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Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts
 
 

Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts (Taschenbuch)

von Eric Hobsbawm (Autor), Yvonne Badal (Übersetzer)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 784 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. August 1998)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423306572
  • ISBN-13: 978-3423306577
  • Größe und/oder Gewicht: 19 x 12,4 x 5 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 15.959 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Hoffnung mit Trauerflor

Eric Hobsbawms Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts

Von Christian Meier

Für einen sozialistischen Historiker ist der Rückblick auf das 20. Jahrhundert kein leichtes Unterfangen. Eric Hobsbawm hat diese Herausforderung angenommen und eine Weltgeschichte des zu Ende gehenden Säkulums geschrieben: keine grosse Synthese zwar, aber doch ein Werk, das Respekt abnötigt.

Das «Zeitalter der Extreme» ist die Fortsetzung der grossen Trilogie, in der Eric Hobsbawm die Geschichte des «Langen 19. Jahrhunderts» (von 1789 bis 1914) geschrieben hat. Hier geht es um das «Kurze 20. Jahrhundert», das für ihn vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion reichte. Neun Jahre vor 2000 soll dieses Jahrhundert also bereits Vergangenheit sein. Und da vieles von dem, was folglich im Imperfekt dargestellt wird, noch heute voll präsent ist, kann der Leser immer wieder den eigenartigen Reiz verspüren, die eigene Zeit von der Zukunft her zu betrachten – samt gewissen Tendenzen, die Hobsbawm am Werk sieht, die sich aber so klar noch nicht herausgebildet haben: hier finden wir bereits ihr Ergebnis konstatiert.

Das Jahrhundert soll sich in drei Epochen gliedern: das «Katastrophenzeitalter» (bis 1945), das «Goldene Zeitalter» (bis Mitte der siebziger Jahre) und den «Erdrutsch», der aber erst seit den achtziger Jahren spürbar sei. Das Problem, die ganze Welt und die verschiedenen Dimensionen ihrer Geschichte einzufangen, sucht der Autor dadurch zu lösen, dass er jeweils mehrere Längsschnitte, die zum Teil über die Epochengrenzen hinausgreifen, nebeneinanderstellt.

DAS KATASTROPHENZEITALTER

Im ersten Teil handelt er zum Beispiel anfangs von den beiden Weltkriegen, wobei sein Interesse sehr eingeschränkt ist. Verluste, Kriegsgreuel, neue Waffen, Rüstung und Kosten stehen im Vordergrund. Vergleichsweise grossen Raum nimmt der Frieden von Versailles ein, schliesslich der Prozess der Brutalisierung. Ein zweites Kapitel hat die Weltrevolution zum Thema, also den Umsturz in Russland, die neue Partei, die Wirkungen nach aussen, die letztlich auf wenige tausend Berufsrevolutionäre zurückgehende Veränderung der Welt. Die nächsten beiden Kapitel gelten vor allem der Zwischenkriegszeit, das eine der Wirtschaft, das andere dem «Untergang des Liberalismus», anders gesagt dem Aufstieg des «Faschismus».

Im fünften sodann ist verschiedenes zusammengezogen, was Hobsbawm besonders wichtig ist: die kleineren und grösseren Bündnisse zwischen den «Erben der Aufklärung und den grossen Revolutionen», die Volksfronten, der Zusammenschluss der Linken im Spanischen Bürgerkrieg, die Résistance, aber auch die, keineswegs nur opportunistische, Aufnahme sozialer, reformerischer Ansätze in westlichen Staaten. Hobsbawm meint, dass im Kampf gegen das, was er Faschismus nennt, mehr auf dem Spiel stand als das internationale System, von dem er folglich auch gar nicht spricht: Es wurde vielmehr ein «internationaler ideologischer Bürgerkrieg» geführt. Und die ideologische Gemeinsamkeit zwischen West und Ost ist ihm so wichtig, dass er sie sogar, auch chronologisch kühn, in der Bezeichnung von Mengistus Äthiopien und Kim Il Sungs Nordkorea als Volksdemokratien sich manifestieren sieht. Schliesslich folgen Kapitel zu den Künsten und zum Ende der Imperien.

Auf diese Weise kann man in der Tat eine gewisse Ordnung in die kaum überblickbare Vielfalt dessen bringen, was in diesen dreissig Jahren rund um die Welt geschehen ist. Doch fragt sich, ob nicht am Ende ein Versuch hätte hinzukommen müssen, wenigstens eine gewisse Summe, einen Zusammenhang zwischen den so verschiedenen Geschehensketten und Dimensionen der Zeit herzustellen. Das wäre freilich nur möglich gewesen, wenn Hobsbawm der Frage nachgegangen wäre, was Auschwitz bedeutete, und wenn er die Stalinschen Säuberungen, die totale, gewaltsame, blutige Ummodelung der sowjetischen Gesellschaft in den dreissiger Jahren hier – und nicht erst im Abschnitt über das «Goldene Zeitalter» (!) – abgehandelt hätte.

Setzen nicht der Erste Weltkrieg, der Zusammenbruch der Alten Welt, der Überdruss am Bürgertum, die Revolution, die rapide Fortentwicklung technischer – und keineswegs nur technischer – Möglichkeiten ein bestimmtes Gemisch von Verzweiflung, Ratlosigkeit, Aggressionen und Erwartungen frei, auf das an verschiedenen Stellen, in Europa und in Asien (Japan), eine ungeheure Kraft- und Willensmassierung, ein ruchloses Planen von Gesellschaften, eine Perversion der Staatsmacht antwortet – auf die hin dann die übrige Welt sich schliesslich neu formieren muss? Wobei das Verhältnis zwischen den Generationen besonders problematisch ist. Das wäre immerhin eine Möglichkeit, das Ganze dieser Zeit – samt seinen, etwa wirtschaftlichen, mentalen, Voraussetzungen, seinen, etwa künstlerischen, Symptomen wie schliesslich seinen Auswirkungen über die ganze Welt hin – zu fassen.

Aber man mag das Problem auch anders angehen. Jedenfalls hätte eine solche Synthese das Komplement der verschiedenen Längsschnitte bilden müssen. Zusammenhänge, das ist doch wohl eine historiographische Regel, lassen sich nur im Zusammenhang darstellen. Und wie getrennt auch immer die Geschehensketten in den verschiedenen Dimensionen der Geschichte verlaufen mögen: Irgendwo wirken sie aufeinander und – zusammen.

DAS «GOLDENE ZEITALTER»

UND DER «ERDRUTSCH»

Bei den folgenden beiden Teilen, in denen Hobsbawm ähnlich verfährt, stellt sich die Frage, ob er gut daran getan hat, das, was man landläufig als Nachkriegszeit (bis etwa 1990) zusammenfasst, als Abfolge zweier Epochen zu nehmen. Es kommen damit jedenfalls manche sich durchhaltenden Faktoren nicht genügend klar heraus, etwa die Befestigung und Ausbreitung der Demokratien, der Menschenrechte, auch nicht das langsame, und keineswegs gleichzeitige, Umschlagen einiger Tendenzen. Vor allem: Was für Hobsbawm den Erdrutsch kennzeichnet, die Auswirkungen der wirtschaftlichen Globalisierung, der Arbeitslosigkeit usw., das Vorwalten des immer neu von ihm bekämpften Neoliberalismus – das spricht entscheidend dagegen, 1991 eine Epochengrenze zu ziehen. Denn es wird uns samt vielfältigen Konsequenzen einstweilen auch in Zukunft beschäftigen.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass Hobsbawms durchaus bewundernswerter Versuch, alle Dimensionen der Geschichte – bis hin zur Identitätsgeschichte oder zu der des Films oder der Schallplatte – zu berücksichtigen, mit besonderen Akzentsetzungen verbunden ist. Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte, auch die der Intellektuellen, interessieren ihn vornehmlich. Die Kapitel über die soziale und kulturelle Revolution stellen besondere Glanzleistungen dar. Jeweils geht es ihm vor allem um die Konstellationen zwischen grösseren Tendenzen sowie um prozessuale Zusammenhänge. Ereignisse spielen kaum eine Rolle. Kein Verdun, kein Stalingrad, kein Auschwitz; der Mord an den europäischen Juden wird im Zusammenhang der Kriegsverluste kurz verbucht.

Die Politik scheint mir eindeutig zu kurz zu kommen. Nur so ist es wohl auch möglich, die komplizierten Zusammenhänge der Geschichte der dreissiger Jahre hinter ideologischen Gemeinsamkeiten, die noch dazu fragwürdig sind, verschwinden zu lassen. Auch Personen spielen selten eine grössere Rolle, ihre Charakterisierung erfolgt zumeist mit einem Adjektiv: Nixon das «unsympathischste Individuum unter den amerikanischen Nachkriegspräsidenten»; Ho Chi Minh wird als «edel» bezeichnet, Chruschtschew als «bewundernswerter Rohdiamant».

Im einzelnen kann man viele Fragezeichen setzen: «Ohne die Oktoberrevolution bestünde die Welt (ausserhalb der USA) heute wahrscheinlich eher aus einer Reihe von autoritären faschistischen Varianten als aus einem Ensemble unterschiedlicher liberaler, parlamentarischer Demokratien.» – Ist das nicht, trotz dem wahren Kern, doch übertrieben? Ähnlich liessen sich einige Zweifel gegen die Rekonstruktion der Entstehung des kalten Krieges vorbringen, auch wenn vieles dafür spricht, dass die amerikanische Demokratie nur mit apokalyptischen Szenarien dafür mobilisiert werden konnte.

Doch bei allen Einwänden fordert dieses Buch dem Leser hohen Respekt ab. Und es bietet trotz vielen Druckfehlern und einer nicht ganz ausgereiften Übersetzung eine höchst spannende Lektüre. Auch wenn man nicht überzeugt ist, sind die Zusammenhänge, in die hier vieles gerückt wird, was Zeitgenossen eher aus der Nahsicht und oft mehr isoliert wahrnehmen, von grossem Interesse. Überall spürt man die erkennende, ordnende Kraft eines souveränen, klugen Historikers. Zuweilen leuchtet auch eine grimmige Ironie auf.

Besonders hervorzuheben sind die vielen Stellen, an denen Hobsbawm nicht nur von den Stimmungen und Ängsten der Zeitgenossen berichtet, sondern auch von den Prognosen, den Erwartungen, ehrlicherweise auch den eigenen, die zumeist fehlgingen; oft, weil sie Parallelen im einzelnen zogen, wo die Verhältnisse im ganzen unterschiedlich waren.

Es stellt seit Herodot und Thukydides eine besondere Herausforderung für Historiker dar, wenn sie als Besiegte Geschichte schreiben. Das Werk des Sozialisten Hobsbawm ist dadurch ausgezeichnet, dass er sich dieser Herausforderung ehrlich gestellt hat. Es liegt daher eine leicht pessimistische Note über dem Ganzen, auch wenn das Wunschdenken manchmal durchscheint. Vor allem aber erwächst daraus eine fruchtbare Offenheit, die zumal dem letzten, teilweise prognostischen Kapitel zugute kommt: «Ein Jahrtausend geht zur Neige». Es analysiert etwa die Konsequenzen des Niedergangs der Staatlichkeit, der praktischen Aushöhlung des Monopols auf Waffengewalt – potentiell bis hin zu Atomwaffen –, die Alternativen Europas in Hinsicht auf die Zuwanderer, die ökologische Problematik oder auch die wirtschaftlichen Aussichten. Das erweckt zwar inhaltlich vielfach Besorgnis, ist aber als Analyse so anregend, dass die Lektüre eher erfreut.

Wo Politiker sich vornehmlich aufs Gesundbeten verlegen und Hoffnungen machen, die allmählich fatal an diejenigen erinnern, an die die Deutschen am Ende des Krieges glauben sollten, als man ihnen von den Neuen Waffen sprach, da geniesst man geradezu die umsichtigen, kenntnisreichen Erörterungen des Historikers, der seine Folgerungen stets auch wieder in Zweifel zu ziehen vermag. Der weiss, dass wir uns jedenfalls in einer völlig neuen Lage befinden. Denn der Fortschritt, der sich zugleich im Materiellen, Intellektuellen und Moralischen vollzog, ist zu Ende.

Wir finden uns also in «einer Welt, in der wir nicht mehr wissen können, wohin unsere Reise führt, ja nicht einmal, wohin sie uns führen sollte». Sätze, die an Tocqueville erinnern. Nur dass damals, im 19. Jahrhundert, die Welt in einen Strom in Richtung Demokratie hineingerissen war, während sie sich heute eher im Chaos befindet. Doch ist das Problem, das Tocqueville empfand, die Dinge nämlich zu lenken, solange sie noch zu lenken waren, dadurch nur grösser geworden. Eben deswegen aber auch die Notwendigkeit, dass solche Bücher wie dieses geschrieben und gelesen werden. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

"Nur wenige Historiker dürften bereit und in der Lage sein, ein solches Unternehmen durchzuführen." (Die Zeit)
"Ein weites Panorama dieses Jahrhunderts, ein beeindruckend argumentierender Wurf." (Der Tagesspiegel)

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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Gut lesbare Zeitgeschichte in einem Band, 1. Juni 2007
Von Michael Weber "plodriges" (Nisterau, Westerwald) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Historische Werke von angelsächsischen Vertretern der Zunft sind meistens besser zu lesen als vergleichbare Werke deutscher Kollegen des Faches. Woran liegt das? Es liegt daran, dass die wirklich namhaften Autoren in allgemeinverständlichen Werken dieses Kulturkreises oft weniger Wert auf die Zurschaustellung ihrer wissenschaftlichen Qualifikation in Form von Fußnoten legen. In dem Werk von Hobsbawn bekommt der interessierte Leser eine abwechslungsreich geschriebene Zusammenschau (interessant gegliedert) des gesamten 20. Jahrhunderts. Dabei beeindruckt immer wieder nicht nur die enorme Sachkenntnis des Autors, sondern vor allem sein Überblick über die großen Zusammenhänge und Vernetzungen internationaler Politik in einem Zeitalter, das er selbst über weite Strecken hinweg miterlebt hat. Von besonderem Interesse gerade für uns ist auch die Perspektive, aus der ein Engländer mit einer außergewöhnlichen Biographie das "Zeitalter der Extreme" analysiert, an dessen Verwerfungen und Abgründen wir Deutsche leider einen so großen Anteil haben. Einziger wirklicher Nachteil des Buches: Die deutsche Übersetzung beeinträchtigt aufgrund einiger Mängel an mehreren Stellen das Verständnis, weshalb für Leser, die des Englischen mächtig genug sind, die Lektüre der Originalausgabe eher zu empfehlen ist. Fazit: Ein historisches Standardwerk von ausgesprochener Geltung für alle, die mehr über "ihr Jahrhundert" wissen wollen.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Kein Ende in Sicht., 11. Mai 2009
Von Hubert Kraill (Wien) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
"Das Zeitalter der Extreme." bildet gleichsam als Ergänzungsband einer dreibändigen Geschichte des Langen 19. Jahrhunderts, den vorläufigen Abschluß des Lebenswerks von Eric Hobsbawm (nach "Europäische Revolutionen. 1789 - 1848", "Blütezeit des Kapitals. 1848 - 1875", und "Das imperiale Zeitalter. 1875 - 1914") und führt dem Leser - gnadenlos - vor Augen, daß die Geschichte ständig lehrt, aber keine Schüler findet (frei nach I. Bachmann).

Als Gegenwartsgeschichte steht dies Buch zwischen den Zeiten, zwischen Vergangenheit und Zukunft, überbrückt es den Abgrund zwischen dem "hier und jetzt" seiner Abfassung, und der Gegenwart des Lesers mit seiner Erfahrung einer jüngsten Vergangenheit, welche dem Autor bei Niederschrift des Werks noch Zukunft war, sowie beider Vergangenheit (die des Autors in zeitgeschichtlicher Dimension), welche Ursprung sowohl dieses, als auch jenes, Gegenwart war.
So reflektiert jede Rezeption dieses Buchs auch die Perzeption einer Geschichte zwischen der Gegenwart der Niederschrift und der Gegenwart des Lesens.
Oder auch: Es ist wie der, von einer Norne zur nächsten, gerade in Übergabe begriffene Faden.

Verfaßt kurz nach der Epochenwende am Ende des "Kurzen 20. Jahrhunderts" (übrigens Untertitel der englischen Originalausgabe: "The short twentieth century, 1914-1991", veröffentlicht engl. 1994, 1995 dt.), entblättert sich dem Leser ein Panoptikum von Blut, Schuld, Schande und Ausbeutung, worin eine versagende Aufklärung und der frühe Nationalismus mündeten, von welchen diese Weltgeschichte Hobsbawms den Ausgang nahm, und welches keine besseren Aussichten im Neonationalismus ethnisch zerbrechender Staaten nach dem Ende des Endes der Geschichte (Fukuyama, 1992) verheißt, das weiß der Leser im zeitlichen Respektsabstand beider Werke: Der Humanismus hat mit den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs und dem Nationalsozialismus abgewirtschaftet, nachdem die "Déclaration des Droits de l'Homme et du Citoyen" zu den "Nürnberger Rassengesetzen" und der "Code Civil" zum "Volksgerichtshof" geführt haben, das teleologische Endstadium des politischen Liberalismus mit seiner geradezu chiliastischen Heilserwartung, war mit dem Jugoslawienkriegen ab 1991 und dem Vertrag von Maastricht 1992, dem Zerfall des Ostblocks und der Formung der "Festung Europa" durch ihre "ausschließende Identitätspolitik" (Hobsbawm-Terminus), beendet.
"Das Ende der Geschichte" als Zukunft hat sich (wie immer, wie bisher) als Fortschreibung der Vergangenheit erwiesen: "In den Jahren nach 1989 fanden mehr militärische Operationen in mehr Gebieten von Europa, Asien und Afrika statt, als irgend jemand erinnern konnte, wenngleich nicht alle von ihnen auch offiziell als Kriege eingestuft wurden: [...] Außerdem gab es, wie sich in den frühen neunziger Jahren auf dem Balkan zeigte, keine scharfe Trennlinie zwischen regionalen Vernichtungskämpfen und einem nach alter Art spezifizierbaren Krieg, zu dem sich solche Kämpfe schnell entwickeln konnten. Kurzum, die weltweite Kriegsgefahr war nicht gebannt. Sie hatte sich einfach nur verändert." (Zitat).
Es antwortet Hobsbawm unmittelbar Fukuyama mit Hegels Blamage vor Klio: Schopenhauer bleibt en vogue.

Bezeichnend die Dreiteilung des Werks in: "Das Katastrophenzeitalter", "Das Goldene Zeitalter" und "Der Erdrutsch": Weltkriege, Diktaturen, Wirtschaftskrise, danach Nachkriegszeit, Demokratien, Prosperität, und zuletzt wieder das Ausschlagen des Pendels in die Gegenrichtung.
Faites vos jeux - Die Kugel rollt doch seit einiger Zeit (seit dem Erscheinen des Buchs) von neuem und die Richtung ist dem Gegenwartsmenschen, sofern wahrnehmbar oder von ihm wahrgenommen, beängstigend: Mit der Renaissance von Neokonservatismus, Neonationalismus, wirtschaftlichem Neoliberalismus, Rassismus (der ist nicht "Neo-", das ist immer derselbe kalte Kaffee geblieben), religiösem Fundamentalismus, Ökonomisierung politischer, kultureller, und sozialer Agenden, Beschränkung bürgerlicher Freiheiten aufgrund politischer und medialer Schürung irrationaler Ängste, nebulose Xenophobien bedienend, Ignoranz von unmittelbar notwendig zu treffenden Umweltschutzmaßnahmen, wie wider besseren Wissen fortgeführte Umweltzerstörung, steuert die Welt fröhlich zurück in's 19. Jahrhundert. Eine weitere Ära geht jetzt, unmittelbar und schmerzhaft anhand der jetzigen Weltwirtschaftskrise vorgeführt, eine Generation nach dem Sterben des Sowjetkommunismus, zu Ende, nachdem der Postkommunismus zu einem drastischen Rechtsruck in den demokratischen Systemen Europas geführt hatte, und der wirtschaftliche Wind europaweit von Sozialwirtschaft auf Neoliberalismus drehte. Marx und Engels sind tot (oder lebten quasi nie), Hajek und Friedman sind endlich (hoffentlich für immer) auch tot. Hobsbawm meinte bereits 1994: "Das Scheitern des sowjetischen Modells bestätigte die Anhänger des Kapitalismus in ihrem Glauben, daß eine Wirtschaft ohne Börse niemals funktionieren könne. Das Scheitern des ultraliberalen Modells bestätigte die Sozialisten in ihrem schon eher gerechtfertigten Glauben, daß die Belange des Menschen wie der Wirtschaft viel zu wichtig seien, um allein dem Markt überlassen zu werden." (Zitat).
Während Keynes heute (nicht nur nach damaliger Ansicht Hobsbawms) wieder im zuletzt immer tiefer gewordenem Grab zucken sollte: "Die Wirtschaftswunder des Goldenen Zeitalters hatten auf den steigenden Realeinkommen in den "entwickelten Marktwirtschaften" beruht, denn Massenkonsumwirtschaften brauchen Massenkonsumenten, deren Einkommen hoch genug ist, um die langlebigen High-Tech-Konsumgüter kaufen zu können." (Zitat).
Die Realität des allerdings nun gesuchten Auswegs aus der gegenwärtigen Krise: Nachdem die Gewinne privatisiert wurden, werden die Verluste sozialisiert. Die Zeit der Prosperität kam einzelnen, managenden, überdimensional, der eigentlich wirtschaftenden Menge höchstens durchschnittlich zugute, die Zeit der Krise finanziert dagegen eine Mehrheit, deren Existenz geschmälert wird, während die Portfolios angehäuften Kapitals stiftungsgeschützt dem staatlichen Krisenmanagement entzogen bleiben. Das Motto scheint gegenwärtig zu lauten: Back to the roots! Weg von der Konsumwirtschaft der Masse, zurück zur Subsistenzwirtschaft des Einzelnen.
Das Scheitern von Aufklärung und Humanismus auf ethischer Ebene, Kommunismus und Kapitalismus auf sozialer und wirtschaftlicher, wird von Hobsbawm mit detaillierten Funktionalismen angeführt, sein Stil ist dabei immer leicht lesbar, selten trocken: "Je näher die Jahrtausendwende rückte, um so deutlicher wurde, daß es wirklich angemessener wäre, wieder an die Defekte zu denken, die dem Kapitalismus zu eigen sind, als sich an der Leiche des sowjetischen Kommunismus zu weiden. Doch welcher Veränderungen bedürfte es, um diese Defekte zu überwinden? Und wäre es danach noch dasselbe System?" (Zitat).
Gestern stand die Menschheit vor einem Abgrund, heute, 15 Jahre später, ist sie schon einen großen Schritt weiter.

Aber nicht nur die Kritik der degenerierten Wirtschafts- und Sozialpolitik der "Ersten Welt", auch deren politische Auswirkung auf die "Zweite" bis zur kulturellen der "Dritten" sind Gegenstand der Darstellung Hobsbawms, immer aufgelockert mit vergessenen Konflikten, verdrängten (Polit-)Morden, ignorierten Massakern. Absolut keine "Ereignisgeschichte" schreibend, erweckt Hobsbawm (mir) den Eindruck, Gegenwarts- und Zeitgeschichte ist nichts als eine Abfolge mehr oder weniger in Erinnerung gebliebener mörderischer Ereignisse und Bluttaten. Angst machend: Keine Bluttaten, die irgendwann, in einer einstigen, fernen Vergangenheit, von Troglodyten an ihresgleichen, irgendwo, auf weit entfernten Inselchen, jenseits des (Erkenntnis-)Horizonts begangen wurden, sondern Bluttaten, die am Höhepunkt einer prosperierenden Zivilisation, stolz auf kulturelle und soziale Errungenschaften, nach Jahrhunderten des mühsamsten geistigen und technischen Fortschritts, an gleichen, meist nicht einmal anderen, Menschen, quasi vor der Haustür, begangen wurden und werden (notabene: In Europa, in Rückschau, bereits von und an der Elterngeneration, oder am Balkan der eigenen), eine Folge der Hirnpest des 19. Jahrhunderts: dem "Nationalismus", jede Gleichheit, jede Brüderlichkeit überwindend, nur sich die Freiheit herausnehmend, nach Gutdünken, nach Eigeninteressen zu schlachten, virulent in Gegenwart und Zukunft, das völlig irrationale Denken und Handeln der Massen, Medien, und Politik bestimmend. Es ist alles und alles wird sein wie es immer schon war: Das egozentrische Weltbild, projiziert auf, von verantwortungslos agierender Politik und skrupellos meinungsmachenden Medien quasiideologisch mobilisierten Menschenmengen, von Plebs und Mob bis selbsternannten oder mediengemachten Pseudoeliten, eingekesselt in geistigen, kulturellen, ethnischen und nationalen Grenzen, determiniert den geschichtlichen Prozeß. Der einzig feststellbare Fortschritt, die den unsäglichen Nationalismus überwindende, freie Wirtschaft, hat dagegen, im Zuge der Globalisierung, Völker gegeneinander verschachert, jede Ungleichheit zementierend (siehe die Kapitel über die Dritte Welt). Man ist also "Fortgeschritten" in den letzten soundso vielen Jahren nach 1789, man fragt sich bei der Lektüre (wie beim Erleben, Erfahren) dieser Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, wohin: Fort von Idealen (zum Materialismus der Desillusion), von Humanität (zur egoethnischen Nabelschau), von Gemeinschaft (zur Gesellschaft), von sozialem Bewußtsein (zur Gewinnmaximierung), und von moralischer Kompetenz (zum Sendungsglauben und -willen von Seilschaften - wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen, medialen "Männerbünden").
Nestroy meinte in " Der Schützling", (1847 - auch nicht wirklich zufällig, dieses Entstehungsjahr): "Der Fortschritt ist halt wie ein neuentdecktes Land; ein blühendes Kolonialsystem an der Küste, das Innere noch Wildnis, Steppe, Prärie... Lesen Sie weiter... ›
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10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Glattes 'Sehr Gut', 10. Dezember 2003
Hobsbawm führt vor, wie Geschichte um die Jahrtausendwende(was für ein blödes Wort)geschrieben wird.
Er versteht es hervorragend die Zusammenhänge darzustellen und hat hier ein ungemein packendes Buch geschrieben, das ob der hohen Informationsdichte die vermittelt wird niemals langweilt.
Hätten sich nur einige seiner Vorgänger in derselben Art und Weise an ihre gewagten Unterfangen herangewagt. Dies ist ein Buch das man sogar absoluten Einsteigern im Bereich Zeitgeschichte, vor allem aber der Mehrzahl der amtierenden Politiker, unbedarft empfehlen kann.
Die Grundlagen wie die Details sowohl aus fachlicher als auch aus sprachlicher Sicht in exzellenter Art und Weise miteinander verbunden, dieser Umstand, und dazu die Kompetenz von Hobsbawm, machen das Buch eigentlich zu einer Pflichtlektüre für die Gymnasialschuloberstufen(auch wenn das schwerlich als ein Kompliment für ein Buch aufgefasst werden kann, es ist eines).
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Vor 19 Tagen von Hartmut Boger veröffentlicht

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Hobsbawms Bezug auf ein Jahrhundert der Katastrophen und des (positiven) Wandels. Behandelt werden Entwicklungen und Erschütterungen, des einzelnen und von "Gesellschaft" als... Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 5. März 2008 von Jürgen Mayer

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