Unübertreffbar in der Disziplin des Saubermachens gibt sich ein Zimmermädchen im Hotel Eden seinen Aufgaben hin. Sie putzt zuerst das Bad, dann saugt sie die Böden, wischt mit einem feuchten Tuch den kaum sichtbaren Staub, wechselt die Bettwäsche nach Turnus und die Handtücher nach Bedarf. Doch Lynn genügt dies nicht. 'Wo andere Zimmermädchen nichts mehr sehen, fängt es bei Lynn erst an.' Messer und Daumennägel kratzen den Schmutz aus Ritzen und von Armaturen, sie reinigt sogar den Spalt zwischen Spiegel und Kacheln. Sie putzt unsichtbare Flecken und würde am liebsten die Fliesen rausbrechen um unter diesen für Hygiene zu sorgen. Ein enormes Arbeitspensum, für das Lynn gerne ihre freie Zeit opfert. Sie hat viel Zeit. Seit sie vor wenigen Monaten aus der Klinik entlassen wurde, lebt sie alleine. Sie arbeitet, um nicht nachdenken zu müssen. Sie meidet die Menschen. Trotzdem sucht sie die Nähe zu den anderen. Kulturbeutel, Kleidergerüche, Nachttischlektüren geben ihr Hinweise auf die Schicksale der Zimmergäste. Lynn phantasiert sich in ihre Leben, in ihre Träume und Sehnsüchte, bis sie eines Tages live daran teilnehmen darf. Ein unerwartet zurückgekehrter Gast zwingt sie zur Flucht unter das Bett. Sie findet Gefallen an der Situation.
Markus Orths erzählt in diesem knapp 140 Seiten umfassenden Roman von der Suche nach Nähe. Ihm gelingt die empathische Annäherung an seine Hauptperson, eine junge Frau, deren manisches Putzen viele Deutungen ermöglicht. Verdrängung des Erlebten, Kompensation des Nichterreichten, die Leserin fühlt sich herausgefordert und leidet mit. Der vermeintliche Voyeurismus erweist sich als ein Versuch Nähe zu erfahren, welcher tatsächlich zu einer realen, wenn auch nur bedingt echten menschlichen Beziehung führt. Viel besser als mit Menschen kennt sich die Protagonistin mit den Dingen aus. ' "Die wahren, die vollkommenen Dinge liegen immer im Dunkeln. Wir sind begrenzte Wesen.'"
Mich hat die Geschichte fasziniert und bedrückt zugleich. Sie lässt sich durchaus auch als Hinweis auf die Distanz in unserer Gesellschaft lesen.
Mehr von mir dazu auf meinem Blog.