Sherko Fatahs moderne Odyssee ist die Geschichte eines jungen Irakers namens Kerim, der eigentlich nur in Ruhe seinen Lebensweg finden will. Die Umstände machen ihm nur leider immer wieder einen Strich durch die Rechnung: Sein Vater, der als Koch ein kleines Gasthaus am Rande einer Hauptverbindungsstraße betreibt, wird von skrupellosen Saddam-Schergen erschossen, als er sie daran hindern will, ihre Zeche zu prellen. Und als Kerim später von seiner Mutter mit Lebensmitteln zu den Großeltern geschickt wird, gerät er in die Hände so genannter Gotteskrieger, in deren Augen alles aus dem Westen verdorben ist. Westliche Frauen sind Huren, die Männer Missionare der Hurerei. In den Worten des geistlichen Oberhaupts des kleinen Sprengkommandos, in dessen Obhut Kerim geraten ist, hört sich das so an (S. 150f.): "Keiner von uns allen muss leben! Nur die Ungläubigen können davon nicht lassen, denn das ist alles, was sie haben. Wir aber haben das Paradies [...]. Wir sind auf dem Pfad Gottes, auch wenn er ein Federstrich ist aus Blut." Heiliger Krieg also. Er gilt den lau gewordenen angepassten Moslems ebenso wie den westlichen Eroberern. Und er fordert bittere Opfer: Kurz vor seiner Flucht muss Kerim mit ansehen, wie sein Freund, der 15-jährige Hamid, mit einer Bombe um den Bauch auf die Straße geschickt wird, um ein paar "Kollaborateure" zu strafen.
Mit Hilfe von Nasir, der ein alter Freund seines Vaters ist, (und gestohlenen 4000 Dollar) gelingt Kerim schließlich die Emigration nach Deutschland. Im gespenstischen Dunkel eines Frachtraums trifft er auf den Schwarzafrikaner Tony, einen Lehrer, wird gemeinsam mit ihm ausgesetzt und erlebt eine Robinsonade. Halb verhungert sind Kerim und Tony, als ein Schiff den einen von der Insel holt und den anderen verzweifelt zurücklässt. Schließlich gelangt Kerim doch noch ans Ziel seiner Reise: Sein Onkel Tarik nimmt ihn in Berlin auf. Bei einem Unfall auf dünnem Eis lernt er Sonja kennen und lieben. Doch die Beziehung beschränkt sich aufs Körperliche, letztlich bleiben beide einander rätselhaft. Rätsel gibt auch Amir auf, der auf die schiefe Bahn geratene Sohn eines palästinensischen Schmuckhändlers. Tief in dem gewaltbereiten, aber unglücklichen Bandenchef steckt die Bereitschaft, sich einem größeren, sinnstiftenden Ganzen unterzuordnen. Ausgerechnet Kerim ruft mit seiner nachdenklichen Art in Amir das Bewusstsein für diese nach Inhalt lechzende Leerstelle wach und weist ihn auf eine Moschee in einem verlassenen Berliner Fabrikgelände hin, in der sich Moslems um ihren Imam scharen und radikalisieren. Kerim selbst fühlt sich von der heimatlichen Atmosphäre der Moschee angezogen. Er ahnt nicht, dass er dort einem alten Bekannten, dem Bombenexperten Rashid, wiederbegegnen und damit in tödliche Gefahr geraten wird.
Mit einer eindringlichen Sprache von Hemingway'scher Schlichtheit und Schärfe erforscht der Autor die Untiefen einer gebeutelten Seele und lässt uns darüber nachdenken, ob wir das Leben unter denselben Umständen besser gemeistert hätten als Kerim. Vor allem in den ersten Kapiteln überrascht Sherko Fatahs Wortwahl zuweilen so sehr, dass man nicht ganz sicher sein kann, ob er nach langem Suchen wirklich den Begriff gefunden hat, der am besten passt. (Ebenso gibt es hier vereinzelte Rückfälle in alte Rechtschreibung, als sei der Konflikt zwischen Tradition und Moderne auch auf dieser Ebene noch nicht ganz entschieden.)
Was das Buch dennoch ganz dicht an die 5 Sterne heranbringt, ist zum einen der genial gestrickte Schluss, zum anderen die intensive Auseinandersetzung mit dem Weltbild fanatisierter Moslems und sein ebenso nüchterner wie bedrückender Blick auf das, was unlängst in Deutschland als Parallelgesellschaft zu Medienruhm gekommen ist. Der Roman bemüht sich nicht um Wertungen, bleibt auf Distanz, selbst zum Protagonisten, der dem Leser im Grunde genauso fremd bleibt wie dessen deutscher Freundin. Doch nicht minder erschüttert das Werk als kühl vorgetragene Diagnose gleich zweier Krankheitsbilder: Der von Materialismus und Individualismus sittlich ausgehöhlte westliche Lebensstil, in dem Symptome wie Sinnverlust, Vereinzelung, Konsumsex und Internet-Autistentum den Verlust vitaler familiärer Strukturen begleiten und ein debiles Wertesystem enthüllen, wirkt dabei erschreckenderweise kaum weniger psychotisch als der Irrsinn mesopotamischer Gotteskrieger, die lieber im Kampf für ein archaisches Gesellschaftsmodell sterben, als sich mit einem als dekadent empfundenen zu arrangieren, und Frieden nur als faulen Kompromiss begreifen können: "Versteht doch, sie haben uns nichts gelassen außer dem Krieg." Wer im schon länger angekündigten Kampf der Kulturen als Sieger vom Platz gehen wird, darauf weiß "Das dunkle Schiff" keine Antwort. Nur für Leute wie Kerim, die irgendwie zwischen die Fronten geraten, wird die Sache mit Sicherheit böse enden.