Mit Sicherheit ist dieses Stück Literatur heute politisch unerwünscht. Die unzivilisierten Räuber- und Mörderbanden, die um die vorletzte Jahrtausendwende in Palästina einfielen und eine weit höher entwickelte islamische Kultur mit Mord, Totschlag, Plünderung und Vergewaltigung überzogen und ein geradezu tollwütiges Schlachtfest veranstalteten, in einer mehrhundertseitigen Ballade zu würdigen, die noch dazu den Segen der katholischen Inquisition des Mittelalters erfuhr - das ist heute etwa so, als würde man ein Hohelied auf die Sprengstoffattentäter der Hamas oder Bin Ladens singen oder die stalinistischen oder gar faschistischen Überfälle des 20. Jahrhunderts lyrisch würdigen.
Sicher handelt es sich um eine sprachmächtige und lyrisch dichte Auseinandersetzung mit den Schlachten der Kreuzzügler und der Sarazenen, der man eine gewisse Faszination nicht absprechen kann. Beeindruckende Armeen aus dem ganzen Orient treten zur Schlacht an mit Führern, die vor Mannesehre nur so strotzen. Rachedürstige Amazonen versprechen ihren Körper demjenigen, der den Kopf des Feindes liefert. Tasso beweist in der Präsentation der orientalischen Heere eine ziemlich umfassende Bildung und beeindruckt mit geografischer Exaktheit.
Da klirren die Schwerter und dampfen die Pferde, testosterondampfende Helden von ungeheurem Mut und unvergleichlicher Kraft treffen sich auf dem Feld der Ehre zum Kampfe, selbst die Engel greifen auf Seiten der Christenheit ein, sogar Zauberer und antike Gottheiten geben sich die Ehre. Ströme von Blut fließen, ganze Familien fallen in dem hin- und herwogenden Schlachtengetümmel.
Das ist - auch in der Übersetzung - äußerst sprachmächtige und auch beeindruckende Dichtung, wenngleich manche Verse in ihrem Pathos unfreiwillig komisch geraten. Vor der Leistung des Übersetzers, das Original 1:1 im Versmaß zu übertragen, ist aber auf jeden Fall der Hut zu ziehen.
Aber es bleibt am Ende für heutige Geschmäcker politisch zu undifferenziert, Christen kämpfen gegen die "Höllenbrut" der Heiden, die Einseitigkeit und Undifferenziertheit des Heldenmuts und die mangelnde psychologische Tiefe sowie die flache Zeichnung der Figuren stellen ein ernsthaftes Problem für die literarische Rezeption dar. Da wird zu tausenden auf dem Feld der Ehre gestorben, auf geht's in ein besseres Himmelreich, um der irdischen Trübsal zu entrinnen.
Insbesondere die pervertierte Sexualität des katholischen Mittelalters macht das Lesen teils schwer erträglich. Immer wieder entfliehen Helden den Banden ihrer Frauen und der "schnöden" Liebe, um statt dessen ihre Ehre auf dem Schlachtfeld zu suchen, immer wieder ruft die "Vernunft" auf das Schlachtfeld aus dem verweichlichten Zusammenleben der Ritter mit ihren Geliebten.
Man könnte es auch auf die Formel "Totschlagen statt Sex haben" bringen. Zwischen den Zeilen wird so die ins Absurde pervertierte Sexualmoral des Mittelalters drastisch zur Schau gestellt.
Anders wäre es wohl auch gar nicht möglich gewesen in einem Werk, das in den dunkelsten Zeiten der Kirchendiktatur entstand und das Wohlwollen der Inquisitoren fand. Immerhin: Tasso selber ist durch diesen literarischen Beitrag in den psychischen Ruin getrieben worden. Das mag den Druck verdeutlichen, unter dem ein Autor zu seiner Zeit beim Verfassen eines solch gewaltigen Epos dieser Thematik stand.
Verwunderlich nur, dass Hollywood, das ja derzeit für antike Schlachtplotten jede Menge offene Kassen hat, das befreite Jerusalem noch nicht entdeckt hat. Ein paar vermögende religiöse Rechte würden sich für die Finanzierung doch sicher finden lassen.