Erhard Meueler
Politische Ökonomie des Weingenusses
Ein solch engagiertes politisches Weinbuch fehlte bislang, kenntnisreich und spritzig geschrieben. Mit seinem 'Versuch einer Politischen Ökonomie des Weingenusses' (S.19ff.) markiert der Autor den Anspruch, den Weinmarkt gleichsam von außen kritisch anzuschauen. Marx klammerte in seiner politischen Ökonomie noch die Menschen als individuell 'aktive, begehrende, handelnde, denkende Subjekte' aus (K. Holz). Balcerowiak hingegen --- und das macht den Charme des Buches aus --- geht ,dialektisch geschult, zwischen der distanzierten Außenschau auf die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse in Sachen 'Wein' und subjektiv bedeutsamen Wein-Perspektiven hin und her. Vehement wendet er sich dagegen, 'Genusskultur' als 'Privileg einer relativ kleinen, bildungsbürgerlichen oder einfach nur betuchten Schicht' zu akzeptieren. Für ihn soll sie 'ein kollektives Gut sein' (S. 40f.). Dass der US-amerikanische Historiker und Jurist Robert Parker junior im 'Weinverkostungsbusiness (') als nahezu gottähnliche Autorität' gilt, der mit seinen 'äußerst subjektiven Vorlieben' den weltweiten Weltmarkt beeinflusst (S. 42ff), notiert und kommentiert Balcerowiak fachkundig, aber es schert ihn kaum. Er vertraut auf seine eigenen Erfahrungen, deren Entwicklung er (' ganz bestimmt nicht zum Gourmet geboren' S.77) in rückblickender Selbstvergewisserung als Entstehung und Reifung der eigenen Kennerschaft und Genussfähigkeit beschreibt. Auf der 'Suche nach dem 'großen Wein'' (S.93ff.) gab es für ihn 'sowohl erweckungsähnliche Erlebnisse, als auch herbe Enttäuschungen' (S.94). In Abgrenzung von den drei 'Geißeln der Menschheit', als da sind 'Pseudo-Prosecco, Federweißer und Beaujolais Primeur' (S.111), sucht er nicht nach dem 'Großen Wein an und für sich', sondern nach optimalen und für jedermann erschwinglichen Trinkweinen für alle Jahreszeiten und kulinarischen Anlässe (vgl. S.95).
Dieser Weinkenner kann schreiben. Mal kommt er bissig ('So genannte Linke, die sich dem Genuss verweigern, können mir mal' S. 120), mal volkswirtschaftlich, mal philosophisch daher, immer aber mit Humor. Wein ist für ihn 'ein Kulturgut, eine großartige Errungenschaft der Menschheit, wie die Musik, das Theater, die Malerei, die Literatur, die Wissenschaften ' und auch die Demokratie, sofern sie (') umfassend realisiert wird' (S.33). Für Balcerowiak gehört zu 'einer demokratischen Weinkultur (') die Entelitarisierung des Weingenusses' (ebd.). 'Engagierte Winzer als auch nicht-elitäre Weinhändler' sind für ihn 'Helden des Alltags' (S.99).
Geschmack sei nicht angeboren, sondern man müsse ihn erlernen (S. 14ff). Daher versteht er ' die Entwicklung und Förderung der Genussfähigkeit als Bildungsauftrag': 'Jeder Mensch sollte ' sofern er am Weingenuss interessiert ist ' in die Lage versetzt werden, einen guten von einem schlechten Wein unterscheiden zu können, besonders im unteren und mittleren Preisbereich' (S.33).