Aus der Amazon.de-Redaktion
Nach und nach wird das Beziehungsgeflecht der Hauptfiguren sichtbar, und es scheint klar, dass der Täter oder die Täterin im Kreis derjenigen zu suchen ist, die auf der Feier anwesend waren: Gwen, die nach Jahren verkümmerten Mauerblümchendaseins doch noch einen Mann fürs Leben gefunden hat; ihr mürrischer Vater Chad, mit dem sie allein auf der Farm wohnt; ihr undurchschaubarer Verlobter Dave, der so gar nicht zu Gwen passt; die frisch geschiedene Ärztin Leslie, Fionas Enkeltochter und Gwens Jugendfreundin, die extra anlässlich der Verlobung aus London anreist ist; und das Ehepaar Jennifer und Colin, das aus undurchschaubaren Gründen seit Jahren seine Ferien auf der Farm verbringt. Als eine von Fiona verfasste „Lebensbeichte“ auftaucht, die in die Wirren der Kriegsjahre und der Landverschickung von Kindern 1943–45 zurückreicht, drängt sich der Verdacht auf, dass die alte Frau wegen eines vor Jahrzehnten begangenen Unrechts sterben musste…
Der Roman hat ganz fraglos Schwächen: Erstens tut der fehlende Fokus auf einen echten Protagonisten dem Buch nicht gut. So wirklich hineinversetzen kann und mag man sich in keine der Personen, alle Charaktere bleiben blass und wirken wenig sympathisch – insbesondere die ermittelnde Polizistin, von der Autorin offenbar als Identifikationsfigur gedacht, ist denkbar blutleer. Zweitens ist die Auflösung relativ unbefriedigend und unglaubwürdig. Und drittens weist die Konstruktion erhebliche Mängel auf: Die vielen Stellen etwa, an denen sich eine der Personen aus hanebüchenen Gründen entscheidet, nun doch nicht zur Polizei zu gehen, sind grotesk. Und die Art und Weise, wie Fionas „Beichte“ über das ganze Buch gestreckt wird, ist völlig unmotiviert (während Gwen, Jennifer und Colin diese Aufzeichnungen, die den Schlüssel zum ganzen Geschehen bilden, hintereinander an einem Tag verschlingen, was ja auch nachvollziehbar ist, braucht Leslie, mit der der Leser „mitliest“, vier Tage dafür, und die Unterbrechungen werden mit Sätzen wie „Sie hatte keine Lust mehr weiterzulesen“ erklärt – das ist an Unglaubwürdigkeit kaum zu überbieten).
Dass bei so viel Kritik das Fazit dennoch positiv ausfällt, ist dem Können Charlotte Links zu verdanken. Die Autorin versteht es blendend, in einfacher Sprache subtile Spannung aufzubauen, falsche Fährten zu legen und dem Leser einen Einblick in die Abgründe der menschlichen Seele zu verschaffen. So ist das Buch einerseits ein ganz klassischer „Whodunit“ in der englischen Erzähltradition, andererseits eine beeindruckende Studie dessen, wozu der Mensch fähig ist, wohin Eigennutz, Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit führen können und was jahrzehntelang verdrängte Schuld auslösen kann. -- Christoph Nettersheim
Pressestimmen
"Charlotte Link hat erneut einen beängstigend guten psychologischen Spannungsroman geschrieben. Sie gibt ihren Charakteren viel Raum um sich zu entfalten und den Leser immer tiefer in deren Verwicklungen untereinander zu ziehen. Bis zum packenden Ende hält sie die hohe Qualität bei. Charlotte Link gehört weltweit zu den größten Crime-Ladys, in einem Atemzug mit Elizabeth George und Minette Walters zu nennen. Das andere Kind stellt das erneut eindrucksvoll unter Beweis." (www.denglers-buchkritik.de )
"Link ist eine tadellose Romandramaturgin." (Die Zeit )
Kurzbeschreibung
In der beschaulichen nordenglischen Küstenstadt Scarborough wird eine Studentin grausam erschlagen aufgefunden. Monatelang tappen die Ermittler im Dunkeln - dann geschieht ein ähnliches Verbrechen. Ein Zusammenhang zwischen den beiden Opfern ist dennoch kaum herzustellen. Die ehrgeizige Polizistin Valerie Almond klammert sich an das allzu Offensichtliche: an ein Zerwürfnis innerhalb der Familie des zweiten Opfers. Lange Zeit ist ihr der Blick jedoch verstellt für das Gift, das in dieser Familie wirkt, und dessen Ursprung sie bis weit in die Vergangenheit hinein zurückverfolgen müsste. Bis hin zu einer grausamen Entdeckung an einem kalten Dezembertag vor dreißig Jahren. Und sogar bis in die Jahre des Zweiten Weltkriegs, als ein Kind auf geheimnisvolle Weise verschwand …
Es dauert fast zu lange, bis Valerie Almond begreift, dass ein kranker Täter seinen Hass und seinen Rachedurst noch nicht gestillt hat. Entsetzt erkennt sie, dass es für ihr Eingreifen schon zu spät sein könnte …
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
SAMSTAG, 19. DEZEMBER
Sie wusste, dass sie so schnell wie möglich verschwinden musste.
Dass sie in Gefahr schwebte und dass sie verloren war, wenn die Leute, die auf dem einsamen Hof lebten, auf sie aufmerksam wurden.
Der Mann stand plötzlich wie aus dem Boden gewachsen vor ihr, gerade als sie am Hoftor ankam und sich eilig auf den Weg hinunter zu ihrem Auto machen wollte. Er war groß und nicht so ungepflegt, wie man es von dem Bewohner eines so heruntergekommenen Gehöfts erwartet hätte. Er trug Jeans und einen Pullover. Seine grauen Haare waren sehr kurz geschnitten. Er hatte helle Augen, in denen nicht die Spur eines Gefühls zu erkennen war.
Semira konnte nur hoffen, dass er sie nicht hinter den Stallgebäuden gesehen hatte. Vielleicht hatte er ihr Auto entdeckt und kam nun, um nachzuschauen, wer sich hier herumtrieb. Ihre einzige Chance bestand darin, ihm Harmlosigkeit und Unbefangenheit überzeugend vorzuspielen, und das, obwohl ihr Herz jagte und ihre Knie zitterten. Ihr Gesicht war feucht von Schweiß, trotz der beißenden Kälte des bereits dämmrigen Dezembernachmittags.
Seine Stimme war so kalt wie seine Augen. "Was tun Sie hier?"
Sie probierte ein Lächeln und hatte den Eindruck, dass es zittrig ausfiel. "Gott sei Dank. Ich dachte schon, hier ist niemand ..."
Er musterte sie von oben bis unten. Semira versuchte sich vorzustellen, was er sah. Eine kleine, dünne Frau, keine dreißig Jahre alt, warm verpackt in lange Hosen, gefütterte Stiefel, einen dicken Anorak. Schwarze Haare, schwarze Augen. Dunkelbraune Haut. Hoffentlich hatte er nichts gegen Pakistanis. Hoffentlich bemerkte er nicht, dass er eine Pakistani vor sich hatte, die meinte sich vor Angst jeden Moment übergeben zu müssen. Hoffentlich nahm er ihre Furcht nicht wahr. Semira hatte den beklemmenden Eindruck, dass man sie riechen konnte.
Er machte eine Kopfbewegung hin zu dem Wäldchen am Fuß des Hügels. "Ihr Auto?"
Es war ein Fehler gewesen, es dort unten zu parken. Die Bäume standen zu weit auseinander und trugen kein Laub, sie verbargen nichts. Er hatte es von einem der oberen Fenster seines Hauses gesehen und sich seine Gedanken gemacht.
Sie war ein Idiot. Hierherzukommen und niemandem Bescheid zu sagen. Und dann noch ihr Auto in Sichtweite der gottverlassenen Farm zu parken.
"Ich ... habe mich völlig verfahren", stotterte sie. "Keine Ahnung, wie ich hier gelandet bin. Dann habe ich Ihr Haus gesehen und dachte, ich könnte fragen, ob ..." "Ja?"
"Ich bin neu in der Gegend." Sie fand, dass ihre Stimme völlig unnatürlich klang, viel zu hoch und etwas schrill, aber er konnte ja nicht wissen, wie sie für gewöhnlich sprach. "Ich wollte eigentlich, ich wollte ..." "Wohin wollten Sie denn?"
Ihr Kopf war leer. "Nach ... nach ... wie hieß der Ort ...?" Sie leckte sich über die trockenen Lippen. Sie stand einem Psychopathen gegenüber. Der Mann gehörte nicht nur in ein Gefängnis, er gehörte in die Sicherheitsverwahrung, davon war sie überzeugt. Sie hätte niemals allein hierherkommen dürfen. Niemand war da, der ihr helfen konnte. Sie war sich der vollkommenen Einsamkeit, der Weltabgeschiedenheit des Ortes, an dem sie sich befand, nur zu bewusst. Kein anderer Hof weit und breit, keine Menschenseele.
Sie durfte keinen Fehler machen. "Nach ...", endlich kam ihr ein Name in den Sinn, "Whitby. Ich wollte nach Whitby."
"Da sind Sie ganz schön weit von der Hauptstraße abgekommen."
"Ja. Das schien mir allmählich auch so." Wieder lächelte sie verkrampft. Der Mann erwiderte ihr Lächeln nicht. Er betrachtete sie aus diesen starren Augen. Aber trotz der Gefühllosigkeit, die von ihm ausging, konnte Semira sein Misstrauen spüren. Seinen Argwohn, der mit jeder Sekunde, da er mit ihr sprach, zu wachsen schien. Sie musste weg!
Sie zwang sich, ruhig stehen zu bleiben, obwohl sie am liebsten losgestürzt wäre. "Vielleicht können Sie mir sagen, wie ich zur Hauptstraße zurückkomme?"
Er antwortete nicht. Seine gletscherblauen Augen schienen sie zu durchdringen. Sie hatte tatsächlich nie kältere Augen gesehen. So kalt, als sei kein Leben mehr in ihnen. Sie war froh, dass sie einen Schal um den Hals trug. Sie konnte spüren, dass ein Nerv rechts unterhalb ihres Kiefers heftig zuckte.
Das Schweigen dauerte zu lange. Er versuchte etwas herauszufinden. Er traute ihr nicht. Er wog das Risiko ab, das von dieser kleinen Person für ihn ausging. Er taxierte sie, als wollte er in die Tiefen ihres Gehirns vorstoßen.
Dann plötzlich glitt ein Ausdruck der Verachtung über sein Gesicht. Er spuckte vor ihr auf den Boden.
"Schwarzes Pack", sagte er. "Müsst ihr jetzt auch Yorkshire bevölkern?"
Sie zuckte zurück. Sie fragte sich, ob er ein Rassist war oder ob er nur provozierte, um sie aus der Reserve zu locken. Er wollte, dass sie sich verriet.
Verhalte dich, als ob das hier eine ganz normale Situation wäre.
Sie merkte, dass ein Schluchzen in ihrer Kehle aufstieg, und sie konnte nicht verhindern, dass ihr ein heiserer Laut entfuhr. Das hier war eben keine ganz normale Situation. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie ihre Panik noch würde kontrollieren können.
"Mein ... Mann ist Engländer", sagte sie. Für gewöhnlich tat sie das nie. Sie versteckte sich niemals hinter John, wenn sie auf Vorurteile stieß, die mit ihrer Hautfarbe zu tun hatten. Aber ein Instinkt hatte ihr diesmal zu dieser Antwort geraten. Ihr Gegenüber wusste nun, dass sie verheiratet war und dass es jemanden gab, der sie vermissen würde, wenn ihr etwas zustieß. Jemanden, der kein Fremder in diesem Land war, der sofort wissen würde, was im Fall des Verschwindens einer Person zu tun war. Jemanden, den man bei der Polizei ernst nehmen würde.
Sie konnte nicht erkennen, ob ihre Aussage ihn in irgendeiner Weise beeindruckte.
"Verschwinde", sagte er.
Es war nicht der Moment, sich über seine Unhöflichkeit aufzuregen. Oder mit ihm über die Frage der Gleichberechtigung weißer und dunkelhäutiger Menschen zu streiten. Es galt nur zu entkommen und die Polizei aufzusuchen.
Sie wandte sich zum Gehen. Zwang sich, in gleichmäßigen Schritten zu laufen und nicht zu rennen, wie sie es am liebsten getan hätte.