Neue Zürcher Zeitung
Vladimir Vertlib (er)findet ein russisches Leben
Das 20. Jahrhundert war eine Fabrik des Todes, deren Ausstoss nach Millionen zählte. Es war aber auch eine ungeheuer fruchtbare Produktionsstätte für Romane, brachte Schicksale hervor, die keine Phantasie sich ausdenken konnte. Und wer sich etwas ausdenken wollte, musste und muss, denn noch weit in unser Jahrhundert hinein werden die Stoffe des vorigen die Literatur bestimmen der Historie lediglich nachschreiben. So hat Vladimir Vertlib, ein russischer Jude des Jahrgangs 1966, in seinem ersten Roman («Zwischenstationen», 1999) seine eigene Odyssee geschildert: aus dem damaligen Leningrad nach Israel, Österreich, wieder Israel, den USA, den Niederlanden und nochmals nach Österreich, wo er heute noch lebt. Sein neuer Roman «Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur» erzählt ein Leben, das es gegeben haben könnte und, seit es dieses Buch gibt, auch gegeben hat.
Es ist das Leben einer 92-jährigen Jüdin, das in einem Dorf in Weissrussland beginnt und in Gigricht, einer (fiktiven) ostdeutschen Mittelstadt, seinen Schlusspunkt findet. «Das also ist der Ort, an dem ich sterben werde», sagt Rosa, als sie von der Autobahn den mittelalterlichen Dom und den trägen Fluss erblickt. Vom Sozialamt erhalten sie, ihr Sohn und die Schwiegertochter eine Einzimmerwohnung zugewiesen und so viel Unterstützung, dass es für die tägliche Portion Kartoffeln reicht, für mehr nicht.
Die Deutschen sind «ein höfliches Volk, richtige Europäer und demzufolge etwas dümmlich». Sie werden geplagt von Schuldgefühlen und fördern deshalb allerlei gut gemeinte Projekte, etwa zum Stadtjubiläum Gigrichts eine Publikation mit Beiträgen «ausländischer Mitbürger». So kommt Rosa dazu, ihre Lebensgeschichte zu diktieren eben jenes Buch, das uns vorliegt. Diese Erzählperspektive erlaubt dem Autor einen schlichten, unaufwendigen Stil, der auch in dramatischen Episoden den gelassenen Ton der Chronik nicht aufgibt. Nur manchmal verdichtet sich das Erlebte zu Lehr- und Merksätzen, die subjektive Lebenserfahrung ins Allgemeine und Gültige überführen: «Männer sind schwächer als Frauen. Sie sterben zuerst» (über die Blockade Leningrads 1941 bis 1944) oder «In dieser Welt muss man Zähne und Klauen haben» oder «So oder so. Es geht immer gegen die Juden».
Tatsächlich stellt der Antisemitismus das Kontinuum dieser neunzig Jahre erlebter Geschichte dar. Zu den ersten Erinnerungen Rosas gehört ein Pogrom in ihrem Heimatdorf, noch unter dem Zaren. Die Mutter weiss da schon: «Die schlimmen, die wirklich schlimmen Zeiten kommen noch.» Deshalb versuchen ihre Eltern auszuwandern, aber der einzige ernsthafte Versuch scheitert schon vor der Grenze. «85 Jahre werden vergehen, bevor ich Russland tatsächlich verlassen werde», kommentiert Rosa. Es folgen der Erste Weltkrieg, die Revolution, Bürgerkrieg, Hungerjahre; der Heimatort wechselt etliche Male den Besitzer. Ob Deutsche, Polen, «rote» und «weisse» Russen oder Räuberbanden: Immer wird geplündert und gemordet, Feuer gelegt und vergewaltigt, und immer geht es gegen die Juden. Während des Zweiten Weltkriegs werden Rosas Eltern von den Deutschen ermordet; die Dörfler helfen gerne dabei, versteckte Juden aufzuspüren. Rosas Bruder wird als «rumänischer Spion» erschossen, ihrem Sohn der Studienplatz verweigert. Der Autor arbeitet auf beklemmende Weise heraus, wie prompt auch feinfühlige und gebildete Funktionäre ihre einschlägigen Reflexe abrufen: «Warum wollt ihr Juden immer etwas Besonderes sein? Sogar im Leid wollt ihr besser sein als wir.» 1953 rollt mit den «Ärzteprozessen» eine neue antisemitische Welle an, ertönt in den Strassen wieder der Schrei: «Schlagt die Juden tot!» Aber dann stirbt Stalin, und die zweite Jahrhunderthälfte bringt nur noch unspektakuläres Elend in einer überbelegten, von Neid und Gekeife erfüllten Kommunalwohnung. «Ob 1966 oder 1983 es war kein grosser Unterschied.»
Rosas Leben vor allem die erste Hälfte beeindruckt die offiziellen Leser, sogar den Bürgermeister von Gigricht. Auch der Leser von Vertlibs Buch kann sich der tiefen Berührtheit nicht entziehen, allzu stark gewinnt die inszenierte Authentizität der Geschichte das Übergewicht gegenüber der literarischen Schlichtheit des Romans. Rosas (und Vertlibs) «Knüller» allerdings, der Auftritt des Leibhaftigen der sowjetischen Hölle, enttäuscht auf ganzer Linie und zeigt, dass der Autor wohl auch nicht ganz so kann, wie er will. Dieser Stalin, der Rosa auf einen geheimnisvollen Brief hin höchstpersönlich in ihrer Wohnung aufsucht, der die Bösen schlägt und den Schwachen aufhilft, ist ein Wohltäter mit Pfeife und Schnauzer, ein literarischer Pappkamerad. Die Schwäche der Personengestaltung, die bereits an früheren Stellen offenbar wurde, erreicht hier einen bedenklichen Tiefpunkt, und hier ist es Vertlibs, nicht Rosas Schwäche. An Solschenizyns grandioses Stalin-Porträt im «Ersten Kreis der Hölle» darf man nicht einmal denken.
Als erzählte Historie hat dieser Roman insgesamt allerdings durchaus seinen Wert und verdient das Publikum, das er in Gigricht nicht bekommt: Denn dort so die hübsche Pointe wird das Jubiläum abgesagt, weil sich die mittelalterliche Urkunde, auf die es gründet, als Fälschung entpuppt. So siegt wenigstens hier die oral über die written history .
Martin Ebel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
ORB Antenne Brandenburg
»Vertlib weiß gerade deswegen zu bewegen, weil er in der Düsternis Witz und Daseinslust aufleuchten lässt und seine Erzählung frei von moralisierendem Kommentar hält.«
Karl-Markus Gauß, Neue Zürcher Zeitung
»Den Vergleich mit Joseph Roth oder Isaac Singer und deren lebensprallen, von Schuldgefühlen und Überschwang gleichermaßen gequälten Figuren braucht Vladimir Vertlib nicht zu scheuen. Das durchweg spannend zu lesende Werk ist darüber hinaus ein klug konzipiertes, phantasievoll ausgeführtes Destillat europäischer Geschichte im Zeitalter ihrer größten Verwerfungen. Vladimir Vertlib hat sich dem Literaturgedächtnis eingeschrieben.«
Alexander Kissler, Frankfurter Allgemeine Zeitung
»Unwillig verabschiedet man sich von Rosa Masur, einer Frau, die man gerne persönlich kennengelernt hätte, verabschiedet sich von einem Roman, der dramaturgisch und stilistisch im Prinzip auch so alt sein könnte wie seine Protagonistin.«
Der Standard
»Vertlib ist kein Moralist, sondern ein Fabulist, ein ganz fabelhafter dazu, und deshalb ist dieses sehr besondere Gedächtnis der Rosa Masur keine Abrechnung mit der Vergangenheit, sondern eine aufmerksame, unerbittliche Sichtung dessen, was nie wieder sein wird. Ein Jahrhundert wird besichtigt. Nicht weniger.«
Hamburger Morgenpost
»Trotz des opulenten Hintergrundes verbleibt Vertlib ausreichend Zeit mit der Figur der Rosa Masur ein exemplarisches russisch-jüdisches Frauenschicksal liebevoll nachzuzeichnen. Sein Roman gerät nicht zu einer Abhandlung von Fakten, Rosas Empfindungen stehen stets im Vordergrund.«
Straubinger Tagblatt
Kurzbeschreibung
Über neunzig Jahre alt ist Rosa Masur, als sie für ein Jubiläumsbuch, das anläßlich der 750-Jahr-Feier der deutschen Stadt Gigricht erscheint, aus ihrem Leben erzählen soll. Erst wenige Monate zuvor ist sie mit Sohn Kostik und Schwiegertochter Frieda aus Russland ausgewandert; da kommt das Honorar für die Mitarbeit an dem Buch gerade recht.
Und Rosa erinnert sich: an Schmuggler, Menschenfresser und Hexen, Antisemiten und Bürokraten, an den jüdischen Flüchtling Gebels, der 1941 für einen Verwandten von Reichspropagandaminister Goebbels gehalten wird, an den fehlenden Buchstaben in einer Hausübung, der ihren Sohn ins Gefängnis bringt, und an Stalin, mit dem sie eine ganz besondere Geschichte verbindet. Ein Städtl im polnisch-russischen Grenzgebiet, in dem die kleine Rosa aufwächst, die Pogrome während des Bürgerkriegs, die Stadt Leningrad in der »Aufbauphase« des Kommunismus, der polnische Terror der dreißiger Jahre, die Leningrader Blockade im Zweiten Weltkrieg und Stalins Judenverfolgung bilden den Hintergrund für dieses russisch-jüdische Frauenschicksal.
Und immer wieder verwischen sich die Grenzen der Erinnerung, begleitet von den Schilderungen des oft absurden Immigrantenalltags im Deutschland der Gegenwart.
Der Verlag über das Buch
»Vertlib weiß gerade deswegen zu bewegen, weil er in der Düsternis Witz und Daseinslust aufleuchten lässt und seine Erzählung frei von moralisierendem Kommentar hält.« Karl-Markus Gauß, Neue Zürcher Zeitung
»Den Vergleich mit Joseph Roth oder Isaac Singer und deren lebensprallen, von Schuldgefühlen und Überschwang gleichermaßen gequälten Figuren braucht Vladimir Vertlib nicht zu scheuen. Das durchweg spannend zu lesende Werk ist darüber hinaus ein klug konzipiertes, phantasievoll ausgeführtes Destillat europäischer Geschichte im Zeitalter ihrer größten Verwerfungen. Vladimir Vertlib hat sich dem Literaturgedächtnis eingeschrieben.« Alexander Kissler, Frankfurter Allgemeinen Zeitung
»Unwillig verabschiedet man sich von Rosa Masur, einer Frau, die man gerne persönlich kennengelernt hätte, verabschiedet sich von einem Roman, der dramaturgisch und stilistisch im Prinzip auch so alt sein könnte wie seine Protagonistin.« Der Standard
»Vertlib ist kein Moralist, sondern ein Fabulist, ein ganz fabelhafter dazu, und deshalb ist dieses sehr besondere Gedächtnis der Rosa Masur keine Abrechnung mit der Vergangenheit, sondern eine aufmerksame, unerbittliche Sichtung dessen, was nie wieder sein wird. Ein Jahrhundert wird besichtigt. Nicht weniger.« Hamburger Morgenpost
»Trotz des opulenten Hintergrundes verbleibt Vertlib ausreichend Zeit mit der Figur der Rosa Masur ein exemplarisches russisch-jüdisches Frauenschicksal liebevoll nachzuzeichnen. Sein Roman gerät nicht zu einer Abhandlung von Fakten, Rosas Empfindungen stehen stets im Vordergrund.« Straubinger Tagblatt