Fast jede einzelne der 33 Seiten bietet Perlen, nein, besser: Früchte, die der Leser nur pflücken muss. Gleich auf der ersten ein Satz, den ich sofort unterschreiben musste: "... ihm ist, als stünde es ihm nicht mehr zu, sich für jung auszugeben." Wie oft habe ich, als die 3 vorneweg kam, gedacht: Eigentlich fühlst du dich nicht anders, nicht einmal wirklich "erwachsen" (was immer das sei), doch du bist nun einmal 30 und damit nicht mehr jung.
Und ein kurzes Stück weiter die nächste Wahrheit über das 30. Jahr: "Die Fähigkeit, sich zu erinnern. Er erinnert sich nicht wie bisher, unverhofft oder weil er es wünschte, an dieses und jenes, sondern mit einem schmerzhaften Zwang an alle seine Jahre ... Er wirft das Netz der Erinnerung aus, wirft es über sich und zieht sich selbst, Erbeuter und Beute in einem, über die Zeitschwelle ..." Nicht nur die Schönheit des Satzes hat mich gefangen, sondern darüber hinaus - und vielleicht viel mehr - die Prägnanz: Erinnerung wird zu Schmerz, Hoffnung zur Sehnsucht. Die Leichtigkeit scheint irgendwie (wie?) verflogen, die Gelegenheiten, zu einer Freundschaft, zu einer Liebe, zu einem Ansinnen ja zu sagen, auszuprobieren, waren. Und wer kommt nun?
Und immer wieder die Sprache. Die eintönige, bekannte Sprache von Moll, die Gaunersprache, die Sprache, die er auseinandernehmen will, ja muss, um mit einer neuen Sprache neu zu leben. Für Bachmann hängen Leben und Sprache zusammen, das eine kann nicht ohne das andere gedacht und erst recht nicht neu konstruiert werden: "Keine neue Welt ohne neue Sprache". Denn die "Abschaffung von Unrecht, von Unterdrückung, jede Milderung von Härten, jede Verbesserung eines Zustandes hält doch noch die Schimpflichkeit von einst fest. Die Schändlichkeit, durch das Fortbestehen der Worte festgehalten, wird dadurch jederzeit wieder möglich gemacht."
Darin ist sie, ist er absolut, der Aufbruch in das Absolute ist nur denkbar mit der Sprache, vielleicht nur mittels der Sprache. Aber: "Er wußte jetzt, daß er in einem Gefängnis lebte, daß er sich darin einrichten mußte, ..., und diese einzige verfügbare Gaunersprache würde er mitsprechen müssen, um nicht so verlassen zu sein." Das Gefängnis ohne Wärter, weil es sie nicht braucht; das Gefängnis, dass allgegenwärtig ist und sich selbst konstituiert; das Gefängnis, aus dem der Ausbruch nur zu dem höchsten Preis möglich ist: der Isolation. "Alles ist eine Frage des Nachgebens, des Beipflichtens. Aber einige tranken der Schierlingsbecher unbedingt. Aber einige hatten ein Herz mit einem wilde flachsigen Muskel und eine Rede, die in Rom gegolten hätte. Sie waren feindselig, verhaßt und einsam. Sie dachten genau, hielten sich rein und ließen die Quallen unter sich."
Schön ist, die Sprache, die "die Bachmann" nutzt, erfindet und benutzt. Reine Poesie, strahlende Perlen habe ich gefunden. Manchmal sperrt sie sich dem Zugriff, ist auf den ersten Blick holperig, verquer, inversiert, gespickt mit Interpunktions- und Interjektionszeichen. Doch das macht sie um so schöner, um so lebendiger, um so wertvoller.
Gibt es eine Lösung? Bietet Bachmann eine an? Findet er eine? Ja. Doch sie liegt nicht im Tod des alten Ich (und faktischen alter ego durch den Unfall). Sie liegt in einem kleinen Satz, der wenige Zeilen vor dem Ende der Erzählung fast nebenher gesetzt ist: Er faßt Vertrauen zu sich. Die Lösung, wenn man denn von einer Lösung sprechen will, findet sich in jedem selbst; sie nicht in Moll, nicht in der Flucht in andere Städte und Ländern, nicht im Vergessen und Verdrängen, nicht im Vergraben und Mauern. "Damals hatte er gemeint, alles schon zu Ende denken zu können, und hatte kaum gemerkt, daß er ja die ersten Schritte in eine Wirklichkeit tat, die sich nicht gleich zu Ende denken ließ und die ihm noch vieles vorenthielt."
Vielleicht lassen sich Welt und Sprache (oder die Sprache als bindendes Element der Welt) nicht ändern, vielleicht wird er eine Gaunersprache reden müssen, vielleicht wird er verhasst und einsam sein, vielleicht wird er Leuchtkäfer schicken, vielleicht wird er kämpfen und verlieren, vielleicht wird er kämpfen und gewinnen. Aber er wird. Genau, wie es der letze Satz, der mit Macht daher kommt, sagt: Steh auf und geh!