Aus der Amazon.de-Redaktion
Aber Carla ist tadellos. Was bei ihren Kolleginnen natürlich nicht so gut ankommt. Und auch die strenge Chefin wird immer unerbittlicher, je gründlicher Carla putzt und wienert. Nichts Ungewöhnliches also. Eigentlich ist an und in der Pension, dieser "glücksgespaltenen Fräuleinsammlung", gar nichts ungewöhnlich, es ist das Grab jeder Jugend. Backfisch-Tristesse. Stöckelschuhe mit Riemchen, Maiglöckchenduft, Vanilletabakstengel. Da kommt es ganz recht, dass eine Gruppe von Ärzten einzieht, die sich zum jährlichen Kongress auf der Insel treffen.
Das Zimmermädchen, eine Arzt-Novelle? Wenn man so will, ja. Oder besser: ein Heimatfilm aus vergangenen Tagen, der an einem beliebigen Sonntagnachmittag im Öffentlich-Rechtlichen läuft. Es geht um die banale Welt der kleinen Dinge, Arbeit, Fiesheiten, Träume, Schäume etc. Annegret Held hätte den Alltag irgendeines Dienstmädchens auf der Welt beschreiben können. Die Handlung ist austauschbar und geht gegen null. Warum um Himmels willen will man dieses Buch trotzdem zu Ende lesen?
Weil Annegret Held ihre einfache Geschichte hinreißend erzählt. Kein intellektueller Wulst, kein abgedrehter Plot, keine exaltierte Erzählkonstruktion. Ihr Stil ist klar, keineswegs unterkühlt, die Dialoge frech und, wie Carla sagen würde, "hemmungslos" modern. Vor allem aber kann Annegret Held mit Worten plastische Dekors und Stimmungen herstellen. Die Langeweile, die Sittlichkeit, die Steifheit in der Meeresbrise am Nordseebad, im Kopfkissen-Knick und in der Tischdecke ist greifbar. Oder die Albernheit, wenn sich die Zimmermädchen am Moorgeist betrinken und nachts verbotenerweise einem Doktor ins Zimmer spannen, um endlich zu erfahren, warum dessen Bett morgens immer nach einer "schweren, arabischen Nacht" aussieht.
Die Höhepunkte von Das Zimmermädchen verbindet Annegret Held mit skurrilen Sprachbildern und Vergleichen, klitzekleine Leckerbissen, die dieses Buch unter anderem so lesenswert machen. Was passiert, nachdem sich Carla aus den "leichenweichen Händen und Friedhofsarmen" des Sudel-Doktors befreit hat? Willkommen im "Deichgrafen". Da hinten steht der Ohrensessel, lesen Sie selbst! --Nikolaus Stemmer
Elke Heidenreich, WDR 2, 4. Juli 2003
Kurzbeschreibung
«So, dann konnte ich ja jetzt endlich in die Neunzehn. Ich nahm mir Eimerchen und rosa Gummihandschuhe und frische Handtücher und meinen allgewaltigen Schlüsselbund. Dieses Geräusch liebte ich am meisten, das Geräusch des drehenden Schlüssels im friesischen Schloss, das Klacken, die Tür öffnete sich. Sesam, Sesam. Ich sah erst mal nicht viel. Es war alles dunkel, und eine eigenartige Schwüle lag in dem Zimmer. Es roch nach schwerem Parfüm und Räucherwerk und Körperausdünstungen und schwersten menschlichen Gefechten. Aber wie sollte der Doktor Wüller das alleine hinbringen, in der ersten Nacht auf Langeoog, eine solche Geruchsintensität und gleichzeitig schwüle Schwingungen wie nach einer schweren, arabischen Nacht? Ich stieß die Fensterläden auf und ließ Licht herein und sah die Verwüstung.»
Klappentext
Elke Heidenreich -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.