"Ein Sturmwind kam von Norden, eine große Wolke mit flackerndem Feuer, umgeben von einem hellen Schein. Aus dem Feuer strahlte es wie glänzendes Gold."
(Hes 1,4)
Hinter dem Romantitel verbirgt sich das in den Jüdischen Altertümern X, 80 des jüdisch-römischen Geschichtsschreiber Josephus Flavius (um 37 - 100 n. Chr.) genannte, mittlerweile jedoch verloren gegangene 2. Buch Hesekiel. Beide, der im sechsten vorchristlichen Jahrhundert intstandenen und dem jüdischen Propheten Ezechiel (Hesekiel) zugeschriebenen Bücher bilden Ausgangspunkt und Hintergrund für die wechselweise auf zwei Zeitebenen spielende Romanhandlung. Während sich der antike Handlungsstrang vor den biblischen Ereignissen im Juli 568 v. Chr., während des Babylonischen Exils der Juden ereignet, läuft die zweite in der Gegenwart spielende Handlung kurz vor und nach Beginn des Irak-Krieges im Februar/März 2003 ab....
....beide Handlungsstränge laufen nicht nur parallel zueinander ab, die Protagonisten sind vielmehr auch eine spiegelbildliche Abbildung ihrer, auf der anderen Zeitebene agierenden Pendants. Die Jüdin Sulamit, der babylonische Prinz und Halbperser Sargon und der jüdische Händler Jakub im antiken Babylon. Die Archäologin und Muslima Marie (!) Dormanque, der amerikanische Jude und ehemalige Marineflieger Mike Dayton und der skrupellose Antikenhändler Dr.Karon im Jahre 2003. Gelungen: Während sich Marie und Mike an der Nachbildung des Ishtartores im Berliner Pergamonmuseum aufhalten (S. 67 ff.), braust Sargons Streitwagen durch das echte Tor (S. 68). Beide Handlungsstränge steuern synchron schließlich in einen Showdown an ein und demselben Ort. Die einstige "Stadt der Winde" ist zweieinhalb tausend Jahre später die archäologische Ausgrabungsstätte Maries, bei der ihr neben dem Global Positioning System auch antike Vermächtnisse zur Hilfe kommen....
Der im Buch Hesekiel 1, 4 ff. (Eingangszitat) beschriebene Thronwagen Gottes ist seit den Tagen des Propheten ein Spekulationsobjekt von Theologen und Wissenschaftlern. Die bildreiche Sprache birgt eine hohe Gefahr mystischer Fehlinterpretationen. Daher verbietet der Mischnatraktat Chagiga 2,1, dass jemand im Buch Ezechiel unterrichtet wird, der nicht nicht weise genug ist, den Stoff selbst zu verstehen. Im Judentum bedeutet dies ein Mindestalter von 30 Jahren. Beide Zeitebenen des Romans bieten zwar mögliche Modelle eines Luftfahrzeuges, sensationellen Sciencefiction- und UFO-Spekulationen wird jedoch eine Absage erteilt (S. 103). Während das erste Buch vom Erscheinen Gottes erzählt, berichtet das (verschollene) zweite, wie man ihn ruft (S. 76) und bietet daher einen breiten Freiraum für die Fiktionen des Autors....
Neben den beiden Handlungsebenen kann auch ein kleines, sehr aber gehaltvolles Glossar eine Vielzahl (kultur-)historischer Details vorweisen. Vom neuassyrischen Reich über Heiratsmarkt, den Göttern Ishtar und Marduk, Löwenjagd, Tempelprostitution bis zum jüdischen König Zedekia erhält der Leser Einblicke in die antike Welt. Nebenbei erfährt er auch, dass eine Königin mit dem griechischen Namen SEMIRAMIS niemals gelebt hat und der Name vielmehr eine Mischung aus verschiedenen Personen, bzw. Namen, allen voran der assyrischen Königin Sammuramat, ist. Nebukadnezar II. ließ die Hängenden Gärten vielmehr für die medische Prinzessin Amytis anlegen. Auch der 50jährige Zyklus der Dogon (S. 94), einem westafrikanischen Volksstamm, der angeblich vom Sirius gekommen sei wird geschickt in die Handlung eingebaut. Zu kritisieren ist einzig der in direkter Rede (der babylonischen Protagonisten) und damit anachronistisch verwendete Begriff "Getto" (S. 16 pp.), denn dieser entstammt dem Venedig der frühen Neuzeit.
Der renommierte Althistoriker, Archäologe und als apl. Prof. im Fachbereich III der Universität Trier lehrende Dr. Michael Pfrommer beschreibt in seinem Nachwort (Seite 312)einen seit Jahrtausenden bestehenden "Clash of Civilizations", einen bis heute anhaltenden Antagonismus zwischen Orient und Okzident. Während sich Saddam Hussein als neuer Nebukadnezar und Saladin (und damit als Synonym für das Morgenland) bezeichnete, handelt es sich bei der Kultur Israels um einen zentralen Pfeiler des Abendlandes, ohne den der spätere Aufstieg des Christentums nicht möglich gewesen wäre. Den 11. September und die Konflikte um den Iran und Afghanistan sieht Dr. Pfrommer hierbei nur als Etappen vor dem Hintergrund dieses welthistorischen Dramas, in dem Reiche und Religionen entstanden und verschwunden sind. Ohne dass sich in den letzten Jahrtausenden irgendein zivilisatorischer Lernprozess abgezeichnet hätte, scheint sich die Geschichte auf zynische Weise unter umgekehrten Vorzeichen stets zu wiederholen. Einzig der Wille zur Verständigung von Menschen der rivalisierenden Lager bietet die Hoffnung auf eine Beendigung dieses Zustandes.
"Das zweite Buch" ist ein mit Spannung zu lesender Archäologie-Thriller, der aufgrund seiner zahlreichen kultur- und zeitgeschichtlichen Fakten auch seine Bezeichnung als "historischer Roman" verdient hat. Mit der "Macht der Liebe" offenbart die gelehrige Lektüre nicht nur philosophisch den einzigen Ausweg aus dem schier endlosen "Kampf der Kulturen"....
5 Amazonsterne für eine überaus gelungene Synthese, die auch timediver®'s Interesse für Pfrommers zweiten historischen Roman "
Der Flug des Greifen" geweckt hat.