Wie auch schon im ersten Band um die resolute, sympathische und für die damalige Zeit unkonventionelle Lina Borghoff, geb. Kaufmeister, ist es Frau Kaffke auf beeindruckende Weise gelungen, ein spannendes & zugleich einfühlsam-plastisches Gesellschaftsbild der Gründerzeit zu zeichnen. Eine Zeit, in der Frauen noch nicht das Wahlrecht besassen, grosse Teile der Bevölkerung vom Land in die Stadt flüchteten, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden und nicht zuletzt auch eine Zeit, in der Bürgertum und Arbeiterklasse durch strenge Konventionen, moralischen (Irr-)Glauben und Obrigkeitstreue sehr weit voneinander entfernt waren.
Einerseits war es schon spannend, einen Kriminalfall zu verfolgen, bei dem aus der Sicht des Lesers der "Übeltäter" schon von vornherein bekannt war. Andererseits hat die Autorin hier für meinen Geschmack zu starkes Gewicht auf familiäre Verwicklungen & Notlagen im engen Freundeskreis und bei den Bediensteten gelegt, die zu zahlreichen Nebenhandlungen geführt haben. Es geht um Ehebruch, einen Sorgerechtsstreit, Diebstahl, Mord, die Wirtschaftskrise, Gewalt in der Ehe, medizinische Neuerungen, um nur einiges zu nennen. Das war für meinen Geschmack einfach zu viel und dem Spannungsbogen bzw. der Atmosphäre nicht unbedingt zuträglich, zumal nicht alle in die Zwistigkeiten verwickelten Personen noch einmal genau vorgestellt wurden (vielleicht im nächsten Band eine Auflistung der Dramatis Personae?) und das Ganze manchmal wie "abgehackt" wirkte.
Silvia Kaffkes erster Ruhrort-Roman "Das rote Licht des Mondes" hatte mich total begeistert. Mit dementsprechend hohen Erwartungen bin ich an "Das dunkle Netz der Lügen" herangegangen. Trotz Showdown und auch wenn ich "Das dunkle Netz der Lügen" irgendwann fast ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt Milieustudie gelesen habe, gab es für mich zu viele Parallelen zum ersten Band und die vielen Nebenhandlungen haben mich, im Gegensatz zum Mitrezensenten Jürgen Zeller, einfach gestört (und zwar so sehr, dass ich trotz 3,5* nicht auf vier Sterne aufrunden möchte). Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.
"Das dunkle Netz der Lügen" ist lesenswert. Allerdings mit Abstrichen, wenn man den ersten Teil schon gelesen hat. Im Nachhinein würde ich allerdings lieber bis zur TB-Ausgabe warten.