Berlin 1978: Die Kunsthändlerin Carla Arnim ist außer sich. Da will ihr nach wenigen Tagen der Trennung das Krankenhaus tatsächlich das Kind einer anderen als ihre Felicitas unterjubeln. Mütter wissen es besser und erkennen ihre Kinder, doch leider will niemand ihr glauben.
31 Jahre später, in Edinburgh: Fiona erwacht in ihrer blutgefüllten Badewanne, die Pulsadern aufgeschnitten. Den scheinbare Selbstmordversuch noch einmal glücklich abgewendet, steht die dreißigjährige vor einem Rätsel: Sie wollte sich nicht umbringen. Da hat jemand anderes an den Handgelenken gekratzt. Und schon gibt es die erste Parallele: Auch ihr will keiner glauben.
Dass bei den Bluttransfusionen dann weder Vater, noch die verstorbene Mutter die gleiche Blutgruppe aufweisen wie Fiona ist da nur noch ein weiterer Hinweis fürs Offensichtliche: Irgendwie müssen ja die beiden zeitlich getrennten Handlungsfäden irgendwann zusammenlaufen. Daraus macht die Autorin Zoë Beck keinen Hehl: Die Verbindung der beiden Protagonistinnen ist klar, und das WAS ist schnell geklärt. Und auch wenn die Charaktere ca. 200 Seiten brauchen, bis sie selbst darauf kommen, schafft es die Autorin sich doch hauptsächlich auf das WIE zu konzentrieren.
Zu Schade allerdings, dass es auch da kaum Überraschungen gibt. Die Handlung verläuft nicht nur äußerst geradlinig, sie verläuft auch so, wie man es sich von Beginn an vorstellt. Einzig und allein zwei zusätzliche Handlungsstränge stechen da angenehm heraus: Zum einen Geschichte um Cedric Darney, der Fionas Ex-Liebhaber Ben auf journalistische Ermittlungsreise zu einem Fertilitätsspezialisten schickt. Hier gibt es nicht nur viele Andeutungen und ungeklärte Fragen, allerdings verläuft die Handlung schneller im Sand als gedacht bzw. löst sie sich buchstäblich in Rauch auf. Schade, für Cedric hätte nicht nur mehr Platz im Buch gewünscht, auch wär hier eine etwas rundere Auflösung schön gewesen.
Die andere Nebenhandlung betrifft Fionas Mitbewohnerin Mòrag, meine Lieblingsfigur in diesem Roman, die mit Abstand die größten und interessantesten, psychischen Probleme hat. Sie schafft es auch, ein wenig Thriller in die ganze Angelegenheit zu bringen und steckt die ersten Hinweise auf die andere, die ungeklärte Frage von Fionas Ausgangssituation. Leider verschwindet auch Mòrag schon nach wenigen Seiten. Damit auch der Thriller, der kommt erst auf den letzten 40 Seiten wieder ins Spiel.
Der Rest ist vor allem eines: Familiendrama. Allerdings verdammt gut geschrieben. Auch wenn der Spannungsbogen für einen Thriller praktisch nicht vorhanden ist, erschafft die Autorin eine wunderbare Besetzung an fein ausgearbeiteten Charakteren. Diese Detailverliebtheit, die Sprache und die im Klappentext angesprochene, atmosphärische Dichte haben mich echt an das Buch gefesselt. Teilweise geizt Beck auch nicht mit schwarzem, britischem Humor. Die Szene mit dem Anwalt gegen Ende? Ich hab Tränen gelacht.
Nur braucht es schon mehr, als ein "Kind" im Titel und einen Killer am Ende, um einer gelungenen und gut ausgearbeiteten Familiensaga dieses Ettiket aufzukleben. Daran kann man sich stören, sollte man aber nicht. Die Geschichte ist gut, die Personen sind einnehmend, und wie fein die parallel laufende Erzählweise Atmosphäre erzeugt, das ist nur noch großartig!