...einer über mehr als ein Jahrtausend gewachsenen, noch in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts im Kern weitgehend mittelalterlich geprägten Stadt mit einer heute kaum mehr vorstellbaren Anzahl an einzigartigen Baudenkmälern. Als heimliche Hauptstadt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation war Frankfurt seit 1356 Wahl- und seit dem 16. Jahrhundert dann auch Krönungsstätte der deutschen Kaiser, was sich natürlich im Stadtbild niederschlug. Die für den Handel geographisch günstige Lage sowie die Zuwanderung von Glaubensflüchtlingen im frühen 17. Jahrhundert taten ein übriges, die Stadt bevölkerungsmäßig wie in der Pracht ihrer Bauten zu bereichern. Schließlich erlebte die Stadt ab dem frühen 19. Jahrhundert einen klassizistischen und später historistischen Bauboom, der sich bei einem weiteren starken Bevölkerungswachstum in der Schaffung gewaltiger, um den alten Stadtkern anordnender Gründerzeitquartiere niederschlug. Interessanterweise sparte er, im Gegensatz zu vielen deutschen Städten, die Überbauung der Altstadt aus, wodurch Anfang des letzten Jahrhunderts praktisch alle Architekturformen seit der Karolingerzeit im Stadtbild vertreten waren.
Im ersten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts jedoch begann der Fortschritt dann doch, an der Altstadt zu nagen - insbesondere bei der Schaffung groß angelegter Straßendurchbrüche, um die Altstadt für den Verkehr zu erschließen. Um die selbe Zeit, ausgerüstet mit dem damals neuesten Werkzeug der Künstler, dem Fotoapparat, machten sich einige ihrerzeit sicher als in der Vergangenheit schwelgend verspottte Menschen daran, die Frankfurter Altstadt für die Ewigkeit festzuhalten. Einer der berühmtesten dieser Fotografen war Carl Friedrich Fay, der seine Bilder jeweils im Dutzend in Form sogenannter Lichtdrucke herausbrachte. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden es ingesamt 26 Mappen und somit hunderte von Bildern, die ohne jeden Zweifel zu den besten Fotografien gehören, die es vom alten Frankfurt gibt. Ob nun einst prachtvolle Fachwerkhäuser, an denen unerbittlich der Zahn der Zeit nagt, noch gotische Straßenzüge oder Hinterhöfe, durch die der Hauch der Jahrhunderte fast durch das Papier fühlbar weht, in einer für die Zeit erstaunlich nüchternen und ungeschönten Weise wurde von ihm auf mehr oder minder bewusste Weise ein einzigartiges Porträt einer uralten Stadt geschaffen, von der heute praktisch nichts mehr zu sehen ist.
Die Bomben des Zweiten Weltkriegs, aber auch der danach mangelnde Wille der Stadtpolitik, alte Zustände wiederherzustellen, bereiteten dem "alten Frankfurt", wie es schon vor dem Krieg genannt wurde, ein jähes Ende. Dies hebt den Wert der hier präsentierten Aufnahmen umso mehr, dürften doch die wenigen heute noch lebenden Zeitzeugen bereits im hohen Rentenalter sein.
Dieses Buch ist, da auch eine qualitätvolle Wiedergabetechnik für die hochwertigen Aufnahmen gewählt wurde, der bedeutendste Alt-Frankfurt-Bildband seit Fried Lübbeckes "Alt-Frankfurt. Ein Vermächtnis." und gehört definitiv in das Regal eines jeden an der Geschichte seiner Stadt interessierten Frankfurters. Gleichermaßen ist es auch für Außenstehende interessant, die sich ein Bild vom Aussehen einer deutschen Großstadt um die letzte Jahrhundertwende machen wollen, wie es sie heute - vielleicht Regensburg noch ausgenommen - nirgendwo mehr gibt. Im Endeffekt hatte das alte Frankfurt Glück, auf Bildern, wie wir sie hier zu sehen bekommen, weiterleben zu dürfen, ist dies doch lange nicht jeder deutschen Stadt vergönnt.