Aus der Amazon.de-Redaktion
Ist "Frau sein" ein Verhängnis?
Dieses Kultbuch war eine besondere Leseherausforderung für mich, stellte ich es doch anfangs sehr in Frage. Skeptisch begann ich mit dem Lesen dieses Werkes und wurde nach und nach gefangen genommen von den Ausführungen der Autorin. Sie verführte mich dazu, über meinen Werdegang als Kind, Mädchen, Jugendliche, Frau und über meinen Körper nachzudenken. In Zusammenhang mit meinen Eltern, meiner Erziehung, meiner Ausbildung und meiner Beziehung zu Männern und auch zu Frauen, zog ich ein Resümee.
Im ersten Teil des Buches befaßt sich Simone de Beauvoir mit der Geschichte der Unterdrückung von Frauen. Diese begann mit der Bronzezeit, ihre Muskelkraft zu schwach um mit den von Männern neu erfundenen Werkzeugen umzugehen, brachte den Mann dazu, die Frau als "minderwertig" anzusehen und eine Jahrhunderte währende Herabsetzung der Frau und das Patriarchat waren die Folge. Ihr blieb die Mutterschaft und das Haus überlassen. Bis in die Gegenwart hinein hat dies Konsequenzen, elterliche Erziehung zwingt das weibliche Kind in die ihm vorgeschriebene Rolle, nämlich später Ehefrau und Mutter zu werden, passiv zu bleiben.
Im zweiten Teil analysiert sie wichtige Phasen im Leben einer Frau: Die erste Menstruation, die Entjungferung, die Eheschließung, das Klimakterium... und es wird klar, welch einschneidende Momente diese Erlebnisse für eine Frau und ihre Sexualität bedeuten. Psychosen, Neurosen und Frigidität können aus negativen körperlichen Erfahrungen entstehen, Fallbeispiele in diesem Buch berührten mich zutiefst und ließen mich Frauen mit anderem Verständnis betrachten.
Ein Standardwerk von höchstem sprachlichen und intellektuellem Niveau, das bei keiner Frau im Bücherschrank fehlen darf, und in dem auch Männer vieles über "Das andere Geschlecht" erfahren! "Die freie Frau wird gerade erst geboren"... --Claudia Berg
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Buch der 1000 Bücher
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Das andere Geschlecht
OT Le Deuxième Sexe OA 1949 DE 1951Form Essay Epoche Moderne
Bis heute gilt Simone de Beauvoirs Essay Das andere Geschlecht mit dem Untertitel Sitte und Sexus der Frau über die Frau in der Gesellschaft als Standardwerk der Frauenbewegung und ist das meistgelesene Buch zur Emanzipation. In Details erscheint es überholt, im Wesentlichen jedoch aktuell. Weltanschaulich liegen dem Werk die Positionen des Existenzialismus zu Grunde, der Passivität und Erdulden verurteilt, die Beauvoir den Frauen vorwirft.
Inhalt: In der Einleitung definiert Beauvoir ihr Konzept des »anderen«: Der Mann sei in unserer Vorstellungswelt ohne Frau denkbar, während die Frau »mit Bezug auf den Mann determiniert und differenziert« werde. »Er ist das Subjekt, er ist das Absolute«, heißt es, »sie das Andere.« Aus den jahrtausendealten Einschränkungen der Frau resultiere ihr Unterlegenheitsgefühl.
Das Werk besteht aus zwei Büchern, das erste trägt den Untertitel Fakten und Mythen. Die Autorin untersucht die physiologische, psychologische, ökonomische, historische und literarische Situation der Frau. Nüchtern betrachtet sie die biologischen Gegebenheiten, die Feststellungen der Psychoanalyse und des historischen Materialismus zur Rolle der Frau. Auch die überlegene Körperkraft des Mannes erkläre nicht, warum die Frau sich ihm untergeordnet habe, da beim Menschen »die biologischen Gegebenheiten den Wert, den der Existierende ihnen gibt«, bestimmten. An der Theorie von Sigmund R Freud bemängelt sie, dass er bei der weiblichen Psyche »einfach das männliche Modell zugrunde gelegt« habe. Dem historischen Materialismus billigt sie zu, »wichtige Wahrheiten« erkannt zu haben. Doch erkläre Friedrich R Engels nicht, warum »das Privateigentum notwendig die Versklavung der Frau zur Folge haben soll«. Beauvoir verfolgt die Rolle der Frau im Lauf der Geschichte von den primitiven Formen der menschlichen Gesellschaft bis zur gegenwärtigen, in der die Eltern »ihre Tochter immer noch mehr im Hinblick auf die Ehe« erziehen, anstatt ihre Entwicklung zu fördern.
Das zweite Buch, das Gelebte Erfahrung überschrieben ist, beginnt mit dem Satz: »Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.« Es beschreibt den exemplarischen Werdegang der Frauen von der Geburt bis zum Beginn der Sexualität, die Situation der erwachsenen Frau in der Gesellschaft. Beauvoir entmystifiziert dabei einschneidende körperliche Erfahrungen wie Menstruation, Liebesakt und Gebären als unerfreulich oder demütigend. Den Lesbierinnen widmet sie eine eigene Betrachtung, die von modernen Feministinnen kritisiert wurde, da sie letztlich die »Normalität« für erstrebenswert halte. Nicht selten sarkastisch beschreibt sie die »Rechtfertigungen« der Frauen, die aus Frustration vor einem selbst verantwortlichen Dasein in Rollen wie die der Narzisstin oder der unterwürfigen Liebenden flüchteten.
Wirkung: Unmittelbar nach seinem Erscheinen löste das Buch in Frankreich eine leidenschaftliche Diskussion aus. Innerhalb einer Woche wurden 22 000 Exemplare des ersten Bandes verkauft, der zweite hatte ähnlichen Erfolg. Im Figaro Littéraire ereiferte sich der katholische Schriftsteller François R Mauriac: »Wir haben auf dem Gebiet der Literatur die Grenze der Verkommenheit erreicht.« Andere Literaten verteidigten die Autorin ebenso vehement. Die Zeitschrift Paris Match widmete dem Buch sieben Seiten und schrieb u. a.: »Eine Frau ruft die Frauen zur Freiheit.« Der Vatikan setzte das Buch auf den Index. Die feministischen Frauenbewegungen der Welt machten es zu ihrer theoretischen Grundlage. 1953 wurde es ins Englische, danach in andere Sprachen übersetzt und in Millionenauflagen verkauft. Es regte wissenschaftliche Untersuchungen und zahllose Dissertationen an.
In ihrer Lebensbilanz Alles in allem schrieb Beauvoir 1972: »Das andere Geschlecht mag für militante Feministen von Nutzen sein, doch ist es nicht eigentlich ein militantes Buch.« 1971 bis 1982 führte die deutsche Feministin Alice R Schwarzer Gespräche mit Beauvoir, die 1983 als Buch erschienen. 1992 ließ der Rowohlt-Verlag den fast 1000 Seiten umfassenden Essay neu übersetzen. Die Wirkung des Werks hält bis heute an. N. B.