Ein neuer, rabiat eingeführter Fall für die ermittelnde Kommissarin Hanne Wilhelmsen: Sagt der Oberstaatsanwalt Halvorsrud, geschockt neben seiner geköpften Frau aufgefunden, die Wahrheit? Und wie kann dieser Stale Salvesen, ein gescheiterter Geschäftsmann, der Mörder sein, wenn seine Leiche wenig danach im Meer treibend auf-gefunden wird? "Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten" - das achte Gebot bildet ein weitertreibendes Motiv, wenn nicht den Dreh- und Angelpunkt eines Kriminalromans und zugleich Sittenbilds. Während sich die Handlung, forciert durch unerwartete Wendungen, rasch weiterschraubt, läßt es sich trefflich in den dichten und präzisen atmosphärischen Schilderungen von Räumen und Situationen schwelgen. Das Themenarsenal - Mord, Unzucht mit Minderjährigen, Wirtschaftskriminalität, Erpressung - ist weit gestreut. Faszinierend und unerwartet kommt die Demontage der "Heldin". Denn in die heile Berufswelt der Osloer Hauptkommissarin bricht fatal die Nachricht von der lebensbedrohenden Krebsdiagnose ihrer Lebensgefährtin. Das Verschweigen dieser Beziehung, auch aus Furcht vor sozialer Ächtung, bildet eine zweite Ebene des Romans. Während Hanne Wilhelmsen so ins Mark getroffen wird, findet sie spielend die überraschende Lösung des verworrenen Knäuels aus Vortäuschungen und kann falsch gelegten Fährten auf den Grund gehen. Dieser im Norwegischen mit "Dod joker" betitel-te Roman der Journalistin und ehemaligen Ju-stizministerin Anne Holt handelt auch von der verhängnisvollen Verdrängung der Intimsphäre. Die Verleugnung des eigenen Selbst zeigt, daß die Untugend der Lüge keineswegs nur dem Verbrechen anhaftet. Eine Botschaft, wohl persönliches Anliegen der begabten Autorin, die mit ihrem Outing lange gezögert hatte und zuletzt ihr Zusammenleben mit der Verlegerin Tine Kjaer amtlich eintragen ließ. Ein Kriminalroman für Anspruchsvolle, auch als einer der neuen erfolgreichen Lesbentexte von großem Interesse.