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Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur: Roman
 
 
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Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur: Roman [Taschenbuch]

Vladimir Vertlib
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 432 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Januar 2003)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423130350
  • ISBN-13: 978-3423130356
  • Größe und/oder Gewicht: 19,4 x 12,1 x 2,5 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Vladimir Vertlib
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Immer gegen die Juden

Vladimir Vertlib (er)findet ein russisches Leben

Das 20. Jahrhundert war eine Fabrik des Todes, deren Ausstoss nach Millionen zählte. Es war aber auch eine ungeheuer fruchtbare Produktionsstätte für Romane, brachte Schicksale hervor, die keine Phantasie sich ausdenken konnte. Und wer sich etwas ausdenken wollte, musste – und muss, denn noch weit in unser Jahrhundert hinein werden die Stoffe des vorigen die Literatur bestimmen – der Historie lediglich nachschreiben. So hat Vladimir Vertlib, ein russischer Jude des Jahrgangs 1966, in seinem ersten Roman («Zwischenstationen», 1999) seine eigene Odyssee geschildert: aus dem damaligen Leningrad nach Israel, Österreich, wieder Israel, den USA, den Niederlanden und nochmals nach Österreich, wo er heute noch lebt. Sein neuer Roman «Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur» erzählt ein Leben, das es gegeben haben könnte und, seit es dieses Buch gibt, auch gegeben hat.

Es ist das Leben einer 92-jährigen Jüdin, das in einem Dorf in Weissrussland beginnt und in Gigricht, einer (fiktiven) ostdeutschen Mittelstadt, seinen Schlusspunkt findet. «Das also ist der Ort, an dem ich sterben werde», sagt Rosa, als sie von der Autobahn den mittelalterlichen Dom und den trägen Fluss erblickt. Vom Sozialamt erhalten sie, ihr Sohn und die Schwiegertochter eine Einzimmerwohnung zugewiesen und so viel Unterstützung, dass es für die tägliche Portion Kartoffeln reicht, für mehr nicht.

Die Deutschen sind «ein höfliches Volk, richtige Europäer und demzufolge etwas dümmlich». Sie werden geplagt von Schuldgefühlen und fördern deshalb allerlei gut gemeinte Projekte, etwa zum Stadtjubiläum Gigrichts eine Publikation mit Beiträgen «ausländischer Mitbürger». So kommt Rosa dazu, ihre Lebensgeschichte zu diktieren – eben jenes Buch, das uns vorliegt. Diese Erzählperspektive erlaubt dem Autor einen schlichten, unaufwendigen Stil, der auch in dramatischen Episoden den gelassenen Ton der Chronik nicht aufgibt. Nur manchmal verdichtet sich das Erlebte zu Lehr- und Merksätzen, die subjektive Lebenserfahrung ins Allgemeine und Gültige überführen: «Männer sind schwächer als Frauen. Sie sterben zuerst» (über die Blockade Leningrads 1941 bis 1944) oder «In dieser Welt muss man Zähne und Klauen haben» oder «So oder so. Es geht immer gegen die Juden».

Tatsächlich stellt der Antisemitismus das Kontinuum dieser neunzig Jahre erlebter Geschichte dar. Zu den ersten Erinnerungen Rosas gehört ein Pogrom in ihrem Heimatdorf, noch unter dem Zaren. Die Mutter weiss da schon: «Die schlimmen, die wirklich schlimmen Zeiten kommen noch.» Deshalb versuchen ihre Eltern auszuwandern, aber der einzige ernsthafte Versuch scheitert schon vor der Grenze. «85 Jahre werden vergehen, bevor ich Russland tatsächlich verlassen werde», kommentiert Rosa. Es folgen der Erste Weltkrieg, die Revolution, Bürgerkrieg, Hungerjahre; der Heimatort wechselt etliche Male den Besitzer. Ob Deutsche, Polen, «rote» und «weisse» Russen oder Räuberbanden: Immer wird geplündert und gemordet, Feuer gelegt und vergewaltigt, und immer geht es gegen die Juden. Während des Zweiten Weltkriegs werden Rosas Eltern von den Deutschen ermordet; die Dörfler helfen gerne dabei, versteckte Juden aufzuspüren. Rosas Bruder wird als «rumänischer Spion» erschossen, ihrem Sohn der Studienplatz verweigert. Der Autor arbeitet auf beklemmende Weise heraus, wie prompt auch feinfühlige und gebildete Funktionäre ihre einschlägigen Reflexe abrufen: «Warum wollt ihr Juden immer etwas Besonderes sein? Sogar im Leid wollt ihr besser sein als wir.» 1953 rollt mit den «Ärzteprozessen» eine neue antisemitische Welle an, ertönt in den Strassen wieder der Schrei: «Schlagt die Juden tot!» Aber dann stirbt Stalin, und die zweite Jahrhunderthälfte bringt nur noch unspektakuläres Elend in einer überbelegten, von Neid und Gekeife erfüllten Kommunalwohnung. «Ob 1966 oder 1983 – es war kein grosser Unterschied.»

Rosas Leben – vor allem die erste Hälfte – beeindruckt die offiziellen Leser, sogar den Bürgermeister von Gigricht. Auch der Leser von Vertlibs Buch kann sich der tiefen Berührtheit nicht entziehen, allzu stark gewinnt die inszenierte Authentizität der Geschichte das Übergewicht gegenüber der literarischen Schlichtheit des Romans. Rosas (und Vertlibs) «Knüller» allerdings, der Auftritt des Leibhaftigen der sowjetischen Hölle, enttäuscht auf ganzer Linie und zeigt, dass der Autor wohl auch nicht ganz so kann, wie er will. Dieser Stalin, der Rosa auf einen geheimnisvollen Brief hin höchstpersönlich in ihrer Wohnung aufsucht, der die Bösen schlägt und den Schwachen aufhilft, ist ein Wohltäter mit Pfeife und Schnauzer, ein literarischer Pappkamerad. Die Schwäche der Personengestaltung, die bereits an früheren Stellen offenbar wurde, erreicht hier einen bedenklichen Tiefpunkt, und hier ist es Vertlibs, nicht Rosas Schwäche. An Solschenizyns grandioses Stalin-Porträt im «Ersten Kreis der Hölle» darf man nicht einmal denken.

Als erzählte Historie hat dieser Roman insgesamt allerdings durchaus seinen Wert und verdient das Publikum, das er in Gigricht nicht bekommt: Denn dort – so die hübsche Pointe – wird das Jubiläum abgesagt, weil sich die mittelalterliche Urkunde, auf die es gründet, als Fälschung entpuppt. So siegt wenigstens hier die oral über die written history .

Martin Ebel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

»Entstanden ist dabei ein Buch voller Episoden und Szenen eines wahrlich aufregenden, erschütternden und herzzerreißenden Lebens mit einer interessanten Hauptfigur.«
ORB Antenne Brandenburg

»Vertlib weiß gerade deswegen zu bewegen, weil er in der Düsternis Witz und Daseinslust aufleuchten lässt und seine Erzählung frei von moralisierendem Kommentar hält.«
Karl-Markus Gauß, Neue Zürcher­ Zeitun­­g

»Den Vergleich mit Joseph Roth oder Isaac Singer und deren lebensprallen, von Schuldgefühlen und Überschwang gleichermaßen gequälten Figuren braucht Vladimir Vertlib nicht zu scheuen. Das durchweg spannend zu lesende Werk ist darüber hinaus ein klug konzipiertes, phantasievoll ausgeführtes Destillat europäischer Geschichte im Zeitalter ihrer größten Verwerfungen. Vladimir Vertlib hat sich dem Literaturgedächtnis eingeschrieben.«
Alexander Kissler, Frankf­­­urter­­­­ Allgem­­­­eine­­­­ Zeitun­­­­g

»Unwillig verabschiedet man sich von Rosa Masur, einer Frau, die man gerne persönlich kennengelernt hätte, verabschiedet sich von einem Roman, der dramaturgisch und stilistisch im Prinzip auch so alt sein könnte wie seine Protagonistin.«
Der Standard

»Vertlib ist kein Moralist, sondern ein Fabulist, ein ganz fabelhafter dazu, und deshalb ist dieses sehr besondere Gedächtnis der Rosa Masur keine Abrechnung mit der Vergangenheit, sondern eine aufmerksame, unerbittliche Sichtung dessen, was nie wieder sein wird. Ein Jahrhundert wird besichtigt. Nicht weniger.«
Hamburger Morgenpost

»Trotz des opulenten Hintergrundes verbleibt Vertlib ausreichend Zeit mit der Figur der Rosa Masur ein exemplarisches russisch-jüdisches Frauenschicksal liebevoll nachzuzeichnen. Sein Roman gerät nicht zu einer Abhandlung von Fakten, Rosas Empfindungen stehen stets im Vordergrund.«
Straubinger Tagblatt

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5.0 von 5 Sternen Ein Leben, ein Jahrhundert, 2. Mai 2005
Von 
H. P. Roentgen - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur: Roman (Taschenbuch)
5000 DM werden im Gigrichter Tageblatt für eine russisch-jüdische Lebensgeschichte geboten. Rosa Masur, vor wenigen Jahren aus Russland nach Deutschland gekommen, meldet sich. Sie möchte ihrem Sohn einen Wunsch erfüllen: Eine Reise in die Provence. Dafür käme das Geld grade recht.

Aber auch andere bewerben sich mit ihrem Leben. Die Konkurrenz ist groß. Rosa weiß, sie muss den Deutschen etwas bieten. Und sie hat etwas zu bieten. Ein Treffen mit Stalin, das ihren Sohn vor dem Arbeitslager bewahrt. Und einen Zettel mit Stalins Unterschrift.

Ob die Geschichte wahr oder erfunden ist, erfährt weder Dimitrij, der sie interviewt noch der Leser des Buches. Sie könnte wahr sein, mehr lässt sich darüber nicht sagen. Und alles andere, was Rosa zu erzählen weiß, ihre Kindheit in einer weißrussischen Kleinstadt, ihr Studium in Leningrad, die Begeisterung für den Aufbau des Sozialismus, endlich einmal als Jüdin nicht benachteiligt zu sein, die Enttäuschung, als alles anders kommt: all das könnte stimmen - oder der blühenden Phantasie Rosas entsprungen sein.

Fast ein Jahrhundert ist Rosa alt und ihre Geschichte oft schrecklich; wehleidig oder moralisch aber nie. Rosa ist nicht der Typ, den Kopf hängen zu lassen. Nicht mal, als sie befürchten muss, jemand hätte während der Leningrader Belagerung mit 150 gr Brotzuteilung am Tag ihre Tochter entführt, um sie aufzuessen.

Dimitrij, dem sie das alles erzählt, soll daraus einen Lebenslauf für einen Sammelband schreiben, "Leben ausländischer Mitbürger", der zum 750.ten Jahrestag der Stadt Gingricht erscheinen wird.

Leider vermag nicht nur Stalin Geschichte zu fälschen, weshalb ... . Doch das sollten Sie schon selber lesen.

Mit Rosa Masur hat Vertlib eine faszinierende Gestalt erschaffen, und die Lebensgeschichte dieser russischen Jüdin ist die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.

(C) Hans Peter Roentgen

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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Hervorragender Roman über ein ganzes Jahrhundert, 23. März 2001
Von Ein Kunde
Bei dem Buch "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" handelt es sich um eine der wichtigsten Neuerscheinungen des Jahres - der österreichische Autor Vladimir Vertlib, in Leningrad geboren, hat einen Roman über ein ganzes Jahrhundert russischer und deutscher Geschichte geschrieben. Aus der Perspektive einer über 90-jährigen erzählt, ist dieses Buch spannend, unterhaltsam und informativ zur gleichen Zeit. Mit hintergründigem Witz und dramaturgischem Geschick erzählt Vertlib von einer Frau, der man gerne glaubt, die aber nicht immer die Wahrheit sagt. Äußerst empfehlenswert!
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4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Ein Buch über ein ganzes Jahrhundert, 15. April 2001
Von Ein Kunde
Der österreichische Schriftsteller Vladimir Vertlib hat mit diesem Roman ein Buch über ein ganzes Jahrhundert geschrieben. Hintergründiger Witz und erzählerische Raffinesse zeichnen es aus. Ich möchte den Text jedem zur Lektüre empfehlen, er ist überaus gelungen und regt ebenso zum Schmunzeln wie auch immer wieder zum Nachdenken an.
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