Kurzbeschreibung
Wenn du sowohl das Gute wie das Schlechte akzeptierst und nichts bevorzugst, halten das Gute und das Schlechte einander die Waage, heben das Negative und das Positive einander auf. Plötzlich tritt Stille ein, gibt es weder Gut noch Böse gibt es lediglich die Existenz, ohne jedes Werturteil.
Der Autor über sein Buch
Vom Zen-Buddhismus zu sprechen ist unrichtig, denn es ist weit mehr. Buddha ist nicht so irdisch wie Zen. Laotse ist ungemein irdisch, aber ganz so irdisch ist Zen wiederum nicht: Seine Vision verwandelt die Erde zum Himmel. Laotse ist irdisch, Buddha ist jenseitig, Zen ist beides und indem es beides ist, gibt es einfach nichts Außerordentlicheres.
Die Zukunft der Menschheit wird sich immer mehr dem Ansatz von Zen annähern; denn die Begegnung des Ostens mit dem Westen ist nur durch so etwas wie Zen möglich das irdisch und dennoch jenseitig ist. Der Westen ist sehr irdisch, der Osten ist sehr jenseitig. Wer soll da die Brücke bilden? Buddha kann die Brücke nicht sein; er ist der Inbegriff alles Östlichen, der eigentliche Duft des Ostens, ohne Kompromisse. Buddha ist so jenseitig, dass man ihn nicht zu fassen bekommt wie sollte er da die Brücke bilden? Laotse kann auch nicht die Brücke sein; er ist zu irdisch. China ist seit eh und je sehr irdisch gewesen. China gehört eher der westlichen Psyche als der östlichen Psyche an.
Wenn ich mich so umsehe, scheint mir Zen die einzige Möglichkeit zu sein; denn im Zen sind Buddha und Laotse eins geworden. Die Begegnung hat bereits stattgefunden. Die Saat ist da, das Saatkorn für jene große Brücke, die Osten und Westen vereinigen kann. Zen wird sich als der große Treffpunkt erweisen. Es hat eine große Zukunft eine große Vergangenheit und eine große Zukunft. Und das Wunder ist, dass Zen weder an der Vergangenheit noch an der Zukunft interessiert ist. Sein gesamtes Interesse gilt der Gegenwart. Vielleicht wird gerade das das Wunder möglich machen, denn die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft ist die Gegenwart.
Über den Autor
Der Londoner Sunday Times zufolge zählt Osho zu den 1000 Machern des 20. Jahrhunderts; der amerikanische Romanautor Tom Robbins hat ihn einmal den gefährlichsten Mann seit Jesus Christus genannt. Osho selbst beschreibt sein Werk als Beitrag, die Voraussetzungen für die Entstehung einer neuen menschlichen Lebensweise zu schaffen. Diesen neuen Menschentypus hat er immer wieder als Sorbas der Buddha umschrieben also ein Menschen, der nicht nur wie Sorbas der Grieche die irdischen Freuden zu schätzen weiß, sondern ebenso sehr die stille Heiterkeit eines Gautam Buddha.
Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Aspekte von Oshos Arbeit die Vision einer Verschmelzung der zeitlosen Weisheit des Ostens mit den höchsten Potenzialen westlicher Wissenschaft und Technik. Vor allem seine revolutionären Neuansätze zur Wissenschaft der inneren Transformation haben Osho berühmt gemacht. Denn seine Auffassung von Meditation wird dem rasanten Tempo einer modernen Lebensweise gerecht.
Seine innovativen aktiven Meditationen basieren auf dem Gedanken, dass erst der in Körper und Geist angesammelte Stress abgebaut werden muss, um frei von Gedanken und entspannt einen meditativen Zustand zu erfahren.
Auszug aus Das Zen-Prinzip von Osho, Bhagwan Shree Rajneesh. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Folglich gibt es im Zen keine Gottesvorstellung. Wenn man will, kann man sogar sagen, dass es nicht einmal eine Religion ist denn wie sollte es eine Religion ohne Gottesvorstellung geben? Vor allem Menschen, die als Christen, Muslime, Hindus oder Juden aufgewachsen sind, können sich einfach nicht vorstellen, was für eine Art Religion Zen eigentlich sein soll. Wenn es keinen Gott darin gibt, wird es damit zu Atheismus was es aber nicht ist. Zen ist theistisch bis ins Mark nur ohne Gott.
Dies ist der erste Grundsatz, den es hier zu verstehen gilt. Lasst ihn tief in euch einsinken und alles wird klar werden. Für Zen ist Gott nicht der Überbau der Religion, sondern in ihr enthalten. Er ist nicht irgendwo dort, sondern hier. Tatsächlich gibt es für Zen überhaupt kein Dort, ihm ist alles Hier.
Gott ist nicht Dann, sondern Jetzt und eine andere Zeit gibt es nicht. Es gibt weder einen anderen Raum noch eine andere Zeit. Dieser Augenblick ist alles. In diesem Augenblick kommt die gesamte Existenz zusammen, in diesem Augenblick ist alles da. Wenn du das nicht erkennen kannst, heißt das nicht, dass es nicht da ist, sondern lediglich, dass dir der Blick dafür fehlt. Nach Gott brauchst du nicht erst zu suchen; du brauchst nur die Augen aufzumachen. Gott ist bereits der Fall. Gebet ist für Zen belanglos zu wem denn beten? Es gibt keinen Gott, der irgendwo in den Himmeln thront und das Leben und die Schöpfung lenkt. Es gibt keinen Lenker. Das Leben spielt sich in Harmonie ab ganz von sich aus. Da ist niemand, der es von außen befehligt. Gäbe es so eine äußere Autorität, wäre das eine Art Sklaverei. Der Christ wird zum Sklaven; desgleichen der Muslime. Wenn es Gott gibt, der Befehle erteilt, kannst du allenfalls nur ein Diener oder ein Sklave sein, verlierst du jegliche Würde. Nicht so im Zen. Zen verleiht dir eine gewaltige Würde. Da gibt es nirgendwo eine Autorität. Deine Freiheit ist absolut und endgültig.
Hätte Friedrich Nietzsche etwas von Zen gewusst, hätte aus ihm ein Mystiker werden können; stattdessen wurde er wahnsinnig. Er war auf eine bedeutende Tatsache gestoßen. Er sagte: Es gibt keinen Gott. Gott ist tot und der Mensch ist frei. Aber letztlich war er in der Welt der Juden und der Christen groß geworden einer sehr engen Welt, bis obenhin von Begriffen zugenagelt. Irgendwie stolperte er auf eine große Wahrheit: Es gibt keinen Gott, Gott ist tot, folglich ist der Mensch frei. Damit war er auf die Würde der Freiheit gestoßen, aber das war zu viel: Das war für seinen Geist zu viel. Er wurde verrückt, wurde zum Berserker. Hätte er etwas von Zen geahnt, wäre er ein Mystiker geworden. Er hätte nicht verrückt zu werden brauchen.
Man kann auch ohne einen Gott religiös sein. Ja, wie kann man mit einem Gott religiös sein? Das ist die Frage, die Zen stellt, eine tief aufrüttelnde Frage: Wie kann ein Mensch mit einem Gott religiös sein? denn Gott wird deine Freiheit zunichte machen, Gott wird dich beherrschen. Ihr könnt im Alten Testament nachschlagen, wo Gott sagt: Ich bin ein sehr eifersüchtiger Gott, ich dulde keine anderen Götter neben mir. Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich. Und ich bin ein sehr gewalttätiger und grausamer Gott und ich werde dich zerstören und du wirst ins ewige Höllenfeuer geworfen werden! Wie kann der Mensch mit so einem Gott religiös sein? Wie kannst du da frei sein und wie sollst du da aufblühen? Ohne Freiheit ist kein Aufblühen möglich. Wie sollst du dein Bestes geben, wenn da ein Gott ist, der dich zwingt, der dich verdammt, der dich von hierhin nach dorthin treibt, dich manipuliert?
Zen zufolge wird der Mensch mit einem Gott Sklave bleiben, wird der Mensch mit einem Gott ein Götzenanbeter bleiben, wird der Mensch weiterhin in Angst leben. Wie sollst du in Angst aufblühen? Du wirst schrumpfen, du wirst vertrocknen, du wirst absterben. Zen zufolge waltet ohne einen Gott eine gewaltige Freiheit, waltet in der Existenz keine Autorität. Die Folge davon ist eine enorme Verantwortung. Denn seht: Solange ihr von jemandem beherrscht werdet, könnt ihr euch nicht verantwortlich fühlen. Autorität führt zwangsläufig zu Unverantwortlichkeit; Autorität führt zu Widerstand; Autorität führt zu Reaktion, reizt euch zu rebellieren dann wollt ihr Gott umbringen.
Genau das meint Nietzsche, wenn er sagt: Gott ist tot nicht etwa, dass Gott Selbstmord begangen hat oder ermordet worden ist. Sondern dass man ihn ermorden muss. Mit ihm gibt es keine Möglichkeit frei zu sein nur ohne ihn. Aber dann bekam Nietzsche es selber mit der Angst zu tun. Ohne Gott zu leben erfordert enorm viel Mut, ohne Gott zu leben erfordert enorm viel Meditation, ohne Gott zu leben erfordert eine enorme Bewusstheit daran mangelte es. Darum sage ich immer: Er ist auf diese Tatsache gestoßen, es war eigentlich keine Entdeckung. Er hatte nur so im Dunkeln getappt.
Für Zen ist das eine Entdeckung, ist das eine unumstößliche Tatsache: Es gibt keinen Gott. Der Mensch ist für sich selber verantwortlich und für die Welt, in der er lebt. Wenn es Leid gibt, seid ihr verantwortlich, niemand anderes. Ihr könnt eure Verantwortung nicht abwälzen. Wenn die Welt abstoßend ist und viel Schmerz erleidet, können wir niemanden dafür verantwortlich machen als uns selbst. Wir müssen die Verantwortung übernehmen.
Wenn es keinen Gott gibt, bist du auf dich selber zurückgeworfen. Nur so kann Wachstum geschehen, und wachsen musst du. Du musst dein Leben meistern, musst die Zügel selbst in die Hand nehmen, denn jetzt hast du das Sagen, also musst du umsichtiger und wachsamer vorgehen, denn egal was passiert, du wirst verantwortlich sein. Das ist eine Riesenverantwortung. So fängt man an, umsichtiger, wachsamer zu werden. So wird man zu einem Zeugen.
Und es gibt kein Jenseits das Jenseits liegt in dir, jenseits von dir gibt es kein Jenseits. Im Christentum liegt das Jenseits jenseits von dir; im Zen liegt das Jenseits in dir. Also kommt es nicht darauf an, die Augen zum Himmel zu erheben und zu beten das ist zwecklos, da betest du zu einem leeren Himmel. Das Bewusstsein des Himmels ist sehr viel kleiner als das deine. Der eine betet einen Baum an Viele Hindus gehen hin und beten zu einem Baum, viele Hindus gehen zum Ganges und beten den Fluss an, viele beten eine Steinstatue an, viele beten den Himmel an und viele beten eine Vorstellung, eine Idee an: Da betet das Höhere das Niedere an.
Beten ist sinnlos, sagt Zen. Meditation genügt du brauchst also vor niemandem auf die Knie zu fallen, lass diese alte Sklavengewohnheit sein; es kommt nur darauf an, dass du still und ruhig wirst und dich nach innen wendest, um deine Mitte zu finden. Genau diese Mitte ist nämlich auch die Mitte der Existenz. Wenn du zu deinem innersten Kern vorgedrungen bist, bist du damit auch zum innersten Kern der Existenz an sich vorgedrungen. Genau das bedeutet Gott im Zen, nur nennen sie es nicht Gott. Und es ist gut, dass sie es nicht Gott nennen.
Das Erste also, was man sich merken muss, ist: Zen ist keine Theologie, sondern eine Religion und auch das mit einem riesigen Unterschied. Zen ist nämlich keine Religion wie der Islam. Der Islam hat drei Grundpfeiler: Ein Gott, ein Buch und ein Prophet. Zen hat weder einen Gott noch ein Buch noch einen Propheten. Die gesamte Existenz ist die Offenbarung Gottes; die gesamte Existenz ist seine Botschaft. Und vergiss nicht, dass Gott nicht von seiner Botschaft zu trennen ist. Die Botschaft selber ist göttlich; sie bedarf auch keines Boten mit all diesem Unfug hat Zen ein für allemal aufgeräumt.
Die Theologie fängt damit an, dass nur ein Buch existiert. Sie braucht eine Bibel, sie braucht einen heiligen Koran. Sie braucht ein Buch, das vorgibt heilig zu sein, sie braucht ein Buch, das darauf pocht etwas Besonderes zu sein dass es kein Buch gleich ihm gäbe. Dies kommt direkt von Gott, ist seine Verkündigung.
Zen zufolge ist alles heilig, wie kann sich da irgendetwas als besonders aufspielen? Jedes Blatt an jedem Baum und jeder Kiesel an jedem Strand ist besonders, einmalig, heilig. Schließlich ist ja nicht nur der Koran heilig, ist nicht nur die Bibel heilig. Wenn ein Liebender seiner Geliebten einen Brief schreibt, ist dieser Brief heilig. Zen heiligt das gewöhnliche Leben.
Bokoju, ein großer Zen-Meister, sagte immer: Welch ein Wunder! Welch ein Geheimnis! Ich hole Brennholz, ich hole Wasser. Welch ein Wunder! Welch ein Geheimnis!
Und was tut er?, nichts weiter als Holz holen, als Wasser vom Brunnen holen. Und trotzdem sagt er: Welch ein Geheimnis! Das ist der Geist des Zen. Er verwandelt Gewöhnliches in Außergewöhnliches. Er verwandelt Plattes in Erhabenes. Er hebt die Grenze auf zwischen der Welt und dem Göttlichen. Das ist der Grund, warum ich sage: Zen ist keine Theologie, sondern reine Religion. Theologie verunreinigt Religion. Was ihre Religion betrifft, ist kein Unterschied zwischen einem Muslimen und einem Christen und einem Hindu, aber was ihre Theologie betrifft, ist der Unterschied riesig. Sie haben grundverschiedene Theologien. Und die Menschen haben sich wegen Theologien gegenseitig bekämpft.
Religion gibt es nur eine; Theologien gibt es viele. Theologie heißt: Philosophieren über Gott, Gott mit Logik beikommen wollen, das ist natürlich Unfug. Denn es gibt weder eine Möglichkeit Gott zu beweisen noch Gott zu widerlegen. Sich hierüber zu streiten ist irrwitzig. Man kann Gott sehr wohl erfahren, aber beweisen kann man ihn nicht und nichts anderes versucht die Theologie immerfort. Wer sich das von ferne ansieht, der lacht sich schief, so lächerlich ist es.
Im Mittelalter haben christliche Theologen sich die Köpfe zerbrochen, ernstlich über Probleme nachgedacht, die für euch überhaut keine sind. Zum Beispiel: Wie viele Engel haben auf einer Nadelspitze Platz? Ganze Bücher hat man darüber geschrieben fantastische Argumente für und wider
Mulla Nasruddin ruft einmal den Tierarzt wegen seiner zwei Turteltäubchen: Ich mach mir Sorgen um meine Vögel, klagt er ihm. Eine ganze Woche lang sind sie nun schon nicht mehr richtig in Fahrt gekommen.
Der Arzt schaut ins Innere des Käfigs und fragt: Ist der etwa ständig mit einer Erdkarte ausgekleidet?
Nein, antwortet Mulla Nasrudin. Die ist erst seit einer Woche da drin seit das Zeitungspapier alle ist.
Na, kein Wunder also!, befindet der Tierarzt. Turteltäubchen sind sehr empfindsame Wesen. Sie reißen sich einfach zusammen, weil sie finden, dass unsre arme alte Erde schon genug unter Überbevölkerung leidet!
Theologie ist völlig überflüssig. Und durch Theologie wird die Religion vergiftet. Ein wahrhaft religiöser Mensch hat keine Theologie. Er hat wohl die entsprechende Erfahrung, er hat die entsprechende Wahrheit, er hat dieses gewisse Leuchten, aber er hat keine Theologie.
Aber ohne Theologie wären die Schriftgelehrten, die Pandits, die so genannten Weisen arm dran. Die Priester, die Päpste, die Shankaracharyas wären ohne ihre Theologie praktisch aufgeschmissen. Sie haben enorm von ihr profitiert: Ihr ganzes Geschäft basiert auf ihr.
Zen macht dem ein Ende. Es macht dem Priester einen Strich durch die Rechnung. Und sein Geschäft ist eines der schmutzigsten auf der Welt überhaupt, weil es auf nichts als Täuschung beruht: Der Priester hat keinerlei Ahnung von dem, was er anderen predigt. Der Theologe hat keinerlei Erfahrung, spinnt sich aber ständig irgendwelche Theorien zurecht. Er ist ebenso unwissend wie alle anderen wenn nicht sogar noch unwissender. Aber seine Unwissenheit ist sehr, sehr beredt geworden. Seine Unwissenheit kommt sehr schmuck daher ausgeschmückt mit heiligen Schriften, ausgeschmückt mit Theorien, so schlau und gerissen verbrämt, dass ihm kaum jemand seine Schwachpunkte nachweisen kann. Die Theologie hat zweifellos der Welt keinen Dienst erwiesen, den Priestern dagegen sehr wohl: Denen hat sie geholfen, die Menschheit auszubeuten im Namen törichter Theorien.
Treffen sich zwei Psychiater. Sagt der eine, er habe da grad einen hochinteressanten Fall von Schizophrenie. Kommentiert der andere skeptisch: Was soll so interessant dran sein? Gespaltene Persönlichkeiten gibts doch wie Sand am Meer.
Ja schon, aber dieser Fall ist wirklich interessant, trumpft sein Kollege auf, in diesem Fall zahlen nämlich beide.
Auf die Art haben sich alle Priester über Wasser gehalten. Theologie ist Politik; sie spaltet die Menschen. Und wer die Menschen spalten kann, der beherrscht sie.
Zen betrachtet die Menschheit ungeteilt es treibt keinen Keil zwischen sie, sondern schließt alle mit ein. Darum nenne ich Zen die Religion der Zukunft. Die Menschheit wächst nach und nach zu jener Bewusstheit heran, die auf alle Theologie verzichtet und sich für Religion als reine Erfahrung entscheidet.
Im Japanischen gibt es hierfür einen speziellen Ausdruck. Man nennt es Konomama oder Sonomama das Sosein der Existenz. Auf dieses Sosein in Großbuchstaben kommt es an. Dieses Sosein des Lebens ist Gott.
Nicht, dass es einen Gott gäbe, vielmehr ist das bloße Sosein göttlich: das Sosein eines Baums, das Sosein eines Felsen, das Sosein eines Mannes, das Sosein einer Frau, das Sosein eines Kindes. Und dieses Sosein ist etwas Undefiniertes, Undefinierbares. Du kannst dich in ihm auflösen, du kannst mit ihm verschmelzen, du kannst es schmecken Welch ein Wunder! Welch ein Geheimnis! , aber du kannst es nicht definieren, du kannst es nicht logisch nachweisen, du kannst es nicht in messerscharfe Begriffe kleiden. Begriffe töten es. Dann ist es kein Sosein mehr. Dann ist es ein Hirnkonstrukt.
Das Wort Gott ist nicht Gott; der Begriff Gott ist nicht Gott, genauso wenig wie der Begriff Liebe Liebe ist oder das Wort Speise sättigt. Zen sagt etwas ganz Einfaches. Es sagt: Denk dran, dass die Speisekarte nicht deinen Magen füllt. Aber genau das ist es, was die Menschen seit jeher tun: Sie essen die Speisekarte. Und natürlich ist es dann nicht anders zu erwarten, ist es vorauszusehen, dass sie unterernährt sind, dass sie stagnieren, dass sie nicht bei Kräften sind, dass sie ihr Leben nicht in vollen Zügen genießen. Sie haben keine echten Speisen genossen. Sie haben viel zu viel Worte um Speisen gemacht und haben darüber völlig vergessen, was Speise ist.
Gott muss man essen, Gott muss man schmecken, Gott muss man leben und sich nicht um ihn streiten. Alles Um und Drumherum ist Theologie. Und dieses Drumherum dreht sich immerzu im Kreise, trifft niemals ins Schwarze. Es ist ein Teufelskreis. Logik ist ein Teufelskreis. Und Zen unternimmt alles, um dich aus diesem Teufelskreis rauszuholen. Inwiefern ist Logik ein Teufelskreis? Weil die Lösung bereits in der Prämisse vorgegeben ist. Die Schlussfolgerung wird nichts Neues bringen; sie ist bereits in der Prämisse enthalten. Und dann bestätigt freilich der Schluss die Prämisse. Wie mit einem Saatkorn: Der Baum steckt bereits im Saatkorn drin, und dann produziert der Baum viele weitere Saatkörner, und in diesen Saatkörnern stecken wiederum Bäume. Es ist ein Teufelskreis: Saat, Baum, Saat, Baum. Und so weiter und so fort. Oder: Ei, Henne, Ei, Henne, Ei
so geht es weiter bis ins Unendliche. Es ist ein Kreislauf.
Aus diesem Kreislauf auszubrechen um nichts anderes geht es im Zen. Dich nicht weiter in deinem Verstand im Kreise zu drehen mit Hilfe von Wörtern und Begriffen, sondern dich in die Existenz selber fallen zu lassen.