|
von Eric Hobsbawm
|
von Eric J. Hobsbawm
|
von Martin Baltes
|
von André Breton
|
Das Gesicht des 21. Jahrhunderts: Ein Gespräch mit Antonio Polito von Eric Hobsbawm |
Produktinformation
Möchten Sie die Produktinformationen aktualisieren oder Feedback zu den Produktabbildungen geben?
|
Eric Hobsbawms Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts
Von Christian Meier
Für einen sozialistischen Historiker ist der Rückblick auf das 20. Jahrhundert kein leichtes Unterfangen. Eric Hobsbawm hat diese Herausforderung angenommen und eine Weltgeschichte des zu Ende gehenden Säkulums geschrieben: keine grosse Synthese zwar, aber doch ein Werk, das Respekt abnötigt.
Das «Zeitalter der Extreme» ist die Fortsetzung der grossen Trilogie, in der Eric Hobsbawm die Geschichte des «Langen 19. Jahrhunderts» (von 1789 bis 1914) geschrieben hat. Hier geht es um das «Kurze 20. Jahrhundert», das für ihn vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion reichte. Neun Jahre vor 2000 soll dieses Jahrhundert also bereits Vergangenheit sein. Und da vieles von dem, was folglich im Imperfekt dargestellt wird, noch heute voll präsent ist, kann der Leser immer wieder den eigenartigen Reiz verspüren, die eigene Zeit von der Zukunft her zu betrachten samt gewissen Tendenzen, die Hobsbawm am Werk sieht, die sich aber so klar noch nicht herausgebildet haben: hier finden wir bereits ihr Ergebnis konstatiert.
Das Jahrhundert soll sich in drei Epochen gliedern: das «Katastrophenzeitalter» (bis 1945), das «Goldene Zeitalter» (bis Mitte der siebziger Jahre) und den «Erdrutsch», der aber erst seit den achtziger Jahren spürbar sei. Das Problem, die ganze Welt und die verschiedenen Dimensionen ihrer Geschichte einzufangen, sucht der Autor dadurch zu lösen, dass er jeweils mehrere Längsschnitte, die zum Teil über die Epochengrenzen hinausgreifen, nebeneinanderstellt.
DAS KATASTROPHENZEITALTER
Im ersten Teil handelt er zum Beispiel anfangs von den beiden Weltkriegen, wobei sein Interesse sehr eingeschränkt ist. Verluste, Kriegsgreuel, neue Waffen, Rüstung und Kosten stehen im Vordergrund. Vergleichsweise grossen Raum nimmt der Frieden von Versailles ein, schliesslich der Prozess der Brutalisierung. Ein zweites Kapitel hat die Weltrevolution zum Thema, also den Umsturz in Russland, die neue Partei, die Wirkungen nach aussen, die letztlich auf wenige tausend Berufsrevolutionäre zurückgehende Veränderung der Welt. Die nächsten beiden Kapitel gelten vor allem der Zwischenkriegszeit, das eine der Wirtschaft, das andere dem «Untergang des Liberalismus», anders gesagt dem Aufstieg des «Faschismus».
Im fünften sodann ist verschiedenes zusammengezogen, was Hobsbawm besonders wichtig ist: die kleineren und grösseren Bündnisse zwischen den «Erben der Aufklärung und den grossen Revolutionen», die Volksfronten, der Zusammenschluss der Linken im Spanischen Bürgerkrieg, die Résistance, aber auch die, keineswegs nur opportunistische, Aufnahme sozialer, reformerischer Ansätze in westlichen Staaten. Hobsbawm meint, dass im Kampf gegen das, was er Faschismus nennt, mehr auf dem Spiel stand als das internationale System, von dem er folglich auch gar nicht spricht: Es wurde vielmehr ein «internationaler ideologischer Bürgerkrieg» geführt. Und die ideologische Gemeinsamkeit zwischen West und Ost ist ihm so wichtig, dass er sie sogar, auch chronologisch kühn, in der Bezeichnung von Mengistus Äthiopien und Kim Il Sungs Nordkorea als Volksdemokratien sich manifestieren sieht. Schliesslich folgen Kapitel zu den Künsten und zum Ende der Imperien.
Auf diese Weise kann man in der Tat eine gewisse Ordnung in die kaum überblickbare Vielfalt dessen bringen, was in diesen dreissig Jahren rund um die Welt geschehen ist. Doch fragt sich, ob nicht am Ende ein Versuch hätte hinzukommen müssen, wenigstens eine gewisse Summe, einen Zusammenhang zwischen den so verschiedenen Geschehensketten und Dimensionen der Zeit herzustellen. Das wäre freilich nur möglich gewesen, wenn Hobsbawm der Frage nachgegangen wäre, was Auschwitz bedeutete, und wenn er die Stalinschen Säuberungen, die totale, gewaltsame, blutige Ummodelung der sowjetischen Gesellschaft in den dreissiger Jahren hier und nicht erst im Abschnitt über das «Goldene Zeitalter» (!) abgehandelt hätte.
Setzen nicht der Erste Weltkrieg, der Zusammenbruch der Alten Welt, der Überdruss am Bürgertum, die Revolution, die rapide Fortentwicklung technischer und keineswegs nur technischer Möglichkeiten ein bestimmtes Gemisch von Verzweiflung, Ratlosigkeit, Aggressionen und Erwartungen frei, auf das an verschiedenen Stellen, in Europa und in Asien (Japan), eine ungeheure Kraft- und Willensmassierung, ein ruchloses Planen von Gesellschaften, eine Perversion der Staatsmacht antwortet auf die hin dann die übrige Welt sich schliesslich neu formieren muss? Wobei das Verhältnis zwischen den Generationen besonders problematisch ist. Das wäre immerhin eine Möglichkeit, das Ganze dieser Zeit samt seinen, etwa wirtschaftlichen, mentalen, Voraussetzungen, seinen, etwa künstlerischen, Symptomen wie schliesslich seinen Auswirkungen über die ganze Welt hin zu fassen.
Aber man mag das Problem auch anders angehen. Jedenfalls hätte eine solche Synthese das Komplement der verschiedenen Längsschnitte bilden müssen. Zusammenhänge, das ist doch wohl eine historiographische Regel, lassen sich nur im Zusammenhang darstellen. Und wie getrennt auch immer die Geschehensketten in den verschiedenen Dimensionen der Geschichte verlaufen mögen: Irgendwo wirken sie aufeinander und zusammen.
DAS «GOLDENE ZEITALTER»
UND DER «ERDRUTSCH»
Bei den folgenden beiden Teilen, in denen Hobsbawm ähnlich verfährt, stellt sich die Frage, ob er gut daran getan hat, das, was man landläufig als Nachkriegszeit (bis etwa 1990) zusammenfasst, als Abfolge zweier Epochen zu nehmen. Es kommen damit jedenfalls manche sich durchhaltenden Faktoren nicht genügend klar heraus, etwa die Befestigung und Ausbreitung der Demokratien, der Menschenrechte, auch nicht das langsame, und keineswegs gleichzeitige, Umschlagen einiger Tendenzen. Vor allem: Was für Hobsbawm den Erdrutsch kennzeichnet, die Auswirkungen der wirtschaftlichen Globalisierung, der Arbeitslosigkeit usw., das Vorwalten des immer neu von ihm bekämpften Neoliberalismus das spricht entscheidend dagegen, 1991 eine Epochengrenze zu ziehen. Denn es wird uns samt vielfältigen Konsequenzen einstweilen auch in Zukunft beschäftigen.
Insgesamt lässt sich feststellen, dass Hobsbawms durchaus bewundernswerter Versuch, alle Dimensionen der Geschichte bis hin zur Identitätsgeschichte oder zu der des Films oder der Schallplatte zu berücksichtigen, mit besonderen Akzentsetzungen verbunden ist. Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte, auch die der Intellektuellen, interessieren ihn vornehmlich. Die Kapitel über die soziale und kulturelle Revolution stellen besondere Glanzleistungen dar. Jeweils geht es ihm vor allem um die Konstellationen zwischen grösseren Tendenzen sowie um prozessuale Zusammenhänge. Ereignisse spielen kaum eine Rolle. Kein Verdun, kein Stalingrad, kein Auschwitz; der Mord an den europäischen Juden wird im Zusammenhang der Kriegsverluste kurz verbucht.
Die Politik scheint mir eindeutig zu kurz zu kommen. Nur so ist es wohl auch möglich, die komplizierten Zusammenhänge der Geschichte der dreissiger Jahre hinter ideologischen Gemeinsamkeiten, die noch dazu fragwürdig sind, verschwinden zu lassen. Auch Personen spielen selten eine grössere Rolle, ihre Charakterisierung erfolgt zumeist mit einem Adjektiv: Nixon das «unsympathischste Individuum unter den amerikanischen Nachkriegspräsidenten»; Ho Chi Minh wird als «edel» bezeichnet, Chruschtschew als «bewundernswerter Rohdiamant».
Im einzelnen kann man viele Fragezeichen setzen: «Ohne die Oktoberrevolution bestünde die Welt (ausserhalb der USA) heute wahrscheinlich eher aus einer Reihe von autoritären faschistischen Varianten als aus einem Ensemble unterschiedlicher liberaler, parlamentarischer Demokratien.» Ist das nicht, trotz dem wahren Kern, doch übertrieben? Ähnlich liessen sich einige Zweifel gegen die Rekonstruktion der Entstehung des kalten Krieges vorbringen, auch wenn vieles dafür spricht, dass die amerikanische Demokratie nur mit apokalyptischen Szenarien dafür mobilisiert werden konnte.
Doch bei allen Einwänden fordert dieses Buch dem Leser hohen Respekt ab. Und es bietet trotz vielen Druckfehlern und einer nicht ganz ausgereiften Übersetzung eine höchst spannende Lektüre. Auch wenn man nicht überzeugt ist, sind die Zusammenhänge, in die hier vieles gerückt wird, was Zeitgenossen eher aus der Nahsicht und oft mehr isoliert wahrnehmen, von grossem Interesse. Überall spürt man die erkennende, ordnende Kraft eines souveränen, klugen Historikers. Zuweilen leuchtet auch eine grimmige Ironie auf.
Besonders hervorzuheben sind die vielen Stellen, an denen Hobsbawm nicht nur von den Stimmungen und Ängsten der Zeitgenossen berichtet, sondern auch von den Prognosen, den Erwartungen, ehrlicherweise auch den eigenen, die zumeist fehlgingen; oft, weil sie Parallelen im einzelnen zogen, wo die Verhältnisse im ganzen unterschiedlich waren.
Es stellt seit Herodot und Thukydides eine besondere Herausforderung für Historiker dar, wenn sie als Besiegte Geschichte schreiben. Das Werk des Sozialisten Hobsbawm ist dadurch ausgezeichnet, dass er sich dieser Herausforderung ehrlich gestellt hat. Es liegt daher eine leicht pessimistische Note über dem Ganzen, auch wenn das Wunschdenken manchmal durchscheint. Vor allem aber erwächst daraus eine fruchtbare Offenheit, die zumal dem letzten, teilweise prognostischen Kapitel zugute kommt: «Ein Jahrtausend geht zur Neige». Es analysiert etwa die Konsequenzen des Niedergangs der Staatlichkeit, der praktischen Aushöhlung des Monopols auf Waffengewalt potentiell bis hin zu Atomwaffen , die Alternativen Europas in Hinsicht auf die Zuwanderer, die ökologische Problematik oder auch die wirtschaftlichen Aussichten. Das erweckt zwar inhaltlich vielfach Besorgnis, ist aber als Analyse so anregend, dass die Lektüre eher erfreut.
Wo Politiker sich vornehmlich aufs Gesundbeten verlegen und Hoffnungen machen, die allmählich fatal an diejenigen erinnern, an die die Deutschen am Ende des Krieges glauben sollten, als man ihnen von den Neuen Waffen sprach, da geniesst man geradezu die umsichtigen, kenntnisreichen Erörterungen des Historikers, der seine Folgerungen stets auch wieder in Zweifel zu ziehen vermag. Der weiss, dass wir uns jedenfalls in einer völlig neuen Lage befinden. Denn der Fortschritt, der sich zugleich im Materiellen, Intellektuellen und Moralischen vollzog, ist zu Ende.
Wir finden uns also in «einer Welt, in der wir nicht mehr wissen können, wohin unsere Reise führt, ja nicht einmal, wohin sie uns führen sollte». Sätze, die an Tocqueville erinnern. Nur dass damals, im 19. Jahrhundert, die Welt in einen Strom in Richtung Demokratie hineingerissen war, während sie sich heute eher im Chaos befindet. Doch ist das Problem, das Tocqueville empfand, die Dinge nämlich zu lenken, solange sie noch zu lenken waren, dadurch nur grösser geworden. Eben deswegen aber auch die Notwendigkeit, dass solche Bücher wie dieses geschrieben und gelesen werden. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
![]() |
89% kaufen den auf dieser Seite vorgestellten Artikel: Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts EUR 17,90 |
![]() |
4% kaufen Globalisierung, Demokratie und TerrorismusEUR 14,90 |
![]() |
3% kaufen Gefährliche Zeiten: Ein Leben im 20. Jahrhundert EUR 14,90 |
![]() |
2% kaufen Das imperiale Zeitalter: 1875-1914 (Campus Bibliothek) EUR 24,90 |
Tags, die Kunden mit diesem Produkt verbinden(Was ist das?)Klicken Sie zum Suchen verwandter Artikel, Diskussionen oder Personen auf ein Tag.
|
|
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel:
|
||||||||||||||||||||||
Die hilfreichsten Kundenrezensionen
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel: Eigene Rezension erstellen
|
|
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen. Meinungen austauschen. Neues erfahren.Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||
|
|
|
|
Sobald Sie sich Produktseiten oder Suchergebnisse angesehen haben, finden Sie diese Seiten zu Ihrer Information hier aufgeführt. |