"Siggi und Babarras" waren die 1964 im Comic-Magazin Lupo modern "germanisierten" Namen der wohl berühmtesten Literatur-Gallier "Asterix und Obelix", weil damals für Kelten in Deutschland vermeintlich zu wenig Interesse bestand....
....denn lange Zeit galten die Kelten im Geschichtsbild der meisten deutschen Nichtarchäologen als ein in Westeuropa, dem heutigen Frankreich und den Britischen Inseln, beheimatetes Volk. Das von Julius Cäsars in seinem "Gallischen Krieg" gezeichnete Bild, Gallier (Kelten) links, und Germanen rechts des Rheins hat sich beiderseits des Stroms im öffentlichen Bewusstsein zu einem nahezu unverrückbaren Faktum manifestiert. Hier Vercingetorix, dort "Hermann der Cherusker" als Helden und Denkmäler. Obwohl in Deutschland die Magazine vielfach an keltischen Funden überquellten, wäre vor 20 Jahren niemand auf die Idee gekommen hierzulande ein Keltisches Museum zu eröffnen....
....mittlerweile haben sich jedoch an zahlreichen keltischen Fundorten im einstigen Germansienzahlreiche Freilichtmuseen und Museen etabliert, in dene4n man auf rekonstruierten Befestigungsmauern spazieren gehen, nachgebaute Grabkamern mit aufgebahrten "Toten" besichtigen oder auf touristisch ausgestatteten "Keltenwegen" von Bodendenkmal zu Bodendenkmal wandern kann. Auch die stets zunehmende Zahl an "Kelten-Events" mit Reenactment hat zu einer wachsenden Popularität dieses antiken Volkes in Deutschland beigetragen....
....das sich der Öffentlichkeit auch mit zwei archäologischen Schlüsselfunden präsentiert hatte. Neben dem Großgrabhügel bei Hochdorf nordwestlich von Stuttgart (1978/79), kommt auch dem frühkeltsichen Fürsten vom hessischen Glauberg mit seinen "Micky-Maus-Ohren" (1996) die Bedeutung eines Jahrhundertfundes zu.
Der an der Eberhard Karls Universität in Tübingen studierte "Das Zeitalter der Keltenfürsten" in zwanzig Kapitel untergliedert. Zunächst geht der renommierte Sachbuchautor und Wissenschaftsjournalist den frühen Kelten im westlichen Mittelmeerraum und in Mitteleuropa nach. Die zehn nachfolgenden Kapitel befassen sich getreu dem Buchtitel mit den keltischen Sippenältesten, Feudalherren, Fürsten, ihrem Lebenstil, Grabkultur und den keltischen Herrschaftsstrukturen. Hierbei wird auch die Frage nach einer Gerontiokratie (griech.: Ältestenherrschaft) aufgeworfen.
Gegenstände der nächsten Kapitel ist der "Fernhandel mit dem Mittelmeeraum" und die Wechselwirkung zwischen dem antiken Rohstoff Zinn und der Politik. Der Vorstellung der Fürstensitze als Gewerbezentren und zentralen Orten, der Heuneburg als älteste Stadt Mitteleuropas, sowie dem Ahnenheiligtum am Glauberg und dem Palast auf dem Mont Lassois im Norden Burgunds, folgt die Frage einer (durch die Griechen) "importierten Hochkultur". Die letzten beiden Kapitel sind der keltischen Kunst, dem Ende der Fürstensitze und dem Beginn der keltischen Wanderungen gewidmet.
Neben farblich in grau unterlegten Essays, mit Fragestellungen wie z. B. "Eine Grossbaustelle vor 2600 Jahren?", "Fürsten und Vasallen?", "War die heuneburg die von Herodot erwähnte Stadt Pyrene?" oder Themen wie "Der Wagen als Kultobjekt", "Ein öffentlicher Disput" sorgt eine Vielzahl von schwarzweissen Abbildungen, Fotos, Synopsen und Karten für eine Auflockerung des Textes. Am beeindruckendsten ist das doppelseitige Foto von der Rekonstruktion des Hochdorfer Fürstengrabes mit allen Grabbeigaben im Kletenmuseum Hochdorf. Ein Anhang bmit einem 32seitigen Anmerkungen-/Fussnotenverzeichnis, eine neunseitige Auswahlbiographie und ein alphabetisches Register schließen eine rundum gelungene wissenschaftliche Arbeit ab. Die Präsentation "einer europäischen Hochkultur" mit einer Mischung aus Geschichte, Ärchäologie, Heimatkunde und anderer historischer Hilfswissenschaften ist ein spannendes Leseerlebnis, das zudem noch Anregungen für die Besichtigung von Ausgrabungsstätten und Museen gibt.
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PS: Das Wort Vasall stammt - neben dem lateinischen "vassus" vom keltischen Begriff "gwas" (Knecht) ab!