazis nicht nur toleriert, sondern gar unterstützt. Zusätzliche politische Brisanz bekommt der Plot durch die Tatsache, daß es sich hier um einen schwarzen Bomberpiloten handelt, der im Himmel als Held gefeiert und auf Erden als Nigger beschimpft wurde.
Wie in seinem ersten, von der Kritik gefeierten Roman
Die blaue Liste: Denglers erster Fall montiert Schorlau aus wahren Begebenheiten eine neue, verblüffende, aber auch beängstigende Sichtweise auf unsere heutige Wirklichkeit. In zwei Erzählsträngen auf zwei unterschiedlichen Zeitachsen, die 60 Jahre auseinander liegen, verwebt Schorlau geschickt eine Geschichte, die sich so oder ähnlich 1945 tatsächlich zugetragen haben könnte und die Menschen bis heute beeinflusst. Mit anhaltend subtiler Spannung fesselt der Autor den Leser von der ersten Seite bis zur Auflösung auf der wirklich allerletzten Seite des Buches. Aufgelockert wird der dramatische zeitgeschichtliche Hintergrund durch einige recht amüsante Einlagen. Denglers Einsatz als Bodyguard der Superreichen zwischen Champagner, Koks und Kaviar oder die heldenhafte Lektion, die Dengler dem schmierigen Berufskollegen Wiesel" bei der menschenverachtenden Razzia einer Hartz IV-Empfängerin erteilt hat, haben mir persönlich besonders gut gefallen.
War Dengler in der blauen Liste im Wesentlichen noch ein Einzelkämpfer, so hat er inzwischen in Martin Klein und Olga feste Freunde gefunden. Auch in Liebesdingen gibt es Hoffnung. Läßt ihn seine Auftraggeberin und spätere Geliebte aus dem ersten Band schmählich im Stich, so findet er nach kurzer Trauerphase wieder ein neues Liebesglück. Zudem fährt er mächtig Sympathiepunkte beim Leser ein. Nicht nur, daß er als rettender Wohltäter einer alleinerziehenden jungen Mutter auftrumpft, sondern zudem rettet er das Leben seiner eigenen Mutter durch sofortiges und beherztes persönliches Eingreifen. Dengler - mein neuer Held!
"Tatsächlich sehe ich während des Schreibens den Ort, rieche seine Düfte oder seinen Gestank, höre Verkehrslärm oder Liebesgeflüster und empfinde Sympathie, Hass oder Argwohn gegen die auftretenden Personen ..." sagte Schorlau 2006 in einem Interview und ich finde ... das spürt man. 2006 wurde "Das dunkle Schweigen" mit dem 3. Preis des Deutschen Krimipreises ausgezeichnet und von mir gibt es heute 5 Sterne für einen sprachlich anspruchsvollen Kriminalroman mit einem durchgehenden Spannungsbogen und einem zeitgeschichtlich hoch interessanten und brisanten, bisher wenig bekannten Thema.