Zum Glück musste ich mich nicht durch die deutsche Erstauflage kämpfen, die offenbar so viele Druckfehler enthielt, dass ihr ein begeisterter Leser nur vier statt sechs Sterne zusprach. Aber auch wenn ich verstehen kann, dass dieses Buch auf so viel Wohlwollen stößt, verweigere ich ihm aus anderen Gründen die Höchstnote. Der Psychologe Daniel Siegel beleuchtet zwar das Thema Achtsamkeit aus einer überaus interessanten Perspektive, vergisst aber dabei, dass hinter seinen Scheinwerfer oft Neurologen stehen. Und die sollte man genauer befragen, bevor man so locker mit dem Begriff "wissenschaftlich bewiesen" umgeht. Kommt hinzu, dass es nicht 476 Seiten gebraucht hätte, um dem Leser den Inhalt zu vermitteln. Der Korrektheit halber muss allerdings gesagt werden, dass sechzig Seiten für den Anhang reserviert sind. Wiederholungen in einer Rede haben einen anderen Sinn als in einem Buch. Und oft hätte es dem Anliegen des Autors mehr gedient, wenn er auf Details verzichtet hätte, die nur für neurologisch bewanderte Leser einen Zusatzgewinn bringen.
Gefallen hat mir, dass Daniel Siegel sich nicht scheut, seine subjektiven Erfahrungen einzubringen. Denn sie veranschaulichen Theorien, die nicht immer einfach nachzuvollziehen sind. Um Interessierten einen Anhaltspunkt zu geben, was sie erwartet, zitiere ich aus dem Inhaltsverzeichnis. Im ersten großen Kapitel "Geist, Gehirn und Bewusstsein" gibt es die Unterabschnitte "Achtsames Gewahrsein" und "Das Gehirn - Grundlagenwissen". Im zweiten Kapitel "Eintauchen in die unmittelbare Erfahrung" wird der Stoff in "Eine Woche in Stille" und "Leiden und die Ströme des Gewahrseins" eingeteilt. Der Mittel- und Hauptteil, überschrieben mit "Facetten des achtsames Gehirns" gliedert sich in: Subjektivität und Wissenschaft - Sich die Nabe nutzbar machen - Urteil über Bord werfen - Innere Einstimmung - Reflektive Kohärenz - Flexibilität des Fühlens - Reflektives Denken. Im vierten und letzten Teil heißen die Themen "Den Geist erziehen", "Reflektion in der klinischen Praxis" und "Das achtsame Gehirn in der Psychotherapie".
Mein Fazit: Ein Mammutwerk, das vom Leser einiges an Geduld und Achtsamkeit erfordert. Und auch wenn der Autor sich bemüht, fehlendes neurologisches Vorwissen nachzuliefern, ist es doch von großem Vorteil, wenn man schon einiges über das menschliche Gehirn weiß. Keine leichte, aber eine lohnende Lektüre.