Dieses Werk beschäftigt sich mit den okkulten Strömungen der Neuzeit. Es ist eine außergewöhnlich umfangreiche und minutiöse Darstellung der wichtigsten mystischen, magischen und okkulten Bewegungen des beginnenden 20. Jahrhunderts in Europa bis in die Gegenwart.
Verfolgt man die Beschreibungen, die der Autor über bekannte esoterische Geistesgrößen wie etwa Franz Hauptmann oder Rudolf Steiner gibt, fragt man sich unwillkürlich, ob dieser ganze esoterische Gedankenkreis ' aus dessen Quellen die heutige Esoterik ja sehr viel Orientierung bezieht ' wirklich noch mit dem gesunden Menschenverstand im Einklang steht. Dabei zeigt sich Webb als durchaus nüchterner und unparteiischer Chronist. Es geht ihm nicht darum, einen spektakulären Verriss der Esoterik zu leisten. Zugleich ist er auch kein kritikloser Anhänger der Esoterik, der alles was etwas mystisch klingt, in den Himmel hebt.
Hört man zum Beispiel, dass sich ein Mitglied der Theosophischen Gesellschaft darüber beschwert, nie Briefe von den rätselhaften Meistern aus dem Himalaya zu erhalten, und Franz Hartmann ihm vorschlägt, "er solle sich selbst ein paar Briefe schreiben und später behaupten, er hätte sie aus dem Blauen heraus erhalten, wie es bei den Mahatmas-Briefen üblich war" (S. 99), fragt man sich schon, ob mit diesen Leuten noch alles in Ordnung war. "Hartmanns Lösung war einfach: er erbot sich, auf einen Stuhl zu steigen und die Briefe auf Jugdes Kopf herabfallen zu lassen." (ebd.)
Von Rudolf Steiner erfahren wir im Übrigen, dass er neben seiner Frau eine Geliebte hatte und deswegen von seiner Wohnung zu den angrenzenden Räumen der Theosophischen Gesellschaft eine Tür durchbrechen ließ, um seine Geliebte jederzeit besuchen zu können. Später mietete er ein möbliertes Haus mit zwei Wohnungen, wo er mit seiner Frau, den Kindern und der Geliebten (Marie von Sivers) wohnte. Natürlich hatte seine Frau Anna (verwitwete Eunike) irgendwann davon genug und zog aus. Webb betont hier jedoch, dass diese Aussagen von der Tochter Annas aus deren früherer Ehe, Emmy, stammen, die möglicherweise von Eifersuchtsgefühlen gegenüber Steiner beeinflusst war, den sie als männlichen Eindringling in die Familie empfunden haben mag (S. 96f.).
Auch die Schilderung der Vorgänge in der Künstler- und Philosophen-Kommune Monte Verita gibt Anlass zur Verwunderung. Nicht nur, dass der O.T.O. (Ordo Templi Orientis) dort eine große Rolle gespielt hat, macht die Sache (meines Erachtens) schlüpfrig. Karl Gräser, Theosoph und eines der Gründungsmitglieder, hatte einen Bruder, "der in einer Toga dort auftauchte und vegetarische Gedichte rezitierte. Er wurde fort geschickt, erschien später erneut, diesmal mit einer Hellseherin und acht Kindern, deren er sich auf fortschrittliche Art entledigte, in dem er sie einfach "für eine kleine Weile" in der Obhut eines freundlichen Passanten auf der Straße ließ und nicht wieder abholte." (S. 89)
Monte Verita war natürlich berühmt. Es trafen sich dort Leute wie Bakunin, Lenin, Hesse, Buber, George u.v.a. Eine Freundin von Annie Besant, "die führende Asconer Okkultistin Frau Dr. Paulus" (S. 91), sah sich im Alter von 92 Jahren als die Wiedergeburt Giordano Brunos an. Ein anderer unterhielt sich mit Zarathustra, Jesus, Lao-Tse und Sokrates (ebd.).
Es zeigt sich hier doch deutlich, welch seltsame Blüten die Esoterik zu treiben vermag. Im Rückblick werden diese frühen esoterischen Bewegungen leider oft idealisiert. Aufschlussreich ist eine derartige Untersuchung auch im Hinblick auf unsere heutigen esoterischen Strömungen. Halbwissen und Verrücktheiten finden sich auch heutzutage noch recht häufig.
Rudolf Steiner spielt in dem Buch noch in tiefer gehender Hinsicht eine Rolle. Der Hass gegen Steiner, der sich in der Folge in der Öffentlichkeit verstärkte, rührt laut Webb daher, dass er als Teil der jüdischen-freimaurerischen Verschwörung zum Umsturz der Welt angesehen wurde. (S. 105)
Noch eine nette Anekdote sei berichtet: der esoterische Schriftsteller Gustav Meyrink erhielt 1917 vom deutschen Außenministerium den offiziellen Auftrag, 'einen Roman zu schreiben, in dem die Freimaurer für den Ausbruch des Krieges verantwortlich gemacht wurden. Es sollte ins Englische und Schwedische übersetzt werden, 500.000 Exemplare sollten gedruckt und auf der ganzen Welt verteilt werden. Meyrink erhielt einen ganzen Stapel Bücher für seine Recherche, doch er wandte ein, Gustav Frenssen oder Ludwig Ganghofer seien vermutlich für diese Arbeit besser geeignet." (S. 266) Das Ministerium wollte jedoch nicht diese deutschtümelnden Autoren, "man sagte ihm, dass die Geschichte glaubhafter wäre, wenn er sie schriebe, und er nahm den Auftrag an." (ebd.) Wie man weiter lesen kann, erschien später ein Diplomat und überredete Meyrink, den Auftrag fallen zu lassen.
Madame Blavatsky, Papus, Adolf Hitler, Sigmund Freud und C.G. Jung, Timothy Leary, Ken Kesey, Ronald D. Laing, Dada, Alan Watts, Haight Ashbury, Wassermannzeitalter, Aleister Crowley ' die Liste ist schier endlos. Das Buch ist ein grandioses Kompendium und Panorama der abendländischen Esoterik. Bemerkenswert ist, dass der Autor, James Webb, diese Unmenge an Informationen zusammen trug, als es noch keine Computer und kein Internet gab. Für das Frühjahr plant der Marix-Verlag die Herausgabe des zweiten Bandes.
Ronald Engert, Redaktion Tattva Viveka (www.tattva-viveka.de)