Kaum sind etwas über ein Dutzend an Jahren vorbei, schon haben viele vergessen, dass da mal was irgendwas mit zwei getrennten Deutschen Staaten war. Schon dämmert's! Als „Wessi" - wer hat nur diese hirnrissigen Worte, die es ja „andersrum" auch gab, erfunden? - und insbesondere als einer, der „Ost-Kontakt" hatte, kennt man viele der kleinen und größeren Unterschiede zwischen „Hier" und „Drüben".
Egal, ob man mit der „Ostzone" oder schon der „DDR" (in diesem Fall sind die Anführungszeichen aus Bildzeitungs-Zeiten ja wohl gestattet) aufgewachsen ist, es ist ein Teil unserer Deutschen Geschichte. Das kann man mögen oder nicht, es ist nun mal so. Und besonders ist, dass es eine nicht unwesentliche Zahl von Menschen, Bürgerinnen und Bürgern, gibt, die eine Heimat, Gefühle, Erfahrungen und Erlebnisse lebensgestaltend hatten und das alles plötzlich und (un)erwartet verloren haben. Dabei ging Vielen sicher auch ein Stück von sich selbst verloren.
Das dicke DDR-Buch kann das keineswegs wieder ändern, zurückbringen, berichtigen, wieder gut machen oder klar stellen. Aber es kann gute Erinnerungen - die es ohne Zweifel auch gab - in angenehmer Weise sachlich und doch mit ein wenig wehmütigem Humor aufzeigen. Das tut das Buch in ausgezeichneter Weise. Ohne politisches „Glatteis", ohne vorwurfsvolle Erniedrigung oder Selbstheroisierung gibt eine nach Jahren gegliederte und vor allem stichwortartig kurz gehaltene Chronologie der Deutschen Demokratischen Republik Einblick in die geschichtlichen Abläufe, Kultur und Ereignisse einer Welt, die für die Einen im Dunkel für die Anderen im Alltag lag.
Ein Mangel des illustrierten „DDR-Zeitabschnittslexikons" ist die wenig kritische Geschichtsdarstellung, denn zu bekannt sind die Vorkommnisse an der menschenunwürdigen Grenze, die erniedrigende, global angelegte Dauerbespitzelung und viele andere nicht zu erahnende Vergehen des namenlosen Machtapparates. Trotzdem eignet sich das Buch ergänzend zu all dem Wissen über politische Ungereimtheiten gut, um sich normalen Alltag in dem anderen Deutschland vorstellen zu können.
So erfährt man als „Westler" (und selbstredend auch noch als „Ostler") zahlreiche Fakten über Städte, Provinzen, Ereignisse, Feiertage, Errungenschaften, Menschen und Kultur. Eine Zusammenschau - „Straße der Besten" - zahlreicher mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten stellt nahezu wertfrei deren Herkunft, Bedeutung, Verbleib und aktuelle Aktivität dar. Die Produktliste lässt die einen vermutlich wehmütig sich erinnern, die anderen aber wundern oder mindestens ein wenig irritiert lächeln.
Die so genannte „Wortschatzkammer" erläutert sozialistisch entwickelte Begrifflichkeiten in ihrer anders ausgedrückten Bedeutung. Dazu gehören auch die wortwitzigen Berufsbezeichnungen. Kuriositäten gibt es überall, so eben auch in jener Republik und wer sie nicht alltäglich erlebt hat, kann gut darüber schmunzeln. Auch die Kurzgeschichten des Lebens in der DDR, verfasst von Insidern des Alltags wecken Gefühle des Verständnisses für die „Seele" des verschwundenen Staates.
So informiert und auch unterhalten sollte es schließlich ein Leichtes sein, die „Fragen eines lesenden Arbeiters" am Ende des Buches zu beantworten. Hier wird sich zeigen, ob zusammengewachsen ist, was zusammen gehört, ob man ein gemeinsames Geschichtsverständnis hat und die unterschiedlichen Lebenserfahrungen sich gemeinsam befruchten konnten.
Das dicke DDR-Buch gehört in einen deutschen Haushalt wie das Kartoffelmesser in die Schublade. Nach der augenzwinkernden Lektüre des Buches ist eines auf jeden Fall unverbrüchlich klar: die DDR gab's wirklich. Und das Buch darüber gibt's für West- und Ostgeld gleich! © 8/2003 Redaktionsbüro Geißler, Uli Geißler, Freier Journalist, Fürth/Bay.